Drama | Deutschland 2018 | 92 Minuten

Regie: Yilmaz Arslan

Ein 12-jähriger Junge kommt Anfang der 1980er-Jahre aus der türkischen Provinz nach Deutschland, wo er große Mühe hat, sich in die fremde Umgebung einzugewöhnen. Die mit leichter Hand inszenierte Mischung aus Pubertätsdrama und Buddy-Movie entfaltet in fantasievoller Anlehnung an orientalische Märchentraditionen eine facettenreiche Außenseiterbiografie. Der burlesk-verspielte Migrations-Inklusions-Partizipations-Mix vereint poetische Erzählung und drastisches Vokabular, feinsinniges Psychodrama und Seifenoper. Der junge Einwanderer wider Willen wird damit zum Exempel für die Patchwork-Identität der deutschen Gesellschaft. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Yilmaz Arslan
Buch
Yilmaz Arslan
Kamera
Jako Raybaut
Musik
Firas Hassan
Schnitt
Sophie Vercruysse
Darsteller
Roland Kagan Sommer (Oktay (jung)) · Taies Farzan (Fatma) · Hilmi Sözer (Sabri) · Katharina Thalbach (Anna) · Germain Wagner (Schulleiter)
Länge
92 Minuten
Kinostart
29.11.2018
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama
Diskussion

Facettenreiche Außenseiterbiografie von Yilmaz Arslan in fantasievoller Anlehnung an orientalische Märchentraditionen und als burlesk-verspielter Migrations-Inklusions-Partizipations-Mix.

Ursprünglich sollte Yilmaz Arslans neuer Film „Geschichten aus 1001 Leben“ heißen. Doch anscheinend war dieser Titel zu anspielungsreich oder zu klischeebelastet; ein Treffer ist er trotzdem. „Sandstern“, wie der Film jetzt heißt, ist ein modernes Märchen über das Weggehen und Ankommen, über die Wanderschaft zwischen unterschiedlichsten Lebenswelten. Dass der Protagonist Oktay heißt und von der Türkei nach Deutschland kommt, ist dabei nur eines von vielen Details in einem Patchwork der Identitäten, die Arslan in seiner einzigartigen verspielt-burlesken Art inszeniert.

Anfang der 1980er-Jahre, als der zwölfjährige Oktay aus der türkischen in die westdeutsche Provinz verpflanzt wird, war die Bundesrepublik noch ein anderes Land. In Schulen und Heimen setzten sich empathischere Erziehungsmethoden erst langsam gegen den autoritären Geist der Gründerjahre durch; in der Öffentlichkeit gaben die alliierten Besatzungsmächte, insbesondere die US-Amerikaner, den Rhythmus von Mode, Moderne und Subkultur vor. In vielen Köpfen rumorten weiterhin die Folgen des Krieges. Eine Gesellschaft in Veränderung. Mittendrin, von einem Tag auf den anderen: Oktay aus İskenderun, mit Topfhaarschnitt, beigem Pullunder und langweiligem Sakko – und ohne ein Wort Deutsch.

Bei Eltern unterkommen, die der Junge kaum kennt

Die Oma liegt zu Hause im Sterben. Deshalb soll er in Westdeutschland bei seinen Eltern unterkommen, die er kaum kennt und eigentlich auch gar nicht kennen lernen möchte. Die überkandidelte Mutter Fatma schmeißt in ihrer Wohnung rauschende Partys für GIs, die sie nebenbei mit Drogen versorgt. Auch Oktay hatte sie zwei Tütchen Koks in den Koffer packen lassen, „Gewürze für die Amerikaner“. Vater Sabri besorgt den Haushalt; Sex hatten Vater und Mutter schon seit zwei Jahren nicht mehr. Fatma bändelt mit dem attraktiven Steve an, einem der vielen afroamerikanischen Soldaten, die die Eintönigkeit der westdeutschen Provinz mit Leib, Seele und Soul-Musik aufmischen.

Offener Rassismus zählte in der Bundesrepublik der 1980er-Jahren zu den Allgemeinplätzen. Der Schuldirektor steckt Oktay kurzerhand in die erste Klasse, weil er ja die Sprache nicht spricht; von den Schülern aus den oberen Klassen wird er als „Knoblauchfresser“ verprügelt; Steve ist für ihn ein „Nigger“, und eine gleichaltrige italienische Schulkameradin verliebt sich in ihn, weil sie ihn für einen Sizilianer hält. Nett ist nur die Nachbarin Anna (Katharina Thalbach), die nach dem Krieg ihre ostpreußische Heimat verlassen musste und im rheinisch geprägten Westen neue Wurzeln geschlagen hat, obwohl man sie hier zunächst nicht haben wollte.

Als Anna stirbt, Oktays Eltern sich trennen, seine Mutter wegen Drogenhandels in den Knast kommt und bei ihm zunächst eine Bluter- und dann eine Aids-Erkrankung entdeckt wird, muss Oktay erneut auf Wanderschaft gehen. In einem Heim trifft er auf andere Außenseiter – Spastiker, Querschnittgelähmte, Multiple-Sklerose-Patienten. Kinder im selben Alter, gefangen in unbeweglichen Körpern, künstlich beatmet, von Pflegerinnen gefüttert. Die Begegnungen mit Thomas, der bald sterben wird, und mit der ans Bett gefesselten Ex-Schwimmsportlerin Luba prägen den Jungen aus İskenderun.

Gebrochene Lebensentwürfe werden auch filmästhetisch gebrochen

Unter dieser belastenden Themenvielfalt hätte der Plot leicht ins Beliebige umschlagen können. Doch Arslan bleibt mit einer für ihn typischen Mischung aus poetischer Erzählung und drastischem Vokabular, aus Burleske und Feingefühl auf dem Boden. In „Sandstern“ werden gebrochene Lebensentwürfe auch filmästhetisch gebrochen und zwischen Seifenoper und feinsinnigem Psychodrama verhandelt, Realitäten zwischen Tagträumen und Wirklichkeit, Rollstuhl und Rosenthaler Porzellan, Erinnerungen ans Memelland und orientalischen Rhythmen, echte Freundschaft und Knigge.

Der Film des 1968 in der Türkei geborenen und mit sieben Jahren nach Deutschland migrierten Arslan ist Coming-of-Age-Drama, Buddy-Movie und Außenseiter-Biografie zugleich. Ein Migrations-Inklusions-Partizipations-Mix, der ganz bewusst und ohne Angst vor stilistischen Fettnäpfchen alle Genre-Grenzen überschreitet. Ohne Berührungsängste vor melodramatischen Momenten, dafür aber auch mal mit derben Witzen und Soap-Opera-Motiven skizziert Arslan nicht nur exemplarisch das Schicksal eines Wanderers zwischen Orient und Okzident. „Sandstern“ sammelt, kongenial verpackt und zugleich ironisch gebrochen, im Duktus eines Märchens aus 1001 Nacht oder einer orientalischen Dêngbej-Erzählung Geschichten, Hoffnungen und Enttäuschungen auf, die sich am Wegrand jener ansammeln, die nüchtern als „Migranten“ bezeichnet werden.

Gleichzeitig blickt der Film auf den Zeitgeist jener (westdeutschen) Republik zurück, der bis heute die politische Kultur prägt. „Sandstern“ erinnert daran, dass zwar die autoritären Züge aus dem Umgangston in Schule und Familie verschwunden sind, nicht aber der Grauschleier, durch den sich „Andersartige“ bis heute kämpfen müssen, um Teil der Gesellschaft zu werden. Unter dem Radar der viel beschworenen „Leitkultur“ entführt der Film in ein Paralleluniversum aus Hoffnungen und Träumen und erinnert, mit leichter Hand inszeniert, an den kulturellen Reichtum eines Landes voller Patchwork-Identitäten.

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