Rhinland. Fontane

Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 67 Minuten

Regie: Bernhard Sallmann

Zweiter Teil eines vierteiligen Filmprojekts, das auf Theodor Fontanes Reisereportagen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ fußt. Zu ausgewählten Zitaten Fontanes zeigt der Film lange, streng kadrierte Bilder der märkischen Landschaft und Natur. Die Vergangenheit streift darin die Gegenwart; die Ereignisse von einst ziehen wie von Geisterhand bewegt vorbei und werden von der Ewigkeit der Natur aufgesogen. Mit dieser Korrespondenz von Vergangenheit und Gegenwart, von Flüchtigkeit und Ewigkeit verweist der kontemplative Film auf das Wechselspiel der Zeiten und vermittelt so einen Eindruck von der Welt und ihrem Wesen.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Bernhard Sallmann
Buch
Bernhard Sallmann
Kamera
Bernhard Sallmann
Schnitt
Christoph Krüger
Länge
67 Minuten
Kinostart
12.04.2018
Fsk
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Der Filmemacher Bernhard Sallmann arbeitet an einem vierteiligen Filmprojekt, das auf Theodor Fontanes Reisereportagen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ fußt. Diese Reportagen entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und es ist heute nur zu ahnen, welchen immensen Aufwand es den Dichter gekostet hat, sie vorzubereiten und zu Papier zu bringen. Fontane beschreibt darin nicht nur, was er auf ausgedehnten Touren mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte; er ließ vielmehr auch die Geschichte und die Geschichten des jeweiligen Ortes lebendig werden, blickte Jahrhunderte zurück, auf die Ideen der Herrschenden und die Lebensverhältnisse des einfachen Volkes. Seine Bücher erwiesen sich als wahre Enzyklopädien einer Landschaft. Nach „Oderland. Fontane“ (2016) nutzt Sallmann diese Texte nun auch in „Rhinland. Fontane“. Judica Albrecht spricht sie mit kräftiger, warmer Stimme: Fontanes Worte in der unaufgeregten Artikulation einer klugen Frau. Die Reihe von Zitaten, die durch keinerlei weitere verbale Kommentare ergänzt werden, beginnt mit einem Gedicht, das den Film thematisch eröffnet: „Großes zählt zu den fremden Dingen“, heißt es da, „Kleines steht näher und lässt sich bezwingen./Großes drückt wie ein schwerer Stein,/aber das Kleine schmeichelt sich ein.“ Die Mark Brandenburg, so Fontane, habe er reicher gefunden, als er sie in Erinnerung hatte. Ein Reichtum, dem er niemals Herr werden könne. Diese Heimat sei ein Glück, ein Trost und die Quelle echtester Freuden. Sallmann, geboren im österreichischen Linz und zugleich sein eigener Kamera- und Tonmann, verwandelt sich diese für ihn eigentlich fremde Heimat, die Bilder und Töne der märkischen Landschaft in langen, streng kadrierten Einstellungen an. Man sieht Felder, Seen, Kanäle, Flüsse, eine Stadt mit Kirchturm in der Ferne, eine Straße, die Felder durchschneidet, ein Schlösschen, ein Kriegerdenkmal, einen Grabstein für eine preußische Königin, einen Waldwiesenweg, bemooste Baumstämme, einen Bootsschuppen, vom Wind leicht bewegte Farnkräuter, und immer wieder den weiten Himmel, selten blau, oft von Wolken bedeckt. Man hört den sanften Wind, das Gezwitscher von Vögeln, das Plätschern von Wasser, aber auch Lärm von der nahen Autobahn. Jedes Bild ist ein Gemälde, wie für die Ewigkeit gemacht. Dazu Fontanes Geschichten, die sich wie Folien über die Aufnahmen legen: Die vollendete Vergangenheit streift die Gegenwart; die Ereignisse von einst ziehen wie von Geisterhand bewegt vorbei und verschwinden ins Nichts, werden von der Ewigkeit der Natur und der Landschaft aufgesogen. Alles ist vergänglich, nichts bleibt, wie es war, und was heute noch wichtig erscheint, wird morgen nur noch auf dem Papier des Chronisten festgehalten sein, aber nicht mehr in der unmittelbaren Wirklichkeit. Für diese Korrespondenz von Vergangenheit und Gegenwart öffnet der Film Augen und Ohren und verweist dabei zugleich auf die Flüchtigkeit jeder Zeit, auch der heutigen. In Linum, wo einst 13.000 Stück Turf als Tagesquantum eines Turfstechers galten, brüten längst Zugvögel. Auf Schloss Meseberg, wo der eitle und ungebildete Major von Kaphengst durch königliche Order ferngehalten wurde, empfängt die Bundesregierung heute ihre Staatsgäste. Und wo früher Schmuggler ihr Unwesen trieben, durchschneiden Züge der Brandenburger Regionalbahn die Landschaft. Keine Spur mehr von jenem Tod und Terror, den der Dreißigjährige Krieg in dieser Landschaft hinterließ. Dafür noch immer und immer wieder Blumen und Gräser „wie Teppiche vor mir ausgebreitet“, so wie es Theodor Fontane schon um 1860 beschrieb. Ralph Eue bezeichnete die Kunst des Filmemachers Bernhard Sallmann einmal darin, „die Welt und ihr Wesen aufzuspüren“. Das gelingt auch in „Rhinland. Fontane“ auf feine, kontemplative Weise.
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