Dokumentarfilm | USA 2018 | 128 Minuten

Regie: Michael Moore

Dokumentarisch-essayistische Exkursionen in die Gedankenwelt des US-Präsidenten Donald Trump und seiner Landsleute, die der Frage nachgehen, wie der Populismus die Oberhand in den USA gewinnen konnte. Mit den Mitteln des Agitprop-Kinos skizziert Michael Moore den amtierenden US-Präsidenten zunächst als groteske Witzfigur, räumt dann aber zunehmend jungen Menschen Platz ein, die sich gegen den Ausverkauf der liberalen Demokratie engagieren. Ein nur in Maßen polemischer Rundumschlag, der mit einer Mischung aus staunender Naivität und beißender Schärfe die widerständigen Kräfte bündeln will, aber kaum schlüssige Antworten liefert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
FAHRENHEIT 11/9
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Michael Moore
Buch
Michael Moore
Kamera
Jayme Roy · Luke Geissbuhler
Schnitt
Doug Abel · Pablo Proenza
Länge
128 Minuten
Kinostart
17.01.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Dokumentarisch-essayistische Exkursionen in die Gedankenwelt des US-Präsidenten Donald Trump und seiner Landsleute, die der Frage nachgehen, wie der Populismus die Oberhand in den USA gewinnen konnte.

Nichts weniger als „Das Ende der Welt (wie wir sie kennen)“ titelte der „Spiegel“ am 12. November 2016, nachdem Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gewonnen hatte. Seit Trumps Amtsantritt am 20. Januar 2017 hat sich in der Tat vieles verändert: Wichtige internationale Abkommen wurden aufgekündigt, der diplomatische Ton zwischen den USA und ihren langjährigen Partnern hat sich in einer Weise verändert, die man nicht für möglich gehalten hätte, das innenpolitisch wie sozial tief gespaltene Land driftet weiter auseinander; nur an der New Yorker Börse kletterten die Aktienkurse lange auf neue Rekordhöhen.

„How the fuck could this happen?“, fragen sich seitdem nicht nur Botschafter oder Korrespondenten in aller Welt, sondern erst recht viele linke US-amerikanische Künstler und Filmschaffende wie beispielsweise Michael Moore, der mit „Fahrenheit 11/9“ eine Exkursion in die Gedankenwelt des umstrittenen Präsidenten wie in die seiner Landsleute unternimmt. Im sehr speziellen Duktus des kämpferischen Dokumentaristen geht es generell eine Nuance zu laut und mitunter sogar grell-überdreht zu; doch in „Fahrenheit 11/9“ nimmt sich Moore im Vergleich zu Filmen wie „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ (2009) oder „Where to Invade Next“ (2015) als Person auffällig zurück, was den Film besser und zugänglicher macht.

Stephen Bannon & der „geniale Dokumentarfilmer“

Dabei hätte es methodisch ganz anders kommen können. Ende der 1980er-Jahre saß Moore bei einer Talkshow direkt neben dem damaligen Immobilienspekulanten Donald Trump, der ihn dabei für seinen Film „Roger & Me“ sogar öffentlich lobte. Stephen Bannon, der ehemalige Leiter des „Breitbart News Network“ und spätere Chefstratege Trumps, hatte Moores Abrechnung mit dem amerikanischen Gesundheitssystem und der Pharmaindustrie („Sicko“) als DVD herausgebracht und ihn als „genialen Dokumentarfilmer“ bezeichnet. Die Kosten der Premierenfeier übernahm damals Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.

Trotzdem geht Moore in „Fahrenheit 11/9“ mit dem 45. Präsidenten der US-Geschichte alles andere als zimperlich um. Er beschuldigt ihn in vertrauter Kolportage-Manier indirekt, eine sexuelle Affäre mit seiner eigenen Tochter Ivanka zu haben. Für Moore ist Trump ein lupenreiner Sexist und Rassist aus dem Umfeld der „White Power“-Clubs, was den Regisseur via Archivmaterial sogar Parallelen bis zum „Drittem Reich“ zieht lässt, was politisch betrachtet blanker Unsinn ist und filmästhetisch auch nur bedingt aufgeht. Dafür schneidet Moore wahllos O-Töne des Präsidenten mit anderen steilen Thesen zusammen, um Trump zu diskreditieren und als groteske Witzfigur auszustellen; alles um eines kurzen Gags willen, und ohne intellektuelle Substanz.

„Trump mag starke Männer“

„Trump mag starke Männer“, heißt es beispielsweise spitzzüngig aus dem Off, woraufhin man Nachrichtenmaterial mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un zu sehen bekommt, den Trump in jüngster Zeit mehrmals getroffen hat. Überhaupt habe Trump, so Moore, „seine Verbrechen immer vor aller Augen begangen“, ohne dass ihn seine politischen Kontrahenten, aber auch nicht die Gerichte je daran gehindert hätten.

Die Erklärung klingt bei Moore dann so: „Weil Profit vorgeht“, wie es im eiskalten O-Ton einer Aktivistin aus Moores Heimatstadt Flint heißt, wo es der „Trump-Lehrling“, der Ex-Gouverneur von Michigan, Rick Snyder, sogar geschafft hat, die Bevölkerung durch bleiverseuchtes Trinkwasser systematisch zu schädigen: „Keine Terroristenorganisation hatte bisher einen Plan, wie man eine ganze amerikanische Stadt vergiftet. Dazu brauchte es die Republikaner von Michigan.“

Nach rund 20 zähen Auftaktminuten übernehmen in „Fahrenheit 11/9“ dann aber immer mehr junge Vertreter eines „anderen Amerikas“ die Worthoheit in einem inkohärenten Film, der keine wirklichen Antworten auf die Ursprungsfrage liefert und narrativ wie formal-ästhetisch große Leerstellen aufweist. Auch die Demokraten, für die sich der Filmemacher noch im Wahlkampf einspannen ließ, was Moore hier lieber unerwähnt lässt, werden offensiv angegangen, schließlich hatten sie ihre eigenen Vorwahlergebnisse manipuliert und nicht auf Bernie Sanders als Präsidentschaftskandidaten gesetzt.

Junge Menschen widersetzen sich

In starkem Kontrast zu den alten Eliten der demokratischen Partei um Nancy Pelosi und Barack Obama („Niemand nahm mehr Spenden von Goldman Sachs an als er“) setzt der linksliberale Filmemacher vor allem auf den Reformwillen vieler junger US-Bürger, die den Status quo nicht länger hinnehmen wollen und stattdessen teilweise lieber selbst kandidieren. Zu ihnen gehören junge Lehrer aus West Virginia, die nach wochenlangen Streiks das Recht auf eine Krankenversicherung und deutliche Gehaltsverbesserungen durchsetzten, aber auch politisch engagierte Schüler aus Parkland, Florida, die seit dem Schulmassaker im Februar 2018 für schärfere Waffengesetze streiten und die direkte Konfrontation mit der US-Waffenlobby suchen, unterstützt durch hunderttausende Follower in den sozialen Netzwerken.

Ihnen gehört die Zukunft, lautet Moores hoffnungsvoller Schlussakkord, der ohne Agitprop auskommt, was „Fahrenheit 11/9“ ein vergleichsweise unpathetisches Ende beschert. Doch auf die Ausgangsfrage, wer Trump gewählt hat und wie es überhaupt zu dem politischen Desaster kommen konnte, liefern Moore und der Film keine schlüssige Antwort.

Kommentar verfassen

Kommentieren