Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 96 Minuten

Regie: Susanne Bohlmann

Dokumentarfilm über eine „Masterclass“ des US-amerikanischen Schauspiel-Lehrers Bernard Hiller, der die Teilnehmer mit extremen Methoden an ihre emotionalen Grenzen führt. Wer dazu nicht bereit ist, muss den Kurs verlassen. Die Kamera beobachtet das erschöpfend exzessive Treiben ohne zu werten, ästhetisiert das Geschehen aber durch Großaufnahmen, Slow Motion und den Einsatz von Musik. Wirklich krisenhafte Zuspitzungen werden allerdings nicht thematisiert. Der Film bezieht auch keine Stellung, ob Hiller ein Guru oder ein Scharlatan ist, scheint der manipulativen Magie des Coaches aber positive Aspekte abgewinnen zu können. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Susanne Bohlmann · Christopher Hawkins
Buch
Susanne Bohlmann · Christopher Hawkins
Kamera
Lars Filthaut
Musik
Richard Bretschneider · Martin Fliegenschmidt
Schnitt
Martin Kayser-Landwehr · Anna Baranowski · Susanne Bohlmann
Länge
96 Minuten
Kinostart
15.11.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Dokumentarfilm über eine „Masterclass“ des US-amerikanischen Schauspiel-Lehrers Bernard Hiller. Das exzessive Treiben wird ohne Wertung beobachtet, das Geschehen erscheint durchaus ästhetisiert.

Schon nach wenigen Minuten von „Pink Elephants“ wundert man sich, dass es diesen Film in dieser Form überhaupt gibt. Lautet doch eine der zentralen Regeln der „Masterclass“, die „Hollywoods führender Schauspielcoach“ Bernard Hiller zu Beginn verkündet, dass man mit niemandem über die Veranstaltung sprechen dürfe. Wenn dann aber plötzlich ein Filmteam dokumentiert, wie die Teilnehmer ihr Innerstes nach Außen kehren, in Tränen ausbrechen oder Traumata rekapitulieren, fragt man sich nach den impliziten Absprachen im Hintergrund.

Die Filmemacherin Susanne Bohlmann greift sich eine Handvoll Personen aus der Gruppe heraus, die sie über ihre Motivation befragt und die den Verlauf des Workshops knapp kommentieren. Darunter sind Menschen wie Calvyn, die bereits über Musical-Erfahrungen verfügen und davon träumen, im „Big Business“ zu landen. Bernd hat von der Teilnahme an anderen Kursen schon so viel Energie mitgenommen, dass er seine Haltung zum Leben und zur Umwelt verändert hat. Craig träumt davon, Schauspieler zu werden, wenngleich diese Passion in seiner Familie wenig geschätzt wird. Und Miriam will keine Lebenszeit mehr verschwenden, nachdem sie sich durch eine schmerzhafte Erfahrung mit der Endlichkeit konfrontiert sah.

Es geht den Teilnehmer offenkundig darum, sich über sich selbst klar zu werden. Das hört sich bei Miriam dann wie folgt an: „Ich habe das Gefühl, dass etwas Großes in mir ist. Aber das ist hinter einer Tür. Ich brauche jemand, der mir sagt, wo ich den Schlüssel finde, damit ich die Tür aufschließen kann.“ Dieser Jemand soll Hiller sein, dessen „Dienst“ mit 600 Euro Teilnahmegebühr zu Buche schlägt. Im Preis sind Sätze wie „Your brain is a piece of shit!“ oder Regeln wie „Wer Kritik äußert oder widerspricht, fliegt aus dem Workshop!“ mitinbegriffen. Jeder kann jederzeit hinausgeworfen werden, ohne Erstattung der Kursgebühr! Die Formel lautet: Nicht denken, sondern sein. Alles rauslassen. Rückhaltlosigkeit ist authentisch. Tränen lügen nicht. „Das Leben ist ein Tanz, mal ‚pain‘, mal ‚champagne‘!“ Und wenn man einen Stuhl anschreit, dann schadet es auch nicht, sich zur Bekräftigung der performativen Authentizität die Kleider vom Leib zu reißen.

Wettbewerb und Ausschlussverfahren

Der routiniert-alerte Hiller weiß, wie man die Kunden anzusprechen hat und wie man agieren muss, um gruppendynamische Emphase zu produzieren. Der äußerst selbstbewusste Coach versteht sich auf eine Menge Tricks, spielt mit Zuckerbrot und Peitsche und schafft immer wieder kompetitive Szenarien: Wer hier scheitert, war nicht bereit, alles zu geben. Wer zum Schauspieler nicht berufen ist, kann ja immer noch als Pizzabäcker seine Erfüllung finden.

Die Kamera beobachtet das erschöpfend exzessive Treiben, die Hochs und Tiefs, Krisen und Bewährungsproben. Selten wertet sie das Geschehen, ästhetisiert es aber durch Großaufnahmen, Slow Motion oder den Einsatz von Musik und registriert sehr wohl, wie Hillers Assistenten auf Handzeichen ihres Chefs eingreifen, wenn ein Weinkrampf die Gruppenkonzentration zu stören beginnt.

Hier werden fortwährend Menschen manipuliert, die das zu genießen scheinen, weil sie sich in der Gruppe aufgehoben fühlen oder aufgehoben fühlen wollen. Mehr als einmal fragt man sich, ob es eine Disposition zum emotionalen Overdrive gibt, der mit dem Wunsch verbunden ist, Schauspieler zu sein. Hiller seinerseits scheint an seine Mission tatsächlich zu glauben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem er seinen Klienten Größe und Selbstvertrauen zuspricht. Magisch beschworene Chiffren wie „Hollywood“ und „L.A.“ symbolisieren seine professionelle Autorität, die immerhin schon eine Göttin des „Method Acting“ wie Cameron Diaz geformt hat.

Wirklich Krisenhaftes wird nicht thematisiert

Ein wenig unheimlich ist das Ganze schon, zumal der Film wirklich krisenhafte Zuspitzungen nicht thematisiert. Zwar brechen immer wieder Menschen vor laufender Kamera zusammen, aber letztlich scheint jeder Zusammenbruch dramaturgisch als nächste Häutung auf dem Weg zum Erfolg. Als am Schluss die Protagonisten endlich doch mal zu Wort kommen, ist es vor allem Miriam, die das Spiel aus einer gewissen Distanz heraus durchschaut zu haben scheint. Andere scheinen aus dem Workshop durchaus etwas mitzunehmen, wenngleich Karrieresprünge offenbar nicht so leicht zu haben sind, und die „Liebe“, von der hier so häufig die Rede ist, sich als durchaus trügerisch erweisen kann.

Man kommt nicht umhin, zu fragen, welche Haltung die Filmemacherin dem Geschehen gegenüber eingenommen hat. Auch, wenn man weiß, dass explizite Kommentare in Dokumentationen aktuell aus der Mode sind, scheint „Pink Elephants“ damit zu kokettieren, dem Manipulativen der Arbeit Hillers etwas abzugewinnen.

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