Das Mädchen, das lesen konnte

Drama | Frankreich/Belgien 2017 | 98 Minuten

Regie: Marine Francen

Nach dem Staatsstreich von 1851 werden in einem französischen Alpendorf alle Männer als Anhänger der Republik deportiert. Die zurückgebliebenen Frauen sind fortan auf sich gestellt. Als ein Unbekannter im Dorf auftaucht, packt er als Helfer bereitwillig mit an und geht mit einer jungen Bäuerin eine glückliche Beziehung ein, bis auch die anderen Frauen Liebesbedarf anmelden. Das historische Drama über weibliche Solidarität und Rivalität porträtiert sensibel und mit eindrucksvoller Kameraarbeit individuelle wie kollektive Notlagen. Im Umgang mit der romantisch verklärten Männerfigur schleichen sich allerdings auch banale bis kitschige Momente ein. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LE SEMEUR
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2017
Regie
Marine Francen
Buch
Jacques Fieschi · Marine Francen · Jacqueline Surchat
Kamera
Alain Duplantier
Musik
Frédéric Vercheval
Schnitt
Minori Akimoto
Darsteller
Pauline Burlet (Violette) · Géraldine Pailhas (Marianne) · Alban Lenoir (Jean) · Iliana Zabeth (Rose) · Françoise Lebrun (Blanche)
Länge
98 Minuten
Kinostart
10.01.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion

Sensibles Historiendrama über weibliche Solidarität und Rivalität in einem französischen Bergdorf im Jahr 1851.

Die Zeit scheint stillzustehen. Das Dorf in der Provence liegt friedlich inmitten von Berggipfeln, fernab von Orten wie Paris, an denen das Leben vibriert und Geschichte geschrieben wird. Doch als Louis Napoléon Bonaparte im Jahr 1851 die Macht an sich reißt und gegen seine Gegner vorgeht, erwischt es auch in diesem abgeschiedenen Flecken die Verteidiger der Republik. Sämtliche Männer des Dorfes werden verhaftet, ein frisch Verheirateter ohne viel Federlesen getötet, der Rest mit unbekanntem Ziel fortgetrieben.

Zurück bleiben nur Kinder und Frauen, während der Ort wieder in seiner Einsamkeit versinkt. Tage vergehen, Wochen, Monate. Um die äußere Welt nicht noch einmal auf sich aufmerksam zu machen, verzichten die Frauen auf Nachforschungen zum Verbleib ihrer Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder. So verschaffen sie sich, wenn auch um den Preis der Ungewissheit, ein klein wenig Freiheit.

Die französische Regisseurin Marine Francen lässt die Gewalt der Zeitgeschichte nur kurz zum Schauplatz ihres Spielfilmdebüts vordringen und schiebt anschließend die Umstände des Staatsstreichs, der Kaiserkrönung Louis Napoléons und der Errichtung der Diktatur in den Hintergrund. Weit mehr interessieren sie die Folgen, die das Verschwinden der Männer innerhalb der Dorfgemeinschaft zeitigt.

Die zur Witwe gewordene junge Frau isst nicht mehr und verbrennt schließlich ihr Hochzeitskleid, eine ältere Mutter läutet nachts die Kirchenglocken und klagt lautstark um ihren Sohn; lauter kurze, prägnante Momente, die Trauer, den Schmerz und die Verzweiflung unter den Frauen andeuten. Zugleich ist aber auch schon ihr Wille zu spüren, das Leben weiterzuführen, auch wenn auf Feld und Wiese nur noch halb so viele anpacken können wie zuvor.


Mit Sense und Hacke im goldenen Licht

Der Film inszeniert keine pastorale Idylle, auch wenn er durchaus große Bewunderung für Ausdauer und Mut der Frauen verrät. In den Außenszenen tauchen zwar immer wieder wogendes goldenes Korn, satte Wiesen und die machtvolle Bergkulisse auf, doch der Kameramann Alain Duplantier setzt dies stets in Bezug zu den Bäuerinnen innerhalb der Szene.

Deren Arbeit mit Hacke oder Sense widmet der Film besondere Aufmerksamkeit, wodurch die vom leuchtenden Sonnenlicht geprägten Aufnahmen eindrucksvoll eine Nähe zu den Landschaftsbildern des 19. Jahrhunderts evozieren. Der Originaltitel „Le semeur“ (= Der Sämann) ist ein direkter Verweis auf Jean-François Millets Gemälde „Un semeur“ aus dem Jahr 1850; zudem ist auch der Einfluss von Vincent Van Gogh, Camille Pissarro und Auguste Renoir auf die Filmbilder unverkennbar.

Der Plot versammelt allerdings nicht nur eitel Sonnenschein. Der Einsatz der Frauen und Kinder bewährt sich zwar, doch gibt es auch Rückschläge und Entbehrungen. Francen und ihre Co-Autoren Jacqueline Surchat und Jacques Fieschi skizzieren die Gemeinschaft als sich findendes Kollektiv, in dem trotz leichter Differenzen alle an einem Strang ziehen.

Einige der Frauen treten dabei als Individuen hervor, vor allem die 17-jährige Violette, die sich mit klugen und mitfühlenden Entscheidungen den Respekt der anderen verdient. Außerdem hat sie von ihrem fortschrittlichen Vater das Lesen und Schreiben gelernt, was sie mit Blick auf die Zukunft auch den Kindern beizubringen beginnt.

Mit dieser Eigenschaft wird Violette zur natürlichen Bezugsperson für den unbekannten Mann, der eines Tages im Dorf auftaucht. Der Fremde, der sich Jean nennt, weckt anfangs Argwohn, da er nur wenig von sich erzählt und seine politischen Ansichten verbirgt. Er kann die Frauen aber bald überzeugen, dass er keine Gefahr, sondern eher ein Geschenk des Himmels ist.

Bereitwillig packt er bei der Ernte und anderen Aufgaben mit an, und auch handwerklich entpuppt er sich als geschickt. Mit Violette kommt es zu intimen Situationen, bei denen aus gegenseitigem Vorlesen rasch eine glückliche Beziehung entsteht. Da er dadurch noch mehr an das Dorf gebunden wird, betrachten die anderen Frauen diese Entwicklung mit Wohlwollen. Allerdings erheben sie nach einer gewissen Zeit ebenfalls Liebesansprüche auf Jean.

Jean und die Frauen

Anders als die puritanisch geprägten Frauen in Thomas P. Cullinans wenige Jahre später und in den USA spielendem Roman „The Beguiled“ und dessen Verfilmungen durch Don Siegel und Sofia Coppola sind die provenzalischen Bäuerinnen offenherzig und mit einem teils recht anachronistisch anmutenden Bewusstsein ihrer Gelüste und Begierden gesegnet. Die Beziehungen zwischen Jean und den Frauen bringen in den historischen Rahmen des Films allerdings ein bemüht modernes Element hinein. Zudem sind sowohl die Szenen liebevoller Zweisamkeit als auch die bloßer Triebhaftigkeit nicht frei von Beliebigkeit und Kitsch. Das liegt vor allem an der verklärten Männerfigur. Von wenigen „schwachen“ Momenten abgesehen, ist Jean durchweg freundlich, zuvorkommend, geduldig, belastbar, tüchtig, empfindsam, zärtlich und selbstlos. Ein Übermaß an positiven Eigenschaften, durch das er mehr einer romantischen Fantasie gleicht, als zum gerundeten Charakter zu werden.

Auch der Umschwung von Solidarität zu Rivalität unter den Frauen gerät so etwas holpriger als der Rest des an vielen Stellen souveränen Debüts. An der grundsätzlichen Faszination dieses bildmächtigen, sensibel ausgeführten Historiendramas ändert das aber nichts. Die Aufmerksamkeit für Details fügt viele Miniatur-Beobachtungen zu glaubhaften und bewegenden Szenen des französischen Landlebens Mitte des 19. Jahrhunderts zusammen, und dass sich die eine oder andere Leerstelle öffnet, liegt vielleicht in der Natur der Sache. Einer Galerie lässt sich schließlich auch nicht vorwerfen, dass der Raum zwischen den Gemälden weniger begeistert als die eigentlichen Bilder.

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