Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 98 Minuten

Regie: Marie Wilke

Der essayistische Film spürt den politischen Umbrüchen und tektonischen Veränderungen der parlamentarischen Demokratie nach, die von vielen Seiten unter Druck geraten ist. Mit nüchterner Distanz beobachtet der Film Situationen, in denen sich Politiker, Bürger und Journalisten mit ihrer Rolle in diesem Prozess auseinandersetzen. Scheinbar unzusammenhängend werden Bilder, Szenen und Ansichten aus dem politischen und medialen Geschehen der Jahre 2016 und 2017 aneinandergereiht, in denen es um die Frage geht, welche Bedeutung der parlamentarischen Demokratie in der Gegenwart noch zukommt. Die herausfordernde Collage entwirft ein facettenreiches Panorama gesellschaftlicher Momentaufnahmen, die sich zur meisterhaften Zeitdiagnose verdichten. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Marie Wilke
Buch
Marie Wilke
Kamera
Alexander Gheorghiu
Schnitt
Jan Soldat · Marie Wilke
Länge
98 Minuten
Kinostart
29.11.2018
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Der essayistische Filme spürt den politischen Umbrüchen und tektonischen Veränderungen innerhalb der parlamentarischen Demokratie in Deutschland während der letzten Jahre nach.

Es gibt einen „Problemrahmen“. Und einen „demokratischen Rahmen“. Zwischen diesen Polen pendelt die Filmemacherin Marie Wilke in ihrem Dokumentarfilm „Aggregat“. Ein Kommunikationsspezialist unterstützt SPD-Bundestagsabgeordnete dabei, Aussagen und Haltungen, die ihrer Ansicht nach in den „Problemrahmen“ fallen, mit ihren Reaktionen oder Antworten in einen „demokratischen Rahmen“ zu stellen. Die zitierten Sätze atmen allesamt rechtspopulistisches Gedankengut im Stil von „Wir können ja nicht die ganze Welt bei uns reinlassen“.

Es ist spannend zu sehen, wie sich die Abgeordneten um Antworten bemühen. Sie ringen um Demokratie. Diejenigen, bei denen Wilke dann genauer hinschaut, kommen aus Wahlkreisen im Osten. Eine junge Abgeordnete konstatiert eher, als dass sie es beklagt, dass zu Bürgerveranstaltungen gezielt Menschen kämen, um zu stören und die Runde zu sprengen. Aus Angst davor fänden diese Veranstaltungen dann gar nicht mehr statt.

Auf diese Weise feiert der Fundamentalismus Erfolge. Wo bleibt da die Demokratie? Hat die bittere Realität die Auseinandersetzung mit Kommunikationsstrategien nicht bereits überholt? Auf die Sequenz im Bundestag folgt sinnfällig eine Bürgerversammlung der SPD im Erzgebirge. Es ist Herbst, das Wetter grau, die Gaststätte heißt Stadionblick. Gedreht wurde im Nachhall der Flüchtlingswelle in den Jahren 2016 und 2017 – das Jahr der Bundestagswahl. Wilke wählt ihre Bilder genau. Lange bleiben die Einstellungen des Kameramanns Alexander Gheorghiu stehen, auch im hektischen Geschehen einer Pegida-Demo in Dresden. So bleibt Zeit, in die Gesichter zu blicken. Nicht nur in die wütenden, triumphierenden Gesichter der Demonstranten, die gemeinsam „Lügenpresse“ skandieren, sondern auch in das des Tonmannes eines anwesenden Kamerateams; seine Hautfarbe ist dunkler, seine Haare sind schwarz: Wie muss er sich fühlen?

Gemeinsam mit Jan Soldat montiert Wilke genial. Zwischen die sinnfälligen Verknüpfungen setzen die beiden Schwarzblenden. Es gibt keinen unsichtbaren Schnitt, Wilke sucht bewusst die Brüche, statt sie zu negieren.

Karamba Diaby ist senegalesischer Herkunft und sitzt für die SPD im Bundestag, Wilke besucht ihn in seinem Wahlkreis Halle. Auch hier ist es ein Kamerateam, dass Diaby filmt; Wilke beobachtet also auf der einen Seite Rollenverständnis und Selbstdarstellung des Bundestagsabgeordneten, auf der anderen Seite interessiert sie die mediale Vermittlung. Gleichzeitig kommentiert sie so immer auch ihre eigene Anwesenheit, die „Gemachtheit“ des Films: Es gibt keine objektiven Nachrichten, stets ist man Zeuge einer Auswahl. Dementsprechend ausführlich widmet sich die Regisseurin der Entstehung von Nachrichten: Ein Fernsehbeitrag zur „Identitären Bewegung“ wird komponiert, Cutter und Redakteurin diskutieren Off-Text, Bilder und Wirkung. „Aggregat“ zeigt eine Pressekonferenz der AfD, in der es um deren Vision einer öffentlich-rechtlichen Berichterstattung geht; man wohnt Redaktionskonferenzen der taz und, schön komparativ, der Bildzeitung bei. Dort hängt der ikonische Titel „Wir sind Papst“ in Plakatgröße am Ende eines Flures.

Einige Takte der inzwischen auch rechtspopulistisch zweckentfremdeten Hymne „Wir sind Wir (Ein Deutschlandlied)“ von Paul van Dyk und Peter Heppner sind zu hören. Mit einer Führung durch das Reichstagsgebäude beginnt der Film. Hier endet er auch, nicht musikalisch, sondern mit bildenden Kunstwerken, die im Reichstag zu finden sind. Den Teilnehmern der Führung werden die Werk erläutert: eines von Beuys, eines von Katharina Sieverding und eines von Anselm Kiefer, das den Titel „Nur mit Wind mit Zeit und mit Klang“ in Anlehnung an eine Zeile der Lyrikerin Ingeborg Bachmann trägt. Der Reichstag, so findet der Leiter der Führung, sei der richtige Ort, um auf die Vergänglichkeit zu verweisen. Kiefers Bild ist im Gegensatz zu den anderen nur im Anschnitt zu sehen.

„Aggregat“ ist ein zeitdiagnostischer Film. Hellsichtig bringt er Zusammenhänge auf den Punkt. Gleichzeitig wäre jedes Fragment für sich aber schon ein eigener Film. Hier öffnen sich Reflexionsspielräume. Ein Aggregat, die Verbindung von Elementen, funktioniert womöglich nur dann richtig, wenn die Brüche und die Brüchigkeit wahrgenommen werden. Das trifft auf die Form des Films ebenso zu wie auf seinen Inhalt: Die Demokratie im Land und ihren Zustand.

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