Drama | Frankreich/Griechenland/Türkei 2017 | 96 Minuten

Regie: Tony Gatlif

Eine junge, unangepasste Griechin wird von ihrem Onkel nach Istanbul geschickt, wo sie ein Ersatzteil für sein Boot kaufen soll. Ihr Trip von der Insel Lesbos in die türkische Metropole und zurück bietet dem eher schlendernden Film Anlass für eine Reihe von Zufallsbegegnungen und Beobachtungen zur Finanz- und Flüchtlingskrise. Die lose Folge der Episoden wird durch entfesselte Rembetika-Gesänge und das mitreißende Spiel der Hauptdarstellerin zusammengehalten. Ein Plädoyer für die verbindende, lebensrettende Kraft der Musik. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DJAM
Produktionsland
Frankreich/Griechenland/Türkei
Produktionsjahr
2017
Regie
Tony Gatlif
Buch
Tony Gatlif
Kamera
Patrick Ghiringhelli
Schnitt
Monique Dartonne
Darsteller
Daphne Patakia (Djam) · Simon Abkarian (Kakourgos) · Maryne Cayon (Avril) · Kimon Kouris (Pano) · Solon Lekkas (Solon)
Länge
96 Minuten
Kinostart
26.04.2018
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Musikfilm

Heimkino

Verleih DVD
MFA (16:9, 1.60:1, DD5.1 frz./dt.)
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Episodenhaftes Drama von Tony Gatlif über die Reise einer unangepassten jungen Griechin nach Istanbul mit viel Raum für mitreißende Musik.

Diskussion
Das Lied handelt von Liebesschmerz, aber das Bild spricht ein anderes Leid an. „Ich liebe eine verheiratete Frau ... oh weh, oh weh“, singt die junge Griechin Djam mit einer sehr speziellen Mischung aus Melancholie, Wehklage und überbordender Lebenskraft. Ihr Gegenüber ist ein Zaun, gegen den sie antanzt und ansingt, bevor sie in gespielter Erschöpfung auf den Boden sinkt, mit einem beseelten Lächeln und einem letzten „oh weh“. „Djam“ ist ein modernes Musical vor dem Hintergrund der Finanzkrise in Griechenland und des globalen Flüchtlingselends. Die Musik im Film, der Rembetiko, entstammt einer langen Tradition. Der oft als „griechischer Blues“ bezeichnete Musikstil entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Verbindung hellenistischer Volksmusik und osmanischer Musiktradition in den subkulturellen Milieus von Städten wie Athen, Thessaloniki und Piräus. Anfangs wurde der Rembetiko nur von den in Piräus lebenden Rembetes gespielt, meist Flüchtlinge, die aus Smyrna und anderen Orten auf das griechische Festland vertrieben worden waren. Der aus Algerien stammende französische Filmemacher Tony Gatlif greift in „Djam“ immer wieder auf die Erfahrung des Exils als prägende Kraft dieser Musik zurück. In ihr hallen die Migrationsbewegungen der Gegenwart wider. Die titelgebende Protagonistin ist eine quirlige Frau mit rebellischem Geist, großer Schlagfertigkeit und einer wunderschönen Stimme. Von der macht sie vor allem dann Gebrauch, wenn es gilt, andere Menschen zu überzeugen, ihnen zu widersprechen oder ihren eigenen überbordenden Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Von ihrem Stiefvater Kakourgos, den sie „Onkelchen“ oder auch „alten Stinkstiefel“ nennt, was der mit „kleine Schlampe“ quittiert, wird Djam von der Insel Lesbos aus nach Istanbul geschickt. Sie soll eine neue Treibstange für sein kaputtes Boot besorgen; ein Auftrag mit symbolischen Untertönen. Unterwegs begegnet Djam der jungen Französin Avril, deren gut gemeinte Pläne, als freiwillige Helferin für eine humanitäre Flüchtlingsorganisation zu arbeiten, allzu schnell an der Realität scheitern. Avril, die trotz ihrer Banlieue-Herkunft über erstaunlich wenig „street smartness“ verfügt, wird von Djam an die Hand genommen. Dramaturgisch besitzt die Rückreise der beiden Frauen von Istanbul über Mytilini nach Lesbos vor allem die Funktion, die örtlichen Krisen und Katastrophen wie im Vorbeigehen anzusprechen: Züge fahren nicht, Hotels haben dichtgemacht, ein Mann hat seine gesamte Existenz verloren und schaufelt sich sein eigenes Grab. Gespenstisch abwesend sind die Geflüchteten, auf deren Route die beiden Frauen unterwegs sind. An einem menschenleeren Bahnhof erinnern nur verbrannte Holzscheite an ihre Präsenz; auf eine Mauer hat jemand mit Kohle „Befrei dich vom Schein. In Aleppo und ganz Idlib fließt Blut“ geschrieben. Zurück auf Lesbos liegen unzählige kaputte Boote am Strand, ein riesiger Berg mit Rettungswesten gerinnt zum Schockbild der humanitären Katastrophe. Zusammengehalten wird der eher lose und nicht um die Ausarbeitung bemühte Plot durch die entfesselten Rembetika-Gesänge wie auch durch die mitreißende Djam-Darstellerin Daphné Patakia. Ärgerlich ist allerdings, dass ihr betont unangepasstes Auftreten, wenn sie oft und gerne den männlichen Befehlston imitiert oder auf das Grab ihres Großvaters, eines Faschisten, pinkelt, an anderer Stelle ganz anderen Phantasien weicht: etwa wenn Djam nymphenhaft auf weißen Bettlaken nackt die Baglamadaki spielt. Am Ende steht Djams Onkel vor dem Ruin; sein Restaurant wurde verpfändet. Es bleibt nur die Musik.
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