Russland von oben

Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 126 (TV: 90) Minuten

Regie: Petra Höfer

Mit oft spektakulären Aufnahmen unternimmt der Dokumentarfilm eine Flugreise über die gewaltigen Ausmaße der Landschaften von Russland. Während die Metropolen im Westen dabei nur kurz angeschnitten werden, kommen die Wüsten, Taiga-Wälder und Küsten östlich des Urals ausgiebig zur Geltung, wobei der Schwerpunkt auf Natur- und Tierbildern liegt. Mit Computeranimationen, treibender Musik und knappem Kommentar versteht es der Film durchweg zu fesseln, erreicht diese Unterhaltsamkeit allerdings um den Preis der völligen Aussparung einer kritischen Haltung zur politischen Vergangenheit und Gegenwart des Landes. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Petra Höfer · Freddie Röckenhaus
Buch
Petra Höfer · Freddie Röckenhaus
Kamera
Peter Thompson
Musik
Boris Salchow
Schnitt
Johannes Fritsche
Länge
126 (TV: 90) Minuten
Kinostart
27.02.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Dokumentarfilm

Bildmächtiger Rundflug über ein riesiges Land mit grandiosen Landschaften und einer gewaltigen Fauna.

Diskussion

Der Boom von Dokumentarfilmen, die die Welt aus der Vogelperspektive ins Visier nehmen, ist seit Jahren ungebrochen. Länder, Flüsse, selbst einzelne Bundesländer wurden inzwischen für wert befunden, von oben gezeigt zu werden. Vor diesem Hintergrund mutet das Vorhaben, das riesige Russland mit seinen elf Zeitzonen in einen einzigen Film zu packen, geradezu kühn an. Dachten sich auch die Autoren Freddie Röckenhaus und Petra Höfer und nahmen das Projekt unter dem Titel „Russland von oben“ für eine fünfteilige TV-Reihe in Angriff. Die wurde im Fernsehen ausgestrahlt, auf verschiedenen Kanälen mehrfach wiederholt und auch auf DVD ausgewertet. Der gleichnamige Kinofilm ist das um gut einhundert Minuten gekürzte Konzentrat der Reihe. Was seine Legitimität nicht schmälert, da die spektakulären Aufnahmen jede noch so große Leinwand zu füllen vermögen.

Der Flug kreuz und quer über Russland beginnt am zugefrorenen Baikalsee und endet auf der arktischen Insel Wrangel im Nordosten. Dazwischen gibt es Erkundungen der Metropolen Moskau und St. Petersburg, aber auch Besuche unbekannterer Städte wie Kasan oder Norilsk in Sibirien. Den größten Raum nehmen jedoch grandiose Bilder der Landschaften zwischen Kurischer Nehrung und Kaukasus und dem Ural und der Halbinsel Kamtschatka im äußersten Osten des Riesenlandes ein.

Eine endlose Zahl an Tieren

Die Liste der dabei ins Bild geratenen Tiere ist schier endlos. Von Braun- und Eisbären über Wale, Antilopen, Pelikane, Adler und Rentieren bis zu riesigen Walross-Kolonien ist so ziemlich alles vertreten, was das Land an Fauna zu bieten hat. Und zwischendurch zockelt auch immer wieder mal die Transsibirische Eisenbahn durchs Bild.

Menschen geraten bei diesen Exkursionen per Helikopter oder Drohne eher selten ins Bild. Mal sieht man ein paar Bergsteiger am Elbrus, mal tollkühne Surfer vor Kamtschatka oder Hirten in der Tundra, wo die Kamera auch mal am Boden bleibt. Einige dieser Protagonisten werden sogar namentlich vorgestellt, aber ansonsten erfährt man nichts über sie. Und von ihnen schon gar nicht. Auch der von Benjamin Völz, der deutschen Stimme von Keanu Reeves und anderen US-Schauspielern, gesprochene Off-Kommentar gehört nicht unbedingt zu den Stärken des Films. Angesichts einer Reparatur-Kolonne am Kriegerdenkmal in Wolgograd heißt es: „Der Beton bröselt wie die Erinnerung“, und zu St. Petersburg wird noch einmal das touristisch hinlänglich vermarktete „Venedig des Nordens“ bemüht.

Bilder ohne kritische Haltung

Dazu gesellen sich mehrfach Hinweise auf die Exklusivität der Bilder, wenn es etwa heißt, dass dieses oder jenes Motiv „zum ersten Mal“ gefilmt werden durfte. Und kritische Töne zur russischen Politik oder auch zu Umweltsünden seitens der Industrie werden hier schon gar nicht laut. Zu Bildern gigantischer Gasförderanlagen auf der Halbinsel Jamal heißt es nur lapidar, mit dem dort lebenden Volk der Nenzen gebe es keinerlei Probleme. Das hat man schon anders gehört und gelesen. Könnte die unkritische Haltung womöglich damit zu tun haben, dass der russische Großkonzern Gazprom zu den Förderern des Filmprojektes gehört?

Wer sich von derlei Mängeln am Boden nicht stören lässt, erlebt hier einen zweistündigen Rundflug mit brillanten Bildern eines Landes von einer grandiosen landschaftlichen Vielfalt, an der man sich kaum sattsehen kann. Die Autoren, die mit ihrer TV-Reihe „Deutschland von oben“ vor zwanzig Jahren hierzulande zu den Pionieren des Genres gehörten, demonstrieren hier nicht zuletzt eindrucksvoll die Möglichkeiten des inzwischen filmtechnisch Machbaren. An dieses ästhetische Niveau reicht die vornehmlich schwelgerische Original-Musik von Boris Salchow allerdings eher selten heran.

Kommentar verfassen

Kommentieren