Immenhof - Das Abenteuer eines Sommers

Abenteuerfilm | Deutschland 2018 | 100 Minuten

Regie: Sharon von Wietersheim

Neuverfilmung des aus den 1950er-Jahren stammenden „Immenhof“-Stoffes um drei Vollwaisen, die gegen den wirtschaftlichen Niedergang des von ihrem Vater geerbten Gestüts kämpfen. Im Mittelpunkt steht eine der Schwestern, die als Pferdeflüsterin ein traumatisiertes Rennpferd behandelt und darüber in eine emotionale Zwickmühle gerät. Die runderneuerte Version folgt weitgehend der Vorlage, spart aber jegliche gesellschaftliche Relevanz aus und setzt stattdessen auf eingängige Landschafts- und Stimmungsbilder sowie die Attraktivität der Darstellerinnen. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Sharon von Wietersheim
Buch
Sharon von Wietersheim
Kamera
Friede Clausz
Musik
Hannes De Maeyer
Schnitt
Charles Ladmiral
Darsteller
Laura Berlin (Charly) · Leia Holtwick (Lou) · Ella Päffgen (Emmie) · Moritz Bäckerling (Leon) · Rafael Gareisen (Matz)
Länge
100 Minuten
Kinostart
17.01.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Abenteuerfilm | Familienfilm | Kinderfilm
Diskussion

Neuverfilmung des aus den 1950er-Jahren stammenden „Immenhof“-Stoffes um drei Vollwaisen, die ihr Gestüt retten wollen, mit eingängigen Landschaftsbildern, aber ohne jede gesellschaftliche Relevanz.

Mit Pferden ist derzeit im deutschen Kino viel Staat zu machen. Nach den drei „Bibi & Tina“-Komödien, mit denen Detlev Buck ein Millionen-Publikum vor die Leinwand lockte, und der nicht minder erfolgreichen „Ostwind“-Trilogie von Katja von Garnier (der von Theresa von Eltz inszenierte vierte Film „Aris Ankunft“ startet am 28. Februar), steht jetzt „Immenhof – Das Abenteuer eines Sommers“ an.

Sharon von Wietersheims erste Leinwandarbeit seit „Suche impotenten Mann fürs Leben“ von 2002 ist denn auch irgendwo zwischen diesen beiden Filmreihen angesiedelt, auch wenn sie weder den anarchischen Humor von Buck besitzt noch an die exquisiten Tier- und Naturaufnahmen von Katja von Garnier heranreicht. Von Wietersheim hält sich vielmehr an die filmhistorischen Vorbilder aus den 1950er-Jahren, bleibt aber komplett ideologiefrei, was man von den Vorgängern nicht gerade behaupten konnte. So saß 1955 bei „Die Mädels vom Immenhof“ mit Wolfgang Schleif jener Mann auf dem Regiestuhl, der nur wenige Jahre davor für Veit Harlans Nazi-Propagandafilm „Kolberg“ den Schnitt verantwortet hatte.

Die Ursprünglichkeit der Natur in bester Friede-Freude-Eierkuchen-Manier

Bei ihrer rundum erneuerten, topmodernen Variante spart die Regisseurin alle Themen mit gesellschaftspolitischer Relevanz aus, zelebriert in bester Friede-Freude-Eierkuchen-Manier die Ursprünglichkeit der Natur und findet einmal mehr das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde. Inhaltlich bleibt die Regisseurin weitgehend den Vorlagen treu. Auch auf dem aktuellen Immenhof gibt es drei (Vollwaisen-)Töchter, die versuchen, ihr finanziell angeschlagenes Gestüt über die Runden zu bringen.

Das gleicht einem unlösbaren Unterfangen, als Mallinckroth, der intrigrante Besitzer des Nachbargestüts, der mittleren Schwester Lou unterstellt, sie trage die Schuld daran, dass sein Rennpferd-Star Cagliostro plötzlich keine Leistung mehr bringe. Nach diversen Irrungen und Wirrungen sowie mancher dramaturgischen Wendung ist es an Lou, die ihre Pferdeflüsterer-Qualitäten von ihrem verstorbenen Vater geerbt hat, den traumatisierten Cagliostro zu heilen und so zumindest indirekt den Immenhof vor dem Bankrott zu retten.

Wenn die Handlung einmal ruht, konzentriert sich die Regisseurin darauf, vor allem schöne, überwiegend in Hot Pants und schulterfreie Tops gewandete Mädchen schöne Dinge tun zu lassen, allen voran das Model Leia Holtwick als Lou Jansen, bei der selbst im strömenden Regen die Frisur immer perfekt sitzt und der auch ein unfreiwilliges Schlammbad im Moor in ästhetischer Hinsicht nichts anhaben kann.

Im Gegenlicht mit Quads durchs Watt

Die Attraktivität der Menschen spiegelt sich auch in den Landschaftsbildern wider, wenn man im Gegenlicht mit Quads durchs Watt rast oder ein romantisches Lagerfeuer am Abend das Herz erwärmt. Für diese Liebe ist der Großstadtmensch Leon (Moritz Bäckerling) zuständig. Der erfolgreiche Influencer muss auf dem Hof Sozialstunden ableisten und verguckt sich in Lou.

Leon steht auch fürs digitale, zeitgenössische Element in einem Film, der seine stärksten Momente eher dann hat, wenn zu eingängiger Popmusik Mensch und Tier ausreiten, miteinander Spaß haben und ganz nah zueinander finden. Dagegen werden die Dialoge schnell zu Plattitüden, wenn das Drehbuch den Protagonisten Sprüchen wie „Das Leben ist ungerecht. Gewöhn dich dran“ oder „Pferde haben ihre eigene Sprache“ in den Mund legt.

Ein gewisses Gefälle ist auch beim darstellerischen Niveau auszumachen. Während Heiner Lauterbach souverän seinen Part als tierquälender Bösewicht herunterspult (auch wenn sein Wandel zum netten Nachbarn doch recht abrupt kommt), hat die unerfahrene Leia Holtwick gerade in den emotionalen Sequenzen arg mit ihren Zeilen zu kämpfen. Und so darf am Ende die Frage erlaubt sein, ob es nach den 1950er-Jahren, einer ersten Wiederaufnahme in den 1970er-Jahren und der Neuinterpretation als Fernsehserie in den 1990er-Jahren nun wirklich noch eine vierte, weder sonderlich innovative noch großartig inspirierte Annäherung an diese zuckersüße Ponyhof-Idylle gebraucht hätte.

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