Nur ein Tag in Berlin

Drama | Deutschland 2016-2018 | 74 Minuten

Regie: Malte Wirtz

Zwei ehemals eng befreundete Frauen Ende 20 treffen sich in Berlin wieder, wo sie früher gelebt haben. Ihre Lebenspläne sind ins Stocken geraten und sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Im Laufe des Tages kommen überdies Lügen und Geheimnisse ans Licht, die ihr Verhältnis auf die Probe stellen. Das ohne Drehbuch an einem einzigen Tag gedrehte Porträt junger Großstadtmenschen verliert vor lauter Improvisation seine Geschichte aus dem Blick und läuft ins Leere. Die Unruhe und Unbestimmtheit der Protagonisten spiegelt sich auch in der formalen Gestaltung einer unruhigen Kamera und abrupten Schnitten wider. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2016-2018
Regie
Malte Wirtz
Buch
Bea Brocks · Sophie Reichert · Malte Wirtz
Kamera
André Groth
Musik
Sebastian Starke
Schnitt
Assaf Reiter
Darsteller
Bea Brocks (Mia) · Dennis Docht (Jens) · Sophie Reichert (Linda) · Manuel Schubbe (Kerl in der Bar)
Länge
74 Minuten
Kinostart
01.11.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Komödie
Diskussion

Der Theater- und Filmeregisseur Malte Wirtz hat erneut einen Film über junge, neurotische und sich im freien Fall befindliche Großstadtmenschen gedreht. Im Vorgängerfilm „Hard & Ugly“ (2017) ging es um den jungen Fitnesstrainer Et, der wie ein geprügelter Hund durch ein schwarz-weißes Berlin stromert und hofft, von einem netten Frauchen an die Leine genommen zu werden. „Nur ein Tag in Berlin“ handelt von zwei Frauen Ende 20. Linda und Mia, die eine mit dunkler Mähne, die andere blond zurückgekämmt. Sie treffen sich nach Jahren in der Stadt wieder, in der sie früher gelebt haben. Das Wiedersehen soll ein Fest werden. Schnell ein paar Bilder im Passfotoautomaten, dann eine Flasche Sekt an der Spree und kichern, kichern, kichern. Beste Freundinnen halt.

Doch dann erstarrt das Dauerlächeln. Die jungen Frauen haben echte Sorgen: Lindas langjähriger Freund hat ihr einen Heiratsantrag gemacht. Aber ist Thomas wirklich der Mann fürs Leben? Mia hat Schulden und braucht Geld. Viel Geld. Deshalb tut sie das Naheliegende: Sie will den verheirateten und wohlhabenden Jo, mit dem sie einmal eine heiße Affäre hatte, mit kompromittierenden Bildern unter Druck setzen. Die Sache hat nur einen Haken. Die kriminelle Energie, aus der finanziellen Not geboren, ist zwar da, doch Mia weiß nicht, wie man das mit dem Erpressen anstellt. Der Coup soll bei einem Abendessen über die Bühne gehen. Vielleicht kann Linda ihr dabei ja helfen?

Eigentlich ist es schön, wenn man im Kino mal etwas Rohes und Unangepasstes sieht. Etwa German Mumblecore. Filme, die ohne großes Budget, ohne institutionelle Filmförderung, aber mit viel Leidenschaft und unverbrauchten Darstellern entstanden sind und denen mitunter ein ungefilterter Blick auf die Protagonisten und das Leben im Allgemeinen gelingt. So entstand auch „Nur ein Tag in Berlin“ ohne Drehbuch und wurde binnen 20 Stunden gedreht. Doch vor lauter Improvisation bleibt die Story – und ziemlich schnell auch das Interesse daran – auf der Strecke. Das Mitgefühl für die Frauen will sich nicht einstellen. Vielleicht, weil alles so gestellt und gewollt wirkt?

Das fängt mit der ziemlich kruden Erpressungsgeschichte an. Linda hat früher mehr für Mia empfunden und ist, auch angesichts der schwindenden Attraktivität ihrer Beziehung mit Thomas, mit hohen Erwartungen zu dem Treffen gegangen. Mia hat ihre Freundin ihrerseits einmal hintergangen, was sie nach vielen Litern Bier und Sekt beichtet und was zur Bewährungsprobe wird. Mitten in der Nacht pinkelt Mia dann ein Herz für Linda aufs Berliner Trottoir. „Voll schön!“ Später gesellen sich kurzzeitig männliche Zufallsbekanntschaften mit kantigen Kinnpartien hinzu, die mit Versteher- und Erklärerstimmen zu den Frauen sprechen.

Überhaupt: die Männer! Jo und Thomas sind zwar abwesend, aber ständig präsent – in den Gesprächen der Frauen und in den Textnachrichten, die den ganzen Tag über per Handy hin- und hergeschickt und an den Bildrändern eingeblendet werden; sie verleihen der Geschichte zusammen mit Kapiteleinteilungen einen Hauch von Struktur. Die Ziellosigkeit und die innere Unruhe der Figuren spiegeln sich in einer unruhigen Kamera wider, die an den Frauen klebt, in den abrupten Schnitten und durchgängig mit Bildern, die von einem Smartphone stammen könnten. Generation Instagram: Alles ist Selbstbespiegelung.

Natürlich darf man im Kino die Geschichte einer Begegnung erzählen, bei der zwei sich eigentlich vertraute Menschen merken, dass sie sich verändert haben, dass es trotz aller Nähe auch Geheimnisse voreinander gibt. In „Nur ein Tag in Berlin“ wird viel geredet, getrunken, gekokst, getextet. Aber vor allem kreisen Mia und Linda um sich selbst. Bin ich ein guter Mensch? Viel tiefgründiger wird es nicht. Am Ende ist man froh, dass sich die beiden nur einen Tag lang treffen und irgendwann im Morgengrauen einschlafen. Eine Woche in Berlin – das wären sieben Tage zu viel.

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