Dokumentarfilm | Deutschland/Saudi-Arabien 2017 | 89 Minuten

Regie: Stefanie Brockhaus

Filmisches Porträt der saudi-arabischen Dichterin Hissa Hilal, die durch einen Auftritt in einer Fernsehshow für Poeten im Jahr 2010 Berühmtheit erlangte, als sie die Situation der Frauen in Saudi-Arabien und den religiösen Extremismus anprangerte. Der höchst lehrreiche und eindringliche Film zeichnet das Bild einer starken Frau, die vehement für künstlerische und gesellschaftliche Freiheit eintritt, und beleuchtet pointiert die Widersprüche der saudi-arabischen Gesellschaft. Zudem eröffnet die Lebensgeschichte der Dichterin Einblicke in die wechselvolle Geschichte des Landes von der beduinischen Vergangenheit bis in die zwischen Erdölreichtum und fundamentalistischer Doktrin zerrissene Gegenwart.

Filmdaten

Originaltitel
THE POETESS
Produktionsland
Deutschland/Saudi-Arabien
Produktionsjahr
2017
Regie
Stefanie Brockhaus · Andy Wolff
Buch
Stefanie Brockhaus · Andy Wolff
Kamera
Tobias Tempel · Stefanie Brockhaus
Schnitt
Hansjörg Weissbrich · Anja Pohl
Länge
89 Minuten
Kinostart
31.05.2018
Fsk
-
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Man sieht nur ihre Augen. Der Rest des Gesichtes ist wie der ganze Körper von schwarzem Stoff verhüllt. Die Frau aus Saudi-Arabien wirkt archaisch fremd in dem modernen Fernsehstudio in Abu Dhabi. Bei der großen Fernsehshow sind nicht nur alle anderen Teilnehmer des Dichterwettbewerbs männlich, sondern auch fast alle Zuschauer. Die wenigen Frauen im Publikum sitzen getrennt von den Männern, tragen ein Kopftuch, zeigen jedoch zumindest ihr Gesicht. Die in der Tracht weiblicher Unterwürfigkeit, in schwarzem Abaya und Niqab, gekleidete Frau auf der Bühne aber wird extrem deutlich: „Ich kritisiere religiöse Strenge, Terrorismus und Töten im Namen des Islams. Ich kritisiere alle Versuche, die arabische Welt aus sich selbst heraus abzuschotten und feindlich anderen gegenüber zu sein.“

Damit gelangte die etwa 50-jährige Dichterin Hissa Hilal im Jahr 2010 weltweit in die Schlagzeilen. Sie schaffte es als erste Frau in das Finale der Fernsehshow „Poet der Millionen“ in Abu Dhabi, eine Art „Grand Prix“ der „Nabati“, der traditionellen Dichtung der Beduinen. Vor einem 75 Millionen umfassenden Fernsehpublikum kritisiert sie in ihren Gedichten die Situation der Frau und prangert extremistische und verhetzende Fatwas an.

Die Regisseure Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff begleitet Hilal in „The Poetess“ von der Bewerbung über die Vorentscheidungsrunden bis zum Finale. Dabei greifen sie auf Archivbilder zurück, auf ausführliche Interviews mit Hissa Hilal und Aufnahmen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten, Bilder urbaner Skylines und ländlicher Regionen, die die Widersprüche visualisieren, in denen die saudi-arabische Gesellschaft steckt.

Der Film zeigt das Leben einer Frau voller gesellschaftlicher Zwänge: „Sie verfolgen dich für jede Kleinigkeit“, sagt Hilal, die sich in erster Linie als Künstlerin und nicht als politische Aktivistin versteht: „Für mich ist die Frau die Seele der Gesellschaft. Wenn sie die Frauen isolieren, isolieren sie die Seele der gesamten Gesellschaft.“

Ihre ersten Gedichte schrieb sie unter dem Pseudonym „Remia“, weil ihre Eltern nicht wollten, dass sie unter ihrem wirklichen Namen veröffentlichte; das erlaubte ihr erst ihr Ehemann, ein Journalist. Als er sie zur Teilnahme am Wettbewerb animierte, war die Familie zunächst dagegen, denn eine Frau auf der Bühne, so Hissa Hilal, sei für einen Beduinen eine Horrorvorstellung. Also achtete sie besonders streng darauf, die Kleidervorschriften einzuhalten, und verschleierte beim ersten Auftritt im Fernsehstudio auch ihr Gesicht: „Doch so ging es nicht. Ich konnte nicht einmal den Text auf dem Blatt lesen, geschweige denn den Ausgang finden.“ Seitdem lässt sie die Augen vor den Fernsehkameras unverhüllt.

Der Film ist voller kleiner Szenen, die die Absurdität des Alltags der Frauen in Saudi-Arabien zeigen, die Widersprüche eines Landes zwischen Erdölkapitalismus und fundamentalistischer Religionsdoktrin. So sieht man Hilal mit ihren ebenfalls vollverschleierten Töchtern durch die teuren Modegeschäfte der Shopping-Malls schlendern, die geschlossen werden, wenn der Muezzin zum Gebet ruft. Oder sie verhüllen im Taxi unwillkürlich ihr Gesicht, weil sie sich beobachtet fühlen.

„The Poetess“ vermittelt über seine Protagonistin auch Einblicke in die Geschichte des Landes. Mit sechs Jahren zog Hissa Hilal von der Wüste in die Stadt. Der Großvater verkaufte seine Kamele, der Ölboom begann. Archivbilder dokumentieren den rasanten industriellen Aufschwung. Die 1970er-Jahre waren auch im arabischen Raum eine Zeit der kulturellen Freiheit, eine kurze Blüte für Literatur, Musik und andere Künste. In Saudi-Arabien war alles noch liberaler.

Bis zum Überfall auf die große Moschee in Mekka im November 1979, bei dem 270 Menschen getötet und 550 verletzt wurden. Erst danach gewannen die Fundamentalisten beherrschenden Einfluss auf die Kultur und den Alltag. Einen traditionellen, tief in der Gesellschaft verankerten Fundamentalismus habe es in Saudi-Arabien davor nicht gegeben, sagt Hilal. In der traditionellen Kultur der Beduinen seien die Frauen frei gewesen; diese Freiheit sei erst in den letzten Jahrzehnten verlorengegangen.

Der Fernsehauftritt und ihre Gedichte haben Hilal ins Licht der Weltöffentlichkeit gesetzt. Der „Spiegel“ und US-amerikanische Fernsehsender entdeckten eine neue Heldin, was die Situation für Hilal sehr gefährlich machte. Ihr Land möchte sie trotzdem nicht verlassen, da sie hier ihre Wurzeln, ihre Kultur und ihre Familie hat.

„The Poetess“ ist ein höchst lehrreicher, eindringlicher Film über eine zerrissene Gesellschaft, das Porträt einer starken Frau, die vehement für ihre künstlerische Freiheit kämpft und für die Wiedergewinnung gesellschaftlicher Freiräume für die arabischen Frauen.

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