Castle Rock

Fantasy | USA 2019 | Minuten

Regie: Michael Uppendahl

Eine Serie, die frei mit Charakteren, Orten und Motiven aus Stephen Kings „Castle Rock“-Zyklus arbeitet: In der fiktiven Kleinstadt Castle Rock im Bundesstaat Maine häufen sich seltsame, bedrohliche Ereignisse. Die Serie beleuchtet in lose verbundenen Episoden, aus denen sich erst allmählich ein „größeres Ganzes“ ergibt, die undurchsichtig verwobenen Schicksale diverser Menschen in der Stadt. Ein Schlüssel dazu ist ein mysteriöser Gefangener, der in den Kellern des verrufenen Shawshank-Gefängnisses gefunden wird. Eine gelungene, zwischen Mystery, Drama und Horror balancierende Variation von Stephen Kings Erfindungen, wobei sich der Schrecken auf leisen Sohlen anschleicht und sich mehr aus einer atmosphärischen Inszenierung und abgründigen Charakterzeichnungen als aus schrillen Effekten speist.

Filmdaten

Originaltitel
CASTLE ROCK
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Michael Uppendahl · Ana Lily Amirpour · Daniel Attias · Andrew Bernstein · Kevin Hooks
Buch
Sam Shaw · Dustin Thomason · Heather Thomason · Scott Brown · Mark Lafferty
Kamera
Richard Rutkowski · Jeffrey Greeley
Musik
Chris Westlake
Schnitt
Trevor Baker · Matthew Colonna · David Bilow
Darsteller
Bill Skarsgård (The Kid) · André Holland (Henry Deaver (als Erwachsener)) · Caleel Harris (Henry Deaver (als Junge)) · Sissy Spacek (Ruth Deaver) · Melanie Lynskey (Molly Strand (als Erwachsene))
Länge
Minuten
Kinostart
-
Genre
Fantasy | Horror | Serie
Diskussion

Eine von der legendären Kleinstadt aus Stephen Kings „Castle Rock“-Zyklus inspirierte Schauer-Serie, in der Figuren, Charaktere und Orte aus den Romanen und Erzählungen geschickt zu einem unheilvoll-atmosphärischen Ganzen verwoben werden.

Auf den ersten Blick wirkt Castle Rock wie eine dieser Kleinstädte, die es nahezu überall geben könnte: Die Menschen kennen sich, einige sind örtliche Bekanntheiten, andere leben ein eher zurückgezogenes Leben; manche können gut miteinander, andere weniger. Trotzdem schickt sich Castle Rock, eine fiktive Kleinstadt im US-Bundesstaat Maine und Schauplatz zahlreicher Stephen-King-Romane, an, der unheimlichste Ort überhaupt zu werden. Erfolgreiche, sympathische ältere Herren begehen scheinbar grundlos Selbstmord. Kinder verschwinden und tauchen wieder auf, ohne Auskunft geben zu können, was ihnen passiert ist. Und es gibt Menschen, die seit ihrer Kindheit mit Schuldgefühlen leben, was ihnen auch als Erwachsene den Alltag beschwert. Es scheint, als stehe die Stadt unter einem Fluch, den auch Fremde wahrnehmen und sich daher meist schnell entscheiden, woanders eine Bleibe zu suchen.

Verlassene Gefängnistrakte, rätselhafte Ereignisse

Die Stoffe des Autors Stephen King sind derzeit als Material für Filme und Serien wieder ziemlich populär. Nach den Kinofilmen Es und Der dunkle Turm sowie der Serie Mr. Mercedes greift „Castle Rock“ eines von Kings epischsten Projekten in Serienform auf. In sechs Romanen und sechs Kurzgeschichten, die zwischen Horror, Fantasy und Kleinstadtdrama changieren, erkundete der Schriftsteller das Schicksal der fiktiven Kleinstadt. Ähnlich wie die Figur Derry aus seinem Roman „Es“ ist das Städtchen Castle Rock, das erstmals im Jahr 1979 zum Schauplatz eines King-Romans („The Dead Zone“) wurde, ein zum Albtraum erstarrtes Zerrbild des „American Dream“. Die Anthologie-Serie liefert indes keine direkte Verfilmung von Kings Vorlagen, sondern arbeitet frei mit Charakteren, Orten und Motiven, die in Kings Romanen, Kurzerzählungen und deren Verfilmungen immer wieder eine Rolle spielen.

Der zweite wichtige Hauptschauplatz neben Castle Rock ist das berüchtigte Gefängnis Shawshank. Seit der Erzählung „Rita Hayworth and Shawshank Redemption“ (1982) und deren Verfilmung Die Verurteilten (1994) durch Frank Darabont wissen eifrige King-Fans, dass die fiktive Haftanstalt zu den härtesten der USA zählt. Die zehnteilige Serie verteidigt und erhärtet diesen Ruf. Nachdem sich der Leiter des Gefängnisses auf drastische Art das Leben genommen hat, findet die karrierebewusste Nachfolgerin eine Anstalt vor, in dem ein Kellerstockwerk seit Jahren nicht mehr betreten wurde. Als zwei Gefängniswärter verdonnert werden, das Geschoss zu untersuchen, stoßen sie hinter den schweren Eisentoren auf einen Gefängnistrakt, im dem sich Rost und Blut kaum voneinander unterscheiden lassen. Die Männer finden einen völlig abgemagerten Gefangenen, der dort unten offenbar seit Jahren gefangen gehalten wurde. Die einzigen Worte, die der von Bill Skarsgård gespielte junge Mann von sich gibt, sind ausgerechnet Vor- und Nachname eines Anwalts, der sich für zum Tode verurteilte Täter einsetzt: Henry Deaver (André Holland).

Ein mosaikartiges Gewebe des Unheilvollen

Deaver ist in Castle Rock aufgewachsen und als Kind zu unfreiwilliger Berühmtheit gelangt. Seine geheimnisvolle Vergangenheit als der Junge, der über Tage verschwand und dann aus dem Nichts heraus auf dem zugefrorenen See wieder auftauchte, kennt fast jeder. Dass sein Vater, kurz nachdem er gefunden wurde, gestorben ist, hat seinen Ruf umso legendärer werden lassen. In welcher Beziehung er zu dem jungen Gefangenen steht, über den es keinerlei Akten oder Aufzeichnungen gibt, bleibt vorerst unklar.

Charaktere, Orte und Motive werden so lose miteinander verwoben und neu verstrickt, dass erst allmählich deutlich wird, wie sie miteinander in Beziehung stehen und ein mosaikartig-unheilvolles Ganzes ergeben. Wie so oft bei Stephen King zeigt sich, dass Normalität und Wahnsinn nah beieinander liegen und mitunter kaum voneinander zu trennen sind. Zumindest zu Beginn der Serie kommt der Schrecken auf leisen Sohlen daher: Lange Kameraeinstellungen auf eine völlig vereiste Landschaft, die Ungereimtheiten vieler Ereignisse und die ungeklärten Fragen, die sich daraus ergeben, sorgen für eine latent angespannte Atmosphäre. Dazu kommen unberechenbare Figuren wie der schweigsame Gefangene, der zugleich unheimlich und verängstigt wirkt und dessen Herkunft völlig im Dunkeln liegt: „The Kid“ scheint entweder über starke mentale Fähigkeiten zu verfügen oder aber ohne tieferen Grund bei einem der Gefängniswärter derart übersteigerte Wahnvorstellungen auszulösen, dass dieser seine Waffe zückt und selbst zum Täter wird.

Gemeinschaftsprojekt von Stephen King und J.J. Abrams

Produziert wurde die Serie unter anderem von Stephen King höchstpersönlich sowie von J.J. Abrams, der unter anderem auch an der King-Serie 11.22.63 mitwirkte und sich schon mehrfach zu seiner Begeisterung für Stephen-King-Stoffe bekannte. Auch einige Darsteller sind aus dem King-Universum und daran angelehnter Horrorstoffe vertraut. So verkörperte Bill Skarsgård die Figur Pennywise in der jüngsten Es-Verfilmung, Sissy Spacek aus Carrie spielt hier eine verwirrte ältere Frau, und Jane Levy, die hier eine psychopathisch anmutende Maklerin darstellt, ist unter anderem aus den Horrorfilmen Evil Dead und Don‘t Breathe bekannt.

Ob sích das Geheimnis um die mysteriöse Kleinstadt und ihre Bewohner in „Castle Rock“ vollständig auflösen wird, bleibt abzuwarten. Fans des gepflegten Horrors können sich aber freuen: J.J. Abrams hat angedeutet, dass eine zweite Staffel nicht lange auf sich warten lassen soll.

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