Back to the Fatherland

Dokumentarfilm | Österreich 2017 | 90 Minuten

Regie: Gil Levanon

In den letzten Jahren sind viele Israelis vornehmlich nach Berlin gezogen, häufig zum Unmut ihrer Großeltern, die den Holocaust überlebt haben. Die Gründe für diese Migration umkreist der Dokumentarfilm anhand von vier Protagonisten aus der ersten und der dritten Generation jüdischer Holocaust-Nachfahren, die gemeinsam eine Reise nach Wien und zurück in die Vergangenheit unternehmen. Dabei müssen sich die Auswanderer den Erinnerungen der Großeltern stellen und sich selbst positionieren. Auch die beiden Filmemacherinnen reflektieren in klugen Zwischenspielen ihre eigene Haltung. Der äußerst beredte Film zeichnet ein vielschichtiges Bild nicht nur der jüdischen Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ZURÜCK INS VATERLAND
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2017
Regie
Gil Levanon · Kat Rohrer
Buch
Anneliese Rohrer
Kamera
Tom Marschall
Musik
Tao Zervas
Schnitt
Georg Eggenfellner
Länge
90 Minuten
Kinostart
08.11.2018
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
„Es ist nicht mein Schmerz“, sagt Guy, und meint damit die Erinnerungen seines Großvaters Uri an den Holocaust. Guy spricht von seiner Generation, der dritten Generation, als einer zwiegespaltenen. Es gebe die Großeltern, die gar nichts erzählt und ihr Trauma eher verdrängt haben. Dann aber gebe es auch jene, die nicht aufhören zu reden. Zu denen zählt sein Großvater Uri. In „Back to the Fatherland“ von Kat Rohrer und Gil Levanon wird viel geredet. Die Regisseurinnen beginnen mit einem emblematischen Bild: einer hölzernen Truhe auf einem verstaubten Speicher. Rohrer und Levanon sind Freundinnen, sie bringen ihre eigenen Geschichten mit ein: Levanon ist die Enkelin von Holocaust-Überlebenden, Rohrer die Enkelin eines österreichischen Nazis der ersten Stunde, der im Krieg gefallen ist. Als Levanon ihrem Großvater eröffnet, dass sie nach Berlin ziehen möchte, antwortet er: „Auf keinen Fall!“ Er glaube nicht an die Deutschen. Gewissermaßen stellvertretend für Levanon und Rohrer, reisen Guy und sein Großvater Uri nach Wien, ebenso wie die betagte Lea mit ihrem Enkel Dan. Guy lebt in Salzburg, der Liebe wegen, Dan ist vor Jahren nach Berlin gegangen. Lea hat nie viele Worte gemacht über das, was ihr auf der Flucht aus Wien widerfahren ist; die Frage nach den Wurzeln wischt sie vom Tisch – doch einiges in Dans Familie scheint um diese Leerstellen zu kreisen. Lea nennt dann Hitler beim Namen. Er habe ihre glückliche Kindheit zerstört. Auch Uri, der als 15-Jähriger von Wien nach Theresienstadt deportiert wurde, berichtet von einer schönen Kindheit – bis der „Homo Sapiens aus Braunau“ aufgetaucht sei. Uri liebt Modelleisenbahnen und errichtet mit großer Leidenschaft für kleinste Details Landschaften, durch die dann Güterzüge rattern. Die Enkel setzen sich mit einem Schmerz auseinander, der nicht der ihre ist – während sich die Großeltern mit ihrem Schmerz konfrontiert sehen – schließlich haben sich die Enkel entschieden, nach Deutschland und Österreich zu ziehen. Sie sind damit Teil einer Welle. Gerade in den vergangenen Jahren sind Tausende junger Israelis nach Berlin gezogen. Aus Gründen, die auch Dan angibt: Er wolle nicht in einem Land leben, in dem „zum Teil Apartheid“ herrsche. Weil sie ihren Kindern eine sichere Zukunft bieten wollen. Weil sie die Konflikte und Spannungen in Israel satt haben. Irgendwann gesteht Dan: Es habe ihn auch die Suche nach seinen Wurzeln nach Berlin geführt. Im Zentrum stehen Dan, Guy und ihre Großeltern. In Zwischenspielen reflektieren die beiden Regisseurinnen ihre Haltung – und zweimal versammeln sie Freunde um einen Tisch, das erste Mal in Tel Aviv, das zweite Mal in Berlin. Da geht es, recht tabulos, um die Zukunft: Wie kann sich Israel aus dem „Opfernarrativ“ befreien? In eine hellere, positive Zukunft blicken? Und: Haben die Deutschen in dritter Generation es inzwischen nicht geschafft, sich vom „Täternarrativ“ zu befreien? Sind sie uns „schon wieder“ voraus, fragt eine junge Israelin unter Tränen. Am liebsten hätte man ein Transkript des klugen Films zum Nachlesen zur Hand – die allermeisten Dialoge sind substantiell und geben ein vielschichtiges Bild von etwas wieder, was man „Vergangenheitsbewältigung“ nennen könnte, wenn dieses Wort in diesem Zusammenhang nicht zu sehr nach Niederringen klingen würde. Dass Reden, die Auseinandersetzung und die Aufarbeitung die bessere Option ist, spätestens jetzt, wirkt wie eine simple Erkenntnis. Nur wenn man die Truhe öffnet, kann es weitergehen.
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