Historienfilm | Deutschland 2018 | (8 Folgen, Staffel 1) (8 Folgen, Staffel 2) Minuten

Regie: Andreas Prochaska

Eine Fortsetzung von Wolfgang Petersens Klassiker „Das Boot“ um die Mannschaft eines deutschen U-Boots, die im Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs ums Überleben kämpft. Ergänzt wird die zur See spielende, eindrücklich den Stress und die Todesgefahr der Männer einfangende Geschichte durch eine zu Lande angesiedelte Handlung um zwei Frauen: Eine Elsässerin, die als Übersetzerin für die Nazis arbeitet, verliebt sich in eine amerikanische Widerstandskämpferin und versucht diese vor den Nazis zu schützen. Dabei gelingt der Serie in der ersten Staffel über weite Strecken intensiv gespielte, aufwühlende und kluge Unterhaltung, deren Versuch, dem einst auf Männer fixierten Stoff eine weibliche Perspektive entgegenzuhalten, stellenweise aber etwas plakativ ausfällt. Die zweite Staffel erweist sich demgegenüber als ausfransende Ausweitung des Plots auf drei Handlungsebenen, bei der moralische Ambivalenz kaum noch eine Rolle spielt, sodass der epische Bilderbogen recht belanglos bleibt, wenn auch spannend umgesetzt ist. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Andreas Prochaska · Matthias Glasner · Rick Ostermann
Buch
Tony Saint · Johannes W. Betz · Matthias Glasner · Colin Teevan · Tim Loane
Kamera
David Luther · Philipp Blaubach
Musik
Matthias Weber
Schnitt
Ueli Christen · Karin Hartusch
Darsteller
Rick Okon (Kapitänleutnant Klaus Hoffmann) · Vicky Krieps (Simone Strasser) · Leonard Scheicher (Funkmaat Frank Strasser) · Rainer Bock (Fregattenkapitän Gluck) · Robert Stadlober (Smut)
Länge
(8 Folgen, Staffel 1) (8 Folgen, Staffel 2) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Historienfilm | Kriegsfilm | Serie

Heimkino

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Diskussion

Eine Serien-Fortschreibung von Wolfgang Petersens Klassiker „Das Boot“. Wiederum kämpft darin die Mannschaft eines deutschen U-Boots im Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs ums Überleben, ergänzt und konterkariert wird dies jedoch um einen zu Land angesiedelten Handlungsstrang um eine weibliche Heldin.

Staffel 1

Wie eine dünne Nadel aus Stahl durchsticht das U-Boot das graugrüne Wabern einer scheinbar endlosen See. Aus der Vogelperspektive betrachtet, wirkt der betongraue Koloss erstaunlich fragil, den Naturgewalten ausgeliefert, zugleich aber auch geschmeidig und elegant. Delfine springen an seinen Seiten aus dem Wasser. Nur ein paar Sekunden lässt sich der Kommandant von diesem Anblick ablenken. Als er sein Fernglas schließlich wieder in den Himmel richtet, ist der feindliche Flieger schon zu nah.

„Der Alte ist über Bord gegangen“, raunt ein entsetzter Leutnant kurz darauf. Ein Satz, den man programmatisch verstehen muss. „Der Alte“, das war bei Wolfgang Petersen der von Jürgen Prochnow unvergesslich verkörperte, zynische, abgehalfterte und pockennarbige, geniale Kommandant. Das charismatische Kraftfeld von „Das Boot“ (1981 als Kinofilm und 1985 als TV-Serie). Was nun in der von Sky Deutschland, Bavaria Fiction und Sonar Entertainment produzierten Serien-Neuauflage mit diesem richtungsweisenden Satz einhergeht, ist zugleich Hommage und Abgesang auf das Original: Kugeln knallen gegen das Stahlgehäuse, Kommandos werden gebrüllt, Männer stürzen im engen, dunklen Bauch des U-Bootes übereinander, ein Maat zerrt sich die Hose über den nackten Hintern. Die Luke schließt, das Boot taucht ab. Schleichfahrt, man hält den Atem an.

Als gelte es, einen Mythos zu Grabe zu tragen

Noch einmal, wie damals in den 1980er-Jahren, starren verschwitzte, unrasierte Männer mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera. Ängstlich lauschen sie den wummernden Schraubengeräuschen, dem gespenstisch hallenden Sonar, das – pling, pling – die nahenden Wasserbomben ankündigt, dutzendfach. Einschläge zerreißen die Stille. Schreie. Explosionen. Das Boot sinkt tiefer als die Instrumente anzeigen können. Schrauben lösen sich. Schweißnähte platzen auf. Wasser dringt ein. Diesmal geht das nicht gut aus. Noch einmal wird es still. Die Männer sacken mit geschlossenen Augen zu Boden, während einströmendes Wasser auf sie herabregnet. Ein geflüstertes Gebet. Ein gezielter Kopfschuss.

Das alles geschieht, noch ehe das erste Mal der Vorspann läuft. Es ist ein bitterer, ernüchternder Auftakt in Moll, als gelte es, einen Mythos zu Grabe zu tragen. Ein Prolog wie ein Fanal für eine neue Deutung des Klassikers. Klaus Doldingers berühmte Titelmelodie ist kaum verklungen, da hat die Serie mit der nächsten Einstellung auch schon eine veränderte, nicht weniger programmatische Richtung eingeschlagen. Im Bild nämlich ist jetzt kein Boot mehr zu sehen, sondern ein Zug. Darin: eine junge Frau. „Der Alte“ ist weg, eine neue Heldin erscheint auf der Bildfläche.

Eine neue Heldin: Vicky Krieps als Simone Strasser

Die Handlung der von Andreas Prochaska inszenierten Neuinterpretation von „Das Boot“ setzt im Herbst 1942 ein, also circa ein Jahr nach dem in Petersens Verfilmung geschilderten Geschehen. Erzählt werden in der ersten Staffel der neuen Serie, die im Gegensatz zu „Babylon Berlin“ ohne öffentlich-rechtliche Beteiligung produziert wurde und daher exklusiv auf Sky zu sehen ist, zwei parallel verlaufende Geschichten. Auf der U 612 erhält der unerfahrene Kapitänsleutnant Klaus Hoffmann den Auftrag, in feindlichen Gewässern einen Gefangenenaustausch durchzuführen. Im Hafen von La Rochelle tritt die Elsässerin Simone Strasser, die junge Frau aus dem Zug, ihre Stelle als Übersetzerin für die Nazis an und gerät kurz danach in Kontakt mit der Résistance. Verknüpft werden beide Handlungsstränge durch Simones Bruder, der auf dem U-Boot als Funkmaat eingeteilt ist und in La Rochelle seine Verlobte zurücklässt, eine französische Jüdin, mit der er ein Kind hat, was aber natürlich niemand wissen darf.

Jenseits dieser in der ersten Folge etablierten Verbindung entwickeln sich die beiden Erzählungen vollständig unabhängig voneinander weiter. Das Boot gerät unter Beschuss. Der Gefangene, ein provokant hemdsärmeliger US-Amerikaner, spaltet die Besatzung. Und dem ein wenig zu smart und anständig geratenen „Kaleun“, der als Sohn eines Kriegshelden unter dem schweren Erbe seines Vaters leidet, droht eine Meuterei. An Land verliebt sich Simone Strasser derweil in die amerikanische Widerstandskämpferin Carla Monroe, während sie sich zum Schein auf ein romantisches Verhältnis mit dem deutschen Kriminalrat Hagen Forster einlässt, der hinter Monroe her ist.

Intensiv gespieltes, verstörendes Fernsehen

Doch nicht nur dramaturgisch haben die Land- und die Wassergeschichte wenig miteinander gemein. Auch atmosphärisch und konzeptionell unterscheiden sie sich grundlegend. Zwar basiert die U-Boot-Handlung im Gegensatz zu Petersens Verfilmung nur sehr lose auf Lothar-Günther Buchheims autobiografischer Romanvorlage aus dem Jahr 1973. Die klaustrophobische Enge, der derbe Umgangston, die schwelenden Konflikte, die Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit des Krieges, all das findet sich aber ebenso wieder wie die beklemmenden, adrenalingeladenen Kampfszenen und die lange, lauernde, nervenzerreißende Stille dazwischen.

Wie schon bei Petersen geht es auch bei Prochaska düster zu. Optisch und ethisch. Das sind keine netten Männer, sondern vulgäre, brutale Kerle. Die menschlichen Abgründe, die sich da auftun, beleuchten der Regisseur und die Drehbuchautoren Tony Saint und Johannes W. Betz noch unerbittlicher. Was dabei herauskommt, ist intensiv gespieltes, kluges, mitreißendes, aufwühlendes und verstörendes Fernsehen und nur manchmal eine Spur zu plakativ.

Den Serienmachern aber genügte das offenbar nicht. Sie wollten ein breiteres Zielpublikum ansprechen, dem Stoff einen modernen, heutigen Anstrich verpassen und die Produktion zugleich aus den historischen Untiefen herausmanövrieren, die dem Original-„Boot“ bisweilen den Vorwurf einbrachten, den nationalsozialistischen Kontext zu vernachlässigen. Für all das muss nun die Parallelhandlung herhalten. Die Luxemburgerin Vicky Krieps („Der seidene Faden“) verkörpert mit Simone Strasser eine weibliche Perspektive. Eine lesbische Romanze, ein bisschen „Aimée & Jaguar“, sorgt für Diversität. Der Widerstand bekommt mit der von Lizzy Caplan („Masters of Sex“, „Cloverfield“) gespielten Monroe eine Stimme, wenn auch in einem ziemlich aufdringlichen Calamity-Jane-Tonfall. Und die Nazis wirken so grimmig und böse, wie sich das gehört. Auch dieser Plot ist kurzweilig, solide in Szene gesetzt, allerdings mit reichlich Weichzeichnerästhetik und Lokalkolorit und zu viel dramatischem Sound.

Männerschweiß vs. weibliches Parfum

Vor allem aber sind die moralischen Koordinaten allzu eindeutig angelegt: dort die bösen Nazimänner, hier die tapferen Frauen. So entsteht ein gutgemeintes, aber oberflächliches Weiblichkeitsbild, das Frauen nur als Widerstandskämpferinnen oder (Vergewaltigungs-)Opfer zeichnet. Konflikte ergeben sich bei solch klischeehaften Charakteren nicht aus einer inneren Zwangsläufigkeit heraus, sondern sie werden von außen durch das Drehbuch an sie herangetragen, etwa wenn die radikale Résistance in Fanatismus umzuschlagen droht. Auch die natürlich und wunderbar lebendig aufspielende Krieps vermag daran letztlich nichts zu ändern. Mit einer Gesamtspieldauer von circa acht Stunden fällt die erste Staffel der Neuverfilmung deutlich länger aus als die fünfstündige Miniserie von 1985. Würde man aber nur die Episoden, die in der neuen Serie auf dem U-Boot spielen, hintereinander schneiden – was man durchaus tun könnte, ohne dass die Handlungslogik darunter litte – wäre das neue „Boot“ wohl um einiges kürzer als das alte.

Wolfgang Petersen hat mit „Das Boot“ 1981 Kinogeschichte und 1985 Fernsehgeschichte geschrieben, indem er etwas Außergewöhnliches wagte: beinahe einen ganzen Film, eine komplette Serie im engen, abgeschotteten Raum eines dunklen U-Boots voller körperlich und moralisch ungewaschener Männer zu entfalten. Historisch mag er sich damit anfechtbar gemacht haben, aber filmisch zieht das Werk gerade aus dieser radikalen Reduktion seine ungeheure, urgewaltige Kraft. Den Produzenten der neuen Serie fehlte dieser Mut. Den düsteren Antihelden-Drahtseilakt haben sie mit einem aus Schurken und Heldinnen geknüpften Genrenetz abgesichert. So als versuchten sie, den üblen Gestank von altem Männerschweiß mit einem modernen, weiblichen Geruch zu übertünchen, der sich letztlich aber doch bloß als Parfum entpuppt. Aus einem brachialen, zeitlosen Meisterwerk wurde auf diese Weise ein zeitgemäßes Serienhighlight herausgefiltert, das national wie international problemlos an alle gängigen Vermarktungsstrategien anzudocken vermag. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung.

Staffel 2

Noch einmal dieses ikonische Bild: das stählerne U-Boot, wie es nadeldünn-zerbrechlich das atlantische Tosen durchsticht. Noch einmal die legendären Doldinger-Klänge. Noch einmal das Sonar, die angstgeweiteten Augen. Noch einmal die Wasserbomben, die Einschläge, die aufplatzenden Rohre, das spritzende Wasser, die panisch gebrüllten Kommandos. Noch einmal die Schleichfahrt.

Immer wieder werden diese Reminiszenzen an Wolfgang Petersens „Das Boot“ in die zweite Staffel der gleichnamigen Sky-Produktion eingestreut. Ein treffsicheres Arsenal aus Kultbildern und Schlüsselbegriffen, die dann aber doch nur oberflächlich nachhallen und die Illusion, es handele sich bei der vielbeworbenen „High-End-Serie“ um eine Neuverfilmung von Petersens Meisterwerk, nicht aufrechterhalten können. Andreas Prochaska, Regisseur der ersten Staffel, hatte den „Alten“ schon nach wenigen Minuten zu Grabe getragen und Petersens klaustrophobisches Unterseeboot-Kammerspiel um eine deutsche Bootsbesatzung im Zweiten Weltkrieg in ein historisch ausladendes Erzählstück umgewandelt. Matthias Glasner („Der freie Wille“) und Rick Ostermann („Wolfskinder“) setzen mit ihrer Inszenierung diese Abkehr vom Original in der neuen Staffel nun konsequent fort.

U-Boot-Verfolgungsjagd mit zwei Kapitänen

Statt zwei verknüpfen sie gleich drei Handlungsstränge miteinander, von denen nur einer auf See spielt, und dort nicht in einem, sondern in zwei U-Booten. Eines dieser beiden Boote, die U-822, wird von Johannes von Reinhartz (Clemens Schick) befehligt, einem geradlinigen Kommandanten, der schon lange am Sinn des Krieges zweifelt. Im zweiten, der U-612, führt der größenwahnsinnige Korvettenkapitän Wrangel (Stefan Konarske) ein tyrannisches Regiment über die zusammengewürfelte, unerfahrene Besatzung.

Wrangel, der in Staffel 1 noch gegen den grundanständigen Kaleu Hoffmann (Rick Okon) meuterte, entwickelt sich diesmal zum Gegenspieler von Reinhartz. Während der endgültig genug vom Töten hat und plant, zu desertieren, soll Wrangel ihn mit allen Mitteln aufhalten. Es entwickelt sich ein packendes Duell zweier ausstrahlungsstarker Kontrahenten; hervorragend gespielt von Konarske („Tatort“, „Der junge Karl Marx“) und Schick („Casino Royale“, „Das finstere Tal“), wie überhaupt das gesamte Serienensemble darstellerisch überzeugt. Als U-Boot-Verfolgungsjagd ist das mitreißend anzuschauen: Großartige Genre-Unterhaltung, die sich allerdings in einem derart übersichtlich arrangierten Gut-Böse-Spannungsfeld entfaltet, dass sie dadurch weitgehend belanglos bleibt.

Klare Grenzen zwischen Gut und Böse

Leider gilt dies mit nur wenigen Abstrichen für die gesamte zweite Staffel. Wurden in Staffel 1 die moralischen Grenzen auf beunruhigende Weise verwischt, werden sie diesmal klar abgesteckt. In dem in La Rochelle angesiedelten Handlungsstrang flieht die der Résistance angehörende Krankenschwester Margot (Fleur Geffrier) mit einem jüdischen Vater und dessen beiden Kindern vor dem eiskalten Kriminalrat Forster (Tom Wlaschiha).

Forster hat sich hierfür eigens einen sadistischen Häscher herangezogen. Für diese aus den Gossen der südfranzösischen Hafenstadt gekrochene Teufelskreatur hat Drehbuchautor Colin Teevan erschreckend tief in die Klischeekiste gegriffen. Der französische Schauspieler Paul Bartel rettet die Figur, indem er sie wie Jack Dawsons bösen Zwilling anlegt: als blutrünstigen menschlichen Straßenköter mit rauem Charme, aber ohne Gewissen.

Serienhandwerk auf gehobenem Niveau

Zwiespältige Charaktere finden sich in der neuen Staffel am ehesten noch im dritten Erzählstrang, der in den USA spielt. Dort hat es den von den Meuterern auf offener See ausgesetzten Kaleu am Ende der ersten Staffel angespült. Hoffmann bewegt sich in einem dubiosen Kreis aus Nazisympathisanten, Kriegsgewinnlern, heuchlerischen US-Politikern und rassistischen Karrieristen, die ihm helfen sollen, nach Deutschland zurückzukehren. Doch dann verliebt er sich ausgerechnet in die afroamerikanische Jazz-Sängerin Cassandra Lloyd (Rochelle Neil). Auf diese Weise findet schließlich auch die obligatorische Romanze ihren Platz im epischen Bilderbogen.

Dass der Zweite Weltkrieg und der Naziterror einer actiongeladenen Unterhaltungsserie den dramaturgischen Baustoff liefern, wirft moralisch und historisch ähnliche Fragen auf wie einst der Tunnelblick, die radikale U-Boot-Innensicht, in Wolfgang Petersens Original. Filmisch freilich war „Das Boot“, das seinem Titel noch gerecht wurde, ein Geniestreich. Die TV-Neuauflage hat damit nicht mehr viel zu tun, bietet in der zweiten Staffel aber immerhin Serienhandwerk auf gehobenem internationalem Niveau: darstellerisch oft grandios, fotografisch sauber, pointiert geschnitten und keine Sekunde langweilig.

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