Drama | Singapur/Frankreich/Niederlande 2018 | 95 Minuten

Regie: Yeo Siew Hua

Der Gewinner des "Goldenen Leoparden" beim Filmfestival von Locarno 2018: Ein Krimi von Regisseur Yeo Siew Hua, in dem ein schlafloser Polizist einem verschwundenen chinesischen Wanderarbeiter nachspürt, der gleichermaßen mit Schlafschwierigkeiten zu kämpfen hat und sich seine Nächte in einem 24-Stunden-Café bei einem mysteriösen Videospiel um die Ohren schlägt, wo sich nun seine Wege an der Spielkonsole zumindest virtuell mit denen des nach ihm suchenden Ermittlers kreuzen. Der Mann wurde bei einem Arbeitsunfall verletzt, arbeitete in der Folge aber trotz einer ärztlich verordneten Pause weiter und tauchte bei einer Routinekontrolle unter. Ein fesselnder Neo-Noir-Thriller um entwurzelte Identitäten in einer ebenso berauschenden wie gnadenlosen Metropole des globalisierten Kapitalismus. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A LAND IMAGINED
Produktionsland
Singapur/Frankreich/Niederlande
Produktionsjahr
2018
Regie
Yeo Siew Hua
Buch
Yeo Siew Hua
Kamera
Hideho Urata
Musik
Teo Wei Yong
Schnitt
Daniel Hui
Darsteller
Peter Yu (Lok) · Liu Xiaoyi (Wang) · Luna Kwok (Mindy) · Jack Tan (Jason) · Ishtiaque Zico (Ajit)
Länge
95 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
Diskussion

Der Gewinner des "Goldenen Leoparden" beim Filmfestival von Locarno 2018: Ein formal wie inhaltlich vielschichtiges Neo-noir-Drama von Regisseur Yeo Siew Hua, in dem ein schlafloser Polizist einem verschwundenen chinesischen Wanderarbeiter nachspürt.

Manchmal fällt man bei Videospielen aus der Welt. Nicht im übertragenen Sinne, im Sinne von Eskapismus also, sondern ganz konkret. Die Kollisionsabfrage versagt, die Spielfigur wird nicht mehr von digitalen Barrieren zurückgehalten. Man stürzt durch den Boden oder gleitet durch eine Wand, verliert sich im ewigen Nichts jenseits der von den Entwicklern vorgesehenen Pfade. Von außen betrachtet erkennt man die Pixel-Welt als Potemkinsches Dorf, als Theaterbühne. Eine leicht verformbare Fassade, Einbildung und Illusion. Oder eben als „A Land Imagined“. Denn in Yeo Siew Huas in Locarno mit dem "Goldenen Leoparden" ausgezeichnetem Thriller passiert genau das: Ein Wanderarbeiter geht verloren - zuerst in der Spielwelt von „Counterstrike“, im glitchenden Pixelchaos, dann ganz und gar.

Doch der Titel des Films meint auch Singapur, Schauplatz und Gegenstand in einem. Die Republik wächst. Nicht nur seine Bevölkerung, auch das Land selbst – vor den Küsten werden riesige Mengen von Sand und Stein aus aller Welt aufgeschüttet. Teile von Kambodscha, Vietnam, Malaysia und Indonesien verwandeln Ozean in Singapur. Grenzen schwimmen und verschwimmen.

Siew Hua Yeos Film, der später ganz zum wirren Digitaltraum wird, beginnt als Kriminal-Thriller. Vielleicht ist Wang Bicheng (Xiaoyi Liu) aus der Welt oder in den Himmel gefallen. Am Anfang von „A Land Imagined“ steigt er einen Baukran hinauf und ist verschwunden. Hat man ihn ermordet, hat er sich das Leben genommen oder ist er einfach nur weitergezogen? Der Polizist Lok (Peter Yu) begibt sich auf die Suche nach Wang, doch findet ihn nur in seinen Träumen. Plötzlich ist ein Mann, den er nie getroffen hat, ein Teil seines Lebens. Sogar die Schlaflosigkeit des Wanderarbeiters überträgt sich auf ihn.

Beziehungen wie Nachtschattengewächse

Nicht einmal ein Schnitt, sondern nur eine Verschiebung der Tiefenschärfe führt dann in Wangs Geschichte ein. „Du willst wissen, woher ich weiß, dass es Wang Bicheng in meinem Traum war?“, fragt Lok einen Kollegen, doch statt einer wirklichen Antwort passiert im Hintergrund auf einmal das, was eigentlich schon vor vielen Tagen geschehen sein muss: Wang verletzt sich. Fortan ist der stille, unauffällige Wanderarbeiter die Hauptfigur. Der juckende Verband und die stickige Hitze seiner ärmlichen Arbeitsunterkunft halten ihn wach. Die Nächte schlägt er sich nun im gekühlten Internetcafé mit Egoshootern und hoffnungsvollen Blicken auf die Besitzerin Mindy (Luna Kwok) um die Ohren. Tagsüber fährt der Versehrte für die Hälfte des regulären Lohns einen Truck und plaudert ein wenig mit seinem pakistanischen Kollegen Ajit (Ishtiaque Zico).

All diese Beziehungen bleiben zarte Nachtschattengewächse, eher angedeutet als zur Blüte gebracht. Es herrscht ein allumfassendes Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung. Im Internetcafé ist Wang von Mindy immer wieder durch Scheiben getrennt: Ihr Arbeitsraum liegt hinter einem Aquarium, einmal erspäht er sie durch eine gläserne Kühlschranktür, später sehen wir sie auf einer Überwachungskamera. Doch die beiden scheinen einander anzuziehen und fahren mit Wangs Truck durch die Dunkelheit, um im Meer um die Wette zu schwimmen. Es bleibt eine Barriere, für die sie keine Worte finden.

Eine Unsicherheit, die immer in Paranoia abzudriften droht

Ajit will in seine Heimat zurückkehren, zu seiner verletzten Mutter, doch noch schuldet er der Firma Geld, und der Chef hat seinen Pass. Die Bezeichnung „Wanderarbeiter“ behauptet eine Freiheit, die nie wirklich gegeben ist. Eher sind sie Getriebene, die im wahrsten Sinne des Wortes am Fundament eines Landes arbeiten, an dem sie nie wirklich teilhaben werden. Nationale Grenzen sind so beweglich wie ihre Leben erstarrt. Der Film spielt in Singapur, doch Singapurer nehmen nur kleine Rollen ein. Arm und Reich teilen sich kaum mehr denselben mit Baukränen zugestellten Himmel. Einige Male sind da Gesten zwischen Ajit und Wang, die von Freundschaft und vielleicht sogar mehr zeugen. Sanft ruht eine Hand auf dem Nacken und massiert, man tanzt durch die Nacht und vielleicht träumt man voneinander. Irgendwo unter Tonnen von Sand lässt sich eine Liebesgeschichte erkennen. Überreste einer schwachen Hoffnung.

Der Regisseur inszeniert alles als schlafwandlerischen Grenzgang, ein taumelnder Schritt in Richtung Traum folgt einem in Richtung Wirklichkeit. Jedes neue Erwachen stellt die vorangegangene Szene in Frage, Voice-over-Stimmen verschieben immer wieder neu, wer Geträumter und wer Träumender ist. „Ich träumte davon, dass zwei Polizisten wegen meines Verschwindens ermittelten“, erklärt Wang dann etwa. Es ist eine Unsicherheit, die immer in Paranoia abzudriften droht. Wenn Polizist Lok durch die nächtlichen Straßen fährt und der Regen auf den Autoscheiben die Neonlichter der Stadt zum Aquarell verwischt, während im Hintergrund ein trauriges Saxofon stirbt, dann ist das ganz Film noir.

Wo die Kunst nicht mehr die „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ im Sinn hat, muss wohl auch die Natur nicht mehr gerettet werden.

Ästhetisch innovativ ist der Film vor allem da, wo er Wangs Counterstrike-Partien zeigt. Eigentlich ist die Dramaturgie des Spiels simpel: Zwei Teams, Terroristen und Antiterroreinheit, kämpfen gegeneinander. Doch dann bricht das Spiel auf, sein Avatar verlässt die Karte, das Bild wird von Glitches übernommen, einzelne Elemente erstrecken sich in endloser Wiederholung bis zum Horizont. Diese Szenen erinnern an Harun Farockis Installations-Zyklus „Parallel“. Darin verglich der Videokünstler- und Film-Essayist die reproduzierten Kino-Bilder der Vergangenheit und die simulierten Polygone der Gegenwart miteinander. „Parallel II“ zeigt Spieler beim Versuch, ihrer eigenen Matrix zu entkommen.

Zunächst wirkt die Engführung der zwei großen Themenfelder des Films kurios: Auf der einen Seite der Raubbau an der Natur; das Land, das andere Länder frisst, um zu wachsen. Auf der anderen das Digitale, das Internetcafé und die Videospiele, die man jetzt zum Träumen braucht. Schnittmenge ist der menschliche Narzissmus: Kein Medium unterwirft sich so sehr dem Ausdruckswillen des Menschen wie das Videospiel, das Macht und Kontrolle verspricht und sich verformbar gibt. Was Wang und Lok umgibt, erscheint ganz als Simulation, ihre Wirklichkeit ist zum Computerspiel geworden. Wo die Kunst nicht mehr, wie bei Kracauer, die „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ im Sinn hat, muss wohl auch die Natur nicht mehr gerettet werden.

Das Kino des Anthropozän

Die Bauprojekte in China und Singapur können sich manchmal wie die Allmachtsfantasien eines Gamers anfühlen. Riesige Horden von Arbeitern werden herumkommandiert wie in Aufbauspielen, Staudämme und andere Großprojekte werden in die Welt gepflanzt wie per Mausklick. Nicht umsonst ist „Minecraft“ das zweitmeistverkaufte Spiel aller Zeiten – eine Art virtueller Lego-Baukasten, in der Blöcke aus der Landschaft geklickt und in eigene Kreationen verwandelt werden. „Vor 30 Jahren gehörte das alles hier noch zum Meer“, reminisziert Lok.

Die aufgetürmten Berge aus Sand und Geröll gleichen denen aus Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm „Erde“, der sich ebenfalls mit der Veränderung des Planeten durch den Menschen auseinandersetzt. Risse in der Erde wie die, auf die Wang nachts gestarrt hat, wenn er wieder einmal nicht schlafen kann. Das ist das Kino des Anthropozän.

Doch wenn die Welt zum Spiel erklärt wird, welche Freiheit bleibt dann noch den Figuren, den Gesteuerten? Wer entkommt den endlosen Abfolgen von Strike und Counterstike und den mitleidlosen Vorarbeitern? „A Land Imagined“ hofft auf den Glitch, den Fehler im System. Freiheit ist, aus der Welt zu fallen, in die erträumte Unendlichkeit hinter den Fassaden.

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