Actionfilm | USA 2018 | 98 Minuten

Regie: Gerard McMurray

Weiterer Film aus der dystopischen „Purge“-Reihe, der eine Art Vorspiel präsentiert, wie es zur Institutionalisierung der Freinacht kam, in der die US-Bevölkerung einmal pro Jahr jedes Verbrechen begehen darf, ohne dafür gerichtlich belangt zu werden. Das Experiment einer faschistoiden Regierung, die das Verfahren unter der armen Bevölkerung von Staten Island ausprobieren will, droht dabei zunächst an der Friedfertigkeit der Menschen zu scheitern. Doch dann werden Todesschwadrone auf die Insel geschickt. Das verschiebt Inhalt und Bildästhetik Richtung Horrorfilm, mit hohem Blutzoll und vielen genre-immanenten Klischees.

Filmdaten

Originaltitel
THE FIRST PURGE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Gerard McMurray
Buch
James DeMonaco
Kamera
Anastas N. Michos
Schnitt
Jim Page
Darsteller
Y'lan Noel (Dmitri) · Lex Scott Davis (Nya) · Joivan Wade (Isaiah) · Luna Lauren Velez (Luisa) · Marisa Tomei (Dr. Updale)
Länge
98 Minuten
Kinostart
05.07.2018
Fsk
ab 18; f
Genre
Actionfilm | Horrorfilm
Diskussion

Im Jahr 2013 kam „The Purge – Die Säuberung“ (fd 41 782) ins Kino, geschrieben und inszeniert von James DeMonaco. Es war eine Mischung aus Science Fiction und Horror, basierend auf einer Idee, die beim Publikum so viel Anklang fand, dass bislang drei Fortsetzung folgten: „The Purge: Anarchy“ (fd 42 501), „The Purge: Election Year“ (fd 44 152) und eben jetzt „The First Purge“. Das Konzept der Reihe ist simpel. Im Jahr 2022 besteht die US-Regierung, durchaus nicht abwegig, aus einer Riege ultrakonservativer weißer Männer. Diese haben zum Wohl des Landes eine offiziell sanktionierte Gesetzlosigkeit eingeführt, zumindest für eine Nacht pro Jahr. In dieser Freinacht wird die „Purge“ ausgerufen, ein Zeitraum von zwölf Stunden, in denen jeder Bürger jedes Verbrechen begehen darf, ohne dass er dafür zur Verantwortung gezogen wird.

Der positive Aspekt einer „Purge“ wird so erklärt, dass damit für den Rest des Jahres die Kriminalitätsrate sinkt, weil sich der gewaltbereite Teil der US-Amerikaner in diesen Nächten gegenseitig umbringt. Insgeheim setzt die Regierung jedoch darauf, dass während der „Purge“ auch jene Bevölkerungsschichten dezimiert werden, die Probleme bereiten.

Der politische Gehalt dieser Idee schwindet jedoch schnell, da in den ersten drei Filmen nur Einzelschicksale verhandelt werden, die sich in allerlei Horrorfilm-Klischees ergehen. Wer genug Geld hat, kann sich hinter seinem Sicherheitspersonal verschanzen; aber eigentlich macht jeder fröhlich mit, egal ob mittelständischer Wutbürger, Teenager oder Profi-Killer. Denn das ist DeMonacos anderes Anliegen in seinen ersten drei Filmen: Zu zeigen, wie bereitwillig ganz Amerika auf ein unmoralisches Angebot einsteigt.

Im vierten Film will DeMonaco nun aber auf den Zynismus einer Verschwörungstheorie hinaus. „The First Purge“ ist als Prequel zu allen bisherigen „Purge“-Filmen konzipiert; hier wird ein Gründungsmythos beschworen: Die „New Founding Fathers of America“ sind erst seit Kurzem an der Macht und brauchen eine Idee, um gegen das Prekariat vorzugehen. Die „Purge“ ist noch nicht als Gewaltorgie etabliert, sondern lediglich ein soziologisches Experiment, entwickelt von einer Wissenschaftlerin in Gestalt von Marisa Tomei. Man testet gerade erstmals die Folgen einer „gesetzlosen Nacht“, an einem überschaubaren Ort, unter Überwachung von außen. Dafür wurde Staten Island gewählt, denn diese Insel bei New York lässt sich von der umgebenden Welt gut abgrenzen. Außerdem lebt dort vorwiegend eine arme schwarze Community, die zwar auf das Experiment keine Lust hat, aber wegen ihrer Armut erpressbar ist. Gegen entsprechende Bezahlung werden sich schon Leute finden lassen, die daran teilnehmen. Also bietet die Regierung jedem Bewohner 5000 Dollar, der Kontaktlinsen mit einer eingebauten Kamera trägt und für die Dauer der „Purge“-Nacht mindestens im Freien bleibt.

Auf diese Weise ködert man die ersten „Purger“. Die anderen versammeln sich in dieser Nacht in einer Kirche oder verrammelt ihre Häuser; Angst vor Gewalttaten ist durchaus vorhanden. Trotzdem schlägt der Film kurzfristig einen optimistischen Ton an, denn das große Plündern oder Morden bleibt aus. Ein paar Gangster nutzen die Chance, um Territorialkämpfe auszutragen, ein paar Junkies drehen durch, aber sonst werden auf den Straßen eher „Purge“-Parties gefeiert. Die Gesellschaft ist nicht in dem Maße anfällig für straffreie Gewalt, wie es von der Regierung und der Wissenschaftlerin erwartet wurde. Deshalb sehen sich die Gründerväter genötigt, mit eigenen Truppen ordentlich nachzuhelfen. Das steigert den Bodycount dann eklatant.

Man erlebt diese erste „Purge“-Nacht aus der Perspektive von drei Personen. Die Anti-„Purge“-Aktivistin Nya flieht mit Frauen und Kindern in die Kirche. Ihr kleiner Bruder Isaiah lässt sich heimlich als Purger rekrutieren, weil er eine offene Rechnung begleichen will. Und ihr Ex-Freund, der Dealer Dmitri, hält sich und seine Bande aus allem raus, weil er grundsätzlich keinem Regierungsexperiment traut. Im Lauf der Nacht finden diese drei Protagonisten exemplarisch zu dem uramerikanischen Credo, dass man zu seiner Familie halten und für seine Überzeugung einstehen muss.

Die Spannung des Films resultiert hauptsächlich daraus, dass man als Zuschauer mehr weiß als die Hauptfiguren und ihnen dabei zusehen muss, wie sie das diabolische Spiel der Gründerväter nach und nach durchschauen. Später verwandelt sich der Film in eine altmodische Geschichte über den unerwarteten Zusammenhalt der einen Seite und die Gewissenlosigkeit der anderen, in der viel getötet und viel gerächt wird. Von großer Raffinesse zeugt dieses Drehbuch nicht. Aber zu sehen, dass Drogenbosse zu den Guten gehören können und Regierungsvertreter zu den Bösen, macht ausreichend Spaß.

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