Peppermint - Angel of Vengeance

Actionfilm | USA/Hongkong 2018 | 102 Minuten

Regie: Pierre Morel

Als eine pflichtbewusste Bankangestellte nach einem Anschlag, bei dem ihre Tochter und ihr Mann getötet werden, schmerzhaft realisiert, dass die Mörder von den Behörden gedeckt werden, schwört sie Rache, lässt sich zu einer Killerin ausbilden und erlegt nach einem ausgeklügelten Plan jeden, der mit ihrer Tragödie in Verbindung steht. Der Rachethriller bewegt sich stilistisch und erzählerisch im Rahmen des Genres, überhöht die Protagonistin aber zur zweifelhaften Erlösergestalt. Der Film opfert Realismus und Glaubwürdigkeit einer politischen Agenda, die moralisierend-moritatenhaft die Wiederherstellung einer fragwürdigen Ordnung verfolgt.

Filmdaten

Originaltitel
PEPPERMINT
Produktionsland
USA/Hongkong
Produktionsjahr
2018
Regie
Pierre Morel
Buch
Chad St. John
Kamera
David Lanzenberg
Musik
Simon Franglen
Schnitt
Frédéric Thoraval
Darsteller
Jennifer Garner (Riley North) · John Gallagher jr. (Detective Stan Carmichael) · John Ortiz (Detective Moises Beltran) · Juan Pablo Raba (Diego Garcia) · Annie Ilonzeh (FBI-Agentin Lisa Inman)
Länge
102 Minuten
Kinostart
29.11.2018
Fsk
ab 16; f
Genre
Actionfilm | Drama | Rache-Drama | Thriller
Diskussion

Konventioneller Rachethriller, der seine Protagonistin zur zweifelhaften Erlösergestalt überhöht und Realismus und Glaubwürdigkeit einer moralisierend-moritatenhaften Beschwörung eines fragwürdigen Verständnisses von Ordnung opfert.

Dies ist ein Film, der schnell zur Sache kommt. Das muss nicht von Nachteil sein, und ist im Genre von Rachethrillern wohl auch üblich. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Folgen und Entwicklungen nach dem Knall, bei dem sich ein Riss im Seinsgefüge auftut und nach dem nichts mehr so sein kann wie zuvor. In der Exposition des von Regisseur Pierre Morel nach einem Drehbuch von Chad St. John inszenierten Films wird mit wenigen Federstrichen das Bild US-amerikanischer Bürgerlichkeit unter Stress entworfen, die durch die unglückliche Verkettung von Umständen binnen eines Abends ausgelöscht zu werden droht.

Riley North (Jennifer Garner) ist eine pflichtbewusste Bankangestellte und wird von ihrem Chef gerne für unbezahlte Überstunden herangezogen, weshalb sie sogar zum Geburtstag ihrer Tochter zu spät kommt. Ihr offensichtlich jüngerer Mann Chris (Jeff Hephner) hatte auch keinen guten Tag. Weniger engagiert oder weniger glücklich bei der Jobsuche als Riley, arbeitet er in einer Autowerkstatt, wo geschraubt und andere Dinge gedreht werden. Als ihn ein Kollege zu einem undurchsichtigen Geldgeschäft überreden will, bekommt dies die örtliche Drogenmafia mit, deren Boss eine unnachsichtige Abschreckung anordnet. Mit ihrem schmollenden Kind in der Mitte ziehen die Norths auf den nächsten Rummelplatz, wo das titelgebende Pfefferminzeis geschleckt wird, was die letzte Verbindung zwischen Riley und ihrer Tochter in dieser Welt darstellt, denn einen Augenblick später sind sie und Chris tot, brutal exekutiert von der Mafia; Riley sinkt schwer verwundet neben ihnen zusammen.

Die Wiedererwachte wird mit umfassender Korruption konfrontiert

Es ist, als setze der Film danach neu ein, enthülle erst jetzt seine Mission und Raison d’Être. Aus gnädigem Koma erwacht, realisiert Riley nicht nur den Verlust ihrer früheren Existenz, sondern wird sehr bald auch mit dem Systemversagen und der umfassenden Korruption von Polizei, Justiz und Gesellschaft konfrontiert. Sie ist auf sich allein gestellt, als Opfer, als Frau, als Angehörige ihrer Klasse, und hat, so wird insinuiert, nur eine Option: zu resignieren oder ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Von da an lässt sich die weitere Handlung rasch absehen, folgt sie doch durchgängig genretypischen Mustern des „Vigilante“- beziehungsweise Selbstjustiz-Formats. Riley schmiedet einen (zugegebenermaßen ausgeklügelten) Plan, taucht für fünf Jahre ab und kehrt als an Körper und Geist ehrfurchtgebietend gestählter Racheengel wieder, um nach und nach jeden Einzelnen zu eliminieren, der mit ihrer Tragödie in Verbindung steht. Dabei achtet sie allerdings sehr genau darauf, keine Unschuldigen zu treffen.

Mit dieser Strategie hat sie schnellen, durchschlagenden Erfolg. Doch stellen sich im Verlauf ihres Feldzugs vermehrt Fragen nach Glaubwürdigkeit und psychologischer Stimmigkeit. Das beginnt mit der seelischen Verfassung der Hauptfigur, die ein gänzlich anderer Mensch geworden ist, setzt sich in der Stümperhaftigkeit der Mafiosi fort und gipfelt in der fragwürdigen Überhöhung der Protagonistin als Engel der Erlösung. Das dunkle Flügelwesen nimmt mehr und mehr Züge einer batmanartigen Figur an, deren Name von den Entrechteten und Übersehenen in den verslumten Straßenzügen mit mystischem Nimbus geraunt wird.

Auch erschließt sich der darstellerische Mehrwert einer solchen Rolle im Portfolio von Jennifer Garner nicht zwangsläufig, die in der „Alias“-Serie von J. J. Abrams (2001-2006) Toughness und Actiontauglichkeit schon auf höherem Niveau unter Beweis gestellt hat. Schlägt man den Bogen zu Garners Anfängen zurück, so postuliert „Peppermint“ mit der Figur der Riley eine wehrhafte Allianz der abstiegsbedrohten bürgerlichen Mittelklasse mit dem Lumpenproletariat (das sich zumindest in diesem Film aus Schwarzen und Migranten zusammensetzt) gegen das verkommene Establishment im Zeichen der Trump-Administration.

Rache und Vergeltung stellen eine fragwürdige Ordnung wieder her

Der Film opfert damit Realismus und Glaubwürdigkeit einer politischen Agenda, die aus der Perspektive der Hollywood Hills wenig durchdacht erscheint. Der moralisierend-moritatenhafte Handlungsbogen von Untat, Rache und Vergeltung zu partieller Wiederherstellung einer fragwürdigen „Ordnung“ hat etwas sehr Ur-Amerikanisches, das man am besten als solches betrachtet und bewertet. Das Presseheft rühmt den Film ob seines wagemutigen Naturalismus, lässt den Produzenten Richard Wright aber einräumen: „Die Straßen haben wir mit Dampfdruckreinigern und Industriechemikalien sanitär reinigen lassen, um die Sicherheit für jedermann zu gewährleisten, aber abgesehen davon war’s alles original …“ „Kärchern“, nannte das Nicolas Sarkozy einmal. Auch dies: sehr zeitgenössisch, sehr amerikanisch!

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