Spell Reel

Dokumentarfilm | Deutschland/Portugal 2017 | 96 Minuten

Regie: Filipa César

Im Jahr 2011 tauchte in dem westafrikanischen Staat Guinea-Bissau ein Film- und Tonbandarchiv wieder auf, das den Befreiungskampf gegen die portugiesische Kolonialmacht in den Jahren 1963 bis 1974 dokumentiert. Gemeinsam mit den guineischen Regisseuren Sana na N’Hada und Flora Gomes, die zu den damaligen Dokumentaristen gehörten, initiierte die in Berlin lebende portugiesische Filmemacherin Filipa César ein vielschichtiges Recherche- und Digitalisierungsprojekt, das unter anderem auch ein Wanderkino beinhaltet. Der Dokumentarfilm „Spell Reel“ dokumentiert die medienarchäologische Arbeit und stellt in essayistischer Form Fragen nach dem Verhältnis von Geschichtsschreibung und Macht sowie nach der Bedeutung von medialen Erinnerungen für die kollektive Identität.

Filmdaten

Originaltitel
SPELL REEL
Produktionsland
Deutschland/Portugal
Produktionsjahr
2017
Regie
Filipa César
Buch
Sana na N'Hada
Kamera
Jenny Lou Ziegel
Schnitt
Filipa César
Länge
96 Minuten
Kinostart
12.04.2018
Fsk
-
Genre
Dokumentarfilm | Historienfilm
Diskussion
Die stummen Schwarzweißbilder des menschenleeren Dschungels haben etwas Gespenstisches, zumal das grisselige Flackern der Zelluloid-Bilder und seine durch Nässe, Kälte und Hitze entstandenen Flecken und Kratzer eine schwer zu fassende Präsenz ausstrahlen. Ein eingeblendeter Text erklärt, dass die Guerillakämpfer in dem westafrikanischen Staat Guinea-Bissau den ruhigen Dschungel mieden. Er hätte ein Hinterhalt sein können, in den die portugiesische Kolonialmacht die Aufständischen locken wollte, mit Lautsprechern und Tonbändern, die Vögel, Wind und Tierwelt simulierten. Der Dschungel als eine „techno-mimetische Falle“. Im Jahr 2011 tauchte in Guinea-Bissau ein Film- und Tonbandarchiv auf, mit Material über den Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht Portugal in den Jahren 1963 bis 1974. Die Aufnahmen stammten unter anderem von den Filmemachern Flora Gomes und Sana na N’Hada. Während des Krieges hatte der guinea-bissauische Intellektuelle und Unabhängigkeitskämpfer Amilcar Cabral vier junge Guineer, darunter Gomes und N’Hada, zum Filmstudium nach Kuba geschickt. Nach ihrer Rückkehr begannen sie die Kamera als Beobachter einzusetzen. Sie dokumentierten Feldarbeit als eine „symbolische Tätigkeit, um Demut zu lernen“, einen Auftritt der panafrikanischen Sängerin Miriam Makeba zum 20. Jahrestag der PAIGC, der Afrikanischen Unabhängigkeitspartei von Guinea und Kap Verde, arbeitende Frauen oder Menschen an einem Tisch, die Geldbündel zählen; die Einführung einer neuen Währung stellte einen wichtigen Schritt zur Souveränität dar. „Spell Reel“ ist ein beeindruckend vielschichtiges, kollektiv erarbeitetes Recherche- und Digitalisierungsprojekt, das die in Berlin lebende portugiesische Filmemacherin Filipa César gemeinsam mit Sana na N’Hada und Flora Gomes initiierte. Nach der Digitalisierung des gealterten Bild- und Tonmaterials, von dessen insgesamt rund 100 Stunden etwa 40 Stunden gerettet werden konnten, reisten die drei mit einem mobilen Kino an die Orte, wo die Filme entstanden waren. Vor lokalem Publikum wurden die damaligen Aufnahmen erstmals öffentlich gezeigt und von den Filmemachern kommentiert. Das Material wurde außerdem bei politischen und diplomatischen Anlässen im Ausland vorgeführt. Dass die Machtasymmetrien auch im post-kolonialen Zeitalter hartnäckigen Bestand haben, zeigt eine Vorführung in Dakar, bei der ein weißer Zuschauer mit herablassendem Gestus die Dürftigkeit der Bildinformation kritisiert. Der Film dokumentiert einerseits die medienarchäologische Arbeit, das Sichten, Katalogisieren etc., sowie die nach der Digitalisierung aufgesuchten Stationen des Wanderkinos; auf der anderen Seite stellt der Film auf eher essayistische Weise Fragen nach dem Verhältnis von Geschichtsschreibung und Macht – und nach der Bedeutung von Bildern für die kollektive Identität. Bis heute gibt es in Guinea-Bissau kein Museum, das den Befreiungskampf dokumentiert. Das historische Wissen und die Erinnerung an die Kämpfe drohen nach dem Staatsstreich von 2012 erst recht verloren zu gehen. Bei der Veröffentlichung des Archivs geht es jedoch um weit mehr als um die eminent wichtige Erinnerungsarbeit. Ganz konkret wird hier etwa die Forderung nach Verhandlungen zwischen Portugal und Guinea-Bissau über Reparationszahlungen formuliert. Bildästhetisch wählt Filipa César einen konzeptuellen Ansatz, der sich stärker an der Visualität von Videoinstallationen orientiert als an herkömmlichen filmessayistischen Methoden. So nimmt das digitalisierte Archivmaterial ein eigenes Bildfenster innerhalb des Frames ein, das sich mal mit Bildern filmischer Gegenwart füllt, mal eine Art Blackbox ist, in die sich kommentierende und mitunter leicht poetisierende Texte buchstäblich einschreiben. Der Film scheint damit der atmosphärischen Aufladung der Archivbilder, die unweigerlich durch das Filmmaterial entsteht, und ihrem kontextfreien Eigenleben entgegenwirken zu wollen. Stattdessen soll der Prozess der Archivarbeit im Bild stets sichtbar bleiben. Doch auch diese Form der Distanzierung produziert unweigerlich ihre eigene Ästhetik. Im Zusammenhang mit der Gründung des Nationalen Filminstituts INCA kam im Jahr 1979 auch der französische Dokumentarfilmer Chris Marker nach Guinea-Bissau. Er lehrte den örtlichen Filmemachern die Montage und brachte einen 16mm-Projektor, Videoausrüstung und Filme mit, die sie studieren sollten. Die transatlantischen Verbindungen gingen in viele Richtungen. Bei den 10. Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 kamen auch Guineische Guerillakämpfer nach Ost-Berlin.
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