A Prayer before Dawn - Das letzte Gebet

Actionfilm | Frankreich/Großbritannien/USA/Kambodscha/China 2018 | 122 Minuten

Regie: Jean-Stéphane Sauvaire

Ein suchtkranker englischer Boxer wird in Bangkok wegen Drogenhandels verhaftet und ins Klong-Prem-Gefängnis gesperrt, wo er permanenter Gewalt und erniedrigenden Torturen ausgesetzt ist. Einzig das Boxtraining und eine Beziehung zu einer Transsexuellen geben ihm Halt. In distanzlosen Bildern entwirft der Film nach der Autobiografie von William Moore ein dramaturgisch rudimentäres, aber intensives Bild vom Alltag im Bangkoker Strafvollzug zwischen Überlebenskampf und Selbstzerstörung.

Filmdaten

Originaltitel
A PRAYER BEFORE DAWN
Produktionsland
Frankreich/Großbritannien/USA/Kambodscha/China
Produktionsjahr
2018
Regie
Jean-Stéphane Sauvaire
Buch
Jonathan Hirschbein · Nick Saltrese
Kamera
David Ungaro
Musik
Nicolas Becker
Schnitt
Marc Boucrot
Darsteller
Joe Cole (Billy Moore) · Pornchanok Mabklang (Fame) · Vithaya Pansringarm (Officer Preecha) · Panya Yimmumphai (Keng) · Billy Moore
Länge
122 Minuten
Kinostart
08.11.2018
Fsk
ab 16
Genre
Actionfilm | Biopic
Diskussion

Billys Körper wird auf den Kampf vorbereitet. Man schmiert Vaseline auf seine Wangen, massiert seine Unterarme und wickelt seine Hände in traditionelle Taubandagen. Billys eigene Vorbereitung beginnt, als die anderen Kämpfer den Raum verlassen haben. Er bestreut ein kleines Blech aus Aluminium mit Methamphetamin und saugt den Rauch, den die kleine Flamme unter der Folie erzeugt, gierig durch einen Strohhalm ein.

Es folgt ein Muay-Thai-Kampf ohne Tanzzeremonie, ohne Choreografie, ohne Technik. Billy sucht im Ring nur die Selbstzerstörung. Ohne Deckung, ohne Abtasten, ohne Respekt für den eigenen Körper marschiert der junge Brite nach vorne, prügelt unbeherrscht auf seinen Gegner ein, kassiert Dutzende Schläge und geht nach mehreren Knietreffern im Gesicht schließlich zu Boden. Es ist sein letzter Kampf in Freiheit. Kurz nach dem Fight verhaftet ihn die Bangkoker Polizei wegen Drogenhandels.

Im Gefängnis ist Billy der einzige Ausländer. Zusammen mit Hunderten tätowierter Thais wird er gezwungen, gebückt zu stehen und in der Hocke diverse Stationen abzulaufen, an denen seine Körperöffnungen wieder und wieder untersucht werden. Ein kleiner Nebenraum ist das Sammelbecken für jene, die das Verfahren bereits hinter sich haben. In der erstickenden Enge prallen Körper aufeinander, liegen dicht gedrängt neben- oder übereinander.

Von den Entzugserscheinungen paralysiert, lehnt sich Billy an eine Wand. Neben ihm liegt ein Toter – niemand nimmt davon Kenntnis. Wie viele Stunden, Tage oder Wochen vergehen, bleibt unklar. Die Handkamera von David Ungaro vermittelt in ihrer Distanzlosigkeit nicht nur die Beklemmung des Freiheitsentzugs, sie lässt auch die Orientierungslosigkeit erleben, die Billy im Klong-Prem-Gefängnis in Bangkok empfindet. Gefängniswärter und Insassen sprechen ein für Billy unverständliches und für den Zuschauer nur selten untertiteltes Thai. Neue Menschen werden in die Zellen geworfen, Tote aus ihnen herausgezogen. Dazwischen gibt es Wasser, Essen und ein befohlenes Gebet. Nichts folgt einem erkennbaren Rhythmus. Der in Gefängnisfilmen oft klar strukturierte Tagesablauf verschwimmt hier zur Grenzerfahrung zwischen Angst, Erniedrigung und Drogenrausch.

„A Prayer Before Dawn“ ist ganz auf Immersion ausgerichtet. Der Film basiert auf der Autobiografie von William „Billy“ Moore und konfrontiert mit einem Umfeld, das sich ausschließlich über Gewalt definiert. Jeder Gegenstand, den ein Häftling besitzt, dient als Waffe oder als Währung. Wer nichts besitzt, ist nur ein Körper, über den die Gangs, die die überfüllten Zellblöcke kontrollieren, nach Belieben verfügen. Einer der Bosse erniedrigt Billy und einen anderen Neuankömmling beim Verlegen in eine andere Zelle, unter dem Jubel der Gangmitglieder, mit den Methoden der Wärter. In der Nacht setzen andere die Tortur fort. Eine Gruppe vergewaltigt den Thai, während Billy mit einem Messer an der Kehle zum Zusehen gezwungen wird. Noch bevor der Morgen anbricht, erhängt sich der junge Mann. Billys erster Selbstmordversuch folgt wenige Tage später. Nur seine Drogensucht und die wenigen, überraschend zärtlichen Momente, die Billy mit der Kathoey-Frau Fame verbringt, halten ihn am Leben. Doch dieses Leben erstarrt im unauflösbaren Extrem zwischen Selbstzerstörung und Überlebensdrang.

Ein Extrem, das nur in den der Dramaturgie enthobenen, brutalen Momentaufnahmen bestehen kann. Als Billy schließlich das Thaiboxtraining mit der Gefängnisgruppe wieder aufnimmt, seine Unbeherrschtheit in Technik umgewandelt und die Selbstzerstörung erstmals im Schutz eines sportlichen Regelwerks stellt, gewinnt der Film zwar einen dramaturgischen Fluchtpunkt, verliert dadurch aber auch die Unmittelbarkeit der Momentaufnahmen, die das Herzstück des Films bilden.

Die Neuausrichtung auf den letzten Kampf löst das Spannungsverhältnis auf, in dem das Leben des Protagonisten steht, und schafft so erstmals eine Distanz zur Lebensrealität des Klong-Prem-Gefängnisses. So wirkt auch der erste Blick ins Freie, den Regisseur Jean-Stéphane Sauvaire bei einer Fahrt zum Boxturnier zwischen den Bangkoker Gefängnissen erstmals ermöglicht, fast surreal. Der grün leuchtende Dschungel bildet einen so harten Kontrast zum staubigen Beton des Bangkoker Gefängnisses, dass man ihn fast für eine Illusion hält. All das ist wenige Sekunden später vergessen. Billy wird wieder in Ring steigen, für seinen letzten, symbolischen Überlebenskampf.

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