The Umbrella Academy

Comicverfilmung | USA 2019 | Minuten

Regie: Andrew Bernstein

Eine Serie nach der gleichnamigen Comicreihe von Gerard Way und Gabriel Bá: An einem Tag im Jahr 1989 werden unerwartet mehrere Kinder von Frauen geboren, bei denen zuvor keine Schwangerschaft feststellbar war. Sieben der Kinder adoptiert ein exzentrischer Wissenschaftler und Millionär und formiert sechs von ihnen, die über übernatürliche Fähigkeiten verfügen, zur "Umbrella Academy", um sie darauf vorzubereiten, einst die Welt zu retten. Doch die seltsame "Familie" zerbricht. Jahre später nach dem Tod ihres Adoptivvaters kommen die noch lebenden Geschwister als junge Erwachsene wieder zusammen, um das Rätsel von dessen Ableben zu lüften, und stoßen dabei auf eine tödliche Gefahr für die ganze Menschheit: In wenigen Tagen droht der Weltuntergang. Die Adaption des Stoffes legt ihr Hauptgewicht darauf, ihn als Drama einer dysfunktionalen Familie zu entwickeln, und ordnet die spielerisch-fantastischen Elemente des Comics der Charakterentwicklung unter. Dank guter Schauspieler und einer reizvollen Inszenierung entsteht daraus eine spannende, sehr menschliche Variation des Superhelden-Themas. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE UMBRELLA ACADEMY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Andrew Bernstein · Peter Hoar · Ellen Kuras · Stephen Surjik · Jeremy Webb
Buch
Jeremy Slater · Steve Blackman
Kamera
Neville Kidd · Craig Wrobleski
Musik
Jeff Russo
Schnitt
Todd Desrosiers · Timothy A. Good · Wendy Tzeng · Amy E. Duddleston · Jon Dudkowski
Darsteller
Colm Feore (Sir Reginald Hargreeves) · Ellen Page (Vanya Hargreeves/Nr. 7) · Tom Hopper (Luther Hargreeves/Nr. 1) · Robert Sheehan (Klaus Hargreeves/Nr. 4) · Emmy Raver-Lampman (Allison Hargreeves/Nr. 3)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Comicverfilmung | Fantasy | Serie

Eine Serie nach der gleichnamigen Comicreihe von Gerard Way und Gabriel Bá um eine dysfunktionale Superhelden-Familie.

Diskussion

Staffel 1

Auf Fotos aus den Kindertagen gruppieren sich sechs maskierte kleine „Superhelden“ um ihren Adoptivvater und Führer Reginald Hargreeves. Obwohl es einst sieben Kinder waren, die der exzentrische Millionär, Forscher  und Erfinder bei sich aufnahm, alle geboren am gleichen Tag, alle von Müttern, die zuvor keinerlei Anzeichen von Schwangerschaft erkennen ließen. Doch eines der Kinder, die  junge Vanya, schaffte es nicht in die „Umbrella Academy“, jenes Team, das Hargreeves von Kindesbeinen an darauf trillte, Schurken zu bekämpfen und später einmal die Welt zu retten. Denn Vanya scheint über keine der außergewöhnlichen Kräfte zu verfügen, die ihre Adoptivgeschwister haben, und musste deshalb bei den Familienporträts und den spektakulären Einsätzen des Teams außen vor bleiben – ein Ausgeschlossensein, das tiefe Wunden hinterlassen hat.

Ob sie es damit schlechter getroffen hat als die anderen oder nicht, lässt sich allerdings nicht so leicht beurteilen. Glücklich scheint jedenfalls keines der erwachsenen Hargreeves-Kinder zu sein, als sie sich anlässlich des Todes von Sir Reginald wieder in dem ebenso noblen wie verschrobenen Stadthaus, in dem sie aufgewachsen sind, nach vielen Jahren der Trennung wiedersehen. Ben alias Nr. 6 ist mittlerweile verstorben; Nr. 5, der das Talent hat, durch Zeit und Raum zu springen, verschollen; der Rest trägt schwer an den Erinnerungen an eine Kindheit, die von der Lieblosigkeit des Vaters und dessen ständigem Druck geprägt war.

Ein Team, das vor allem mit inneren Brüchen kämpft

Es ist eine reichlich dysfunktionale Familie, die die Serie „The Umbrella Academy“ auf der Basis der von Musiker Gerard Way geschriebenen und von Comic-Künstler Gabriel Bá illustrierten gleichnamigen Graphic Novels vorstellt: ein Team, das nicht zuletzt mit den eigenen inneren Brüchen zu kämpfen hat. Gerard Way, bekannt geworden als Frontmann der US-Emorock-Band „My Chemical Romance“ und seit 2007 neben seiner Solomusikerkarriere auch als Comicautor unterwegs (für den Verlag Dark Horse, wo er mit „Umbrella Academy“ als Autor debütierte, aber auch für DC Comics und mittlerweile auch für Marvel), ließ seine Affinität zur Musik auch in seine Autorenarbeit einfließen; das merkt man nicht nur dem Titel seines ersten „Umbrella Academy“-Bandes an, auf den sich die neue Serie stützt („The Apocalypse Suite“), sondern auch der Tatsache, dass über die Figur der Vanya (Ellen Page), die Violinistin ist, die Musik zum bedeutsamen Element der Story wird. Die Serie setzt Musik ebenfalls als wichtigstes Stilmittel ein; nicht nur in den Szenen, in denen Vanya mittels ihrer Violine dem Gefühl, nicht dazu zu gehören, ein Ventil verschafft, sondern auch durch einen Soundtrack, der immer wieder Popsongs quer durch die letzten Musik-Jahrzehnte einsetzt, um die emotionale Situation der Figuren zu akzentuieren (wobei unter anderem Arrangements von Way bzw. Stücke von „My Chemical Romance“ zum Tragen kommen).

Inhaltlich nimmt die Adaption durch Steve Blackman und Jeremy Slater die Comicvorlage als Gerüst, geht aber frei damit um. So werden z.B. die im Comic weißen „Umbrella Academy“-Mitglieder ganz im Sinne der „Diversity“ zum ethnisch bunt gemischten Haufen. Interessant ist aber vor allem, dass Blackmann und Slater die fantastischen, „comichaften“ Aspekte der Story zurückfahren; so wurden z.B. der Superschurke Dr. Terminal und das „Orchestre Condamné“ mit seinem sinistern Dirigenten ganz aus der Geschichte gestrichen – um sie weniger als typische Superhelden-vs.-Superschurken-Action zu erzählen, sondern das Ganze mehr in Richtung psychologisches Familiendrama zu entwickeln.

Space Boy, The Rumour und Co.

Auch die außergewöhnlichen Fähigkeiten der „Umbrella Academy“-Mitglieder spielen in der Serienadaption eine auffällig verhaltene Rolle, und richtig heroisch ist keine dieser beschädigten Figuren: Luther bzw. "Space Boy", einst „Nr. 1“, ist zwar übermenschlich stark, sein Oberkörper hat jedoch seit einem Eingriff seines „Vaters“ die Gestalt eines haarigen Gorilla, was Luther schamhaft verbirgt und Kontakt zu anderen Menschen meidet; die letzten Jahre hat er im Auftrag Reginalds allein auf dem Mond verbracht. Diego, der übernatürlich geschickt mit Messern umgeht, reibt sich als dunkler Rächer in der Verbrechensbekämpfung auf, balanciert dabei aber selbst am Rande der Kriminalität und  gerät öfters mit der Polizei aneinander. Allison, die als „The Rumour“ einen unheimlichen psychischen Einfluss auf  andere Menschen ausüben kann, hat es zum Filmstar geschafft, ist aber privat todunglücklich, seitdem ihr Exmann das Sorgerecht für die kleine Tochter bekommen hat. Klaus, dessen besondere Fähigkeit darin besteht, Tote zu sehen und mit ihnen zu kommunizieren, erträgt sein Leben nur mit Hilfe von Drogen.

Ausschlaggebend für die Handlung der Serie ist, wie im Comic, zunächst das Talent von Nr. 5: Der findet just am Tag, an dem seine Geschwister die Asche von Sir Reginald verstreuen, nach Hause. Nachdem er ein ganzes Leben in einer postapokalyptischen Zukunft verbracht hat, ist er nun als sein dreizehnjähriges Selbst zurückgekehrt, um die anderen vor dem in wenigen Tagen drohenden Ende der Welt zu warnen und es, wenn möglich, zu vereiteln. Was sich nicht nur deshalb als schwierig gestaltet, weil weder er noch die anderen eine Ahnung haben, was den Weltuntergang auslöst, sondern auch weil ihm zwei Killer im Auftrag eines dubiosen „Komitees“ gefolgt sind: Die dubios-kafkaeske Organisation (im Comic „Temps Aeternalis“ genannt), deren Gestaltung in der Serie ein bisschen an Terry Gilliams „Brazil“ erinnert, wacht mit Argusaugen darüber, dass niemand den vorgesehenen Lauf der Geschichte ändert.

Fokus auf der Familiengeschichte

Die Serie spielt zwar lustvoll mit den skurrilen Seiten des „Umbrella Academy“-Universums – wie dem sprechenden Schimpansen-Butler Pogo – dämmt sie jedoch ein und hält den Fokus fest auf der düsteren Familiengeschichte: Die zehn Folgen der ersten Staffel konzentrieren sich darauf, den einzelnen Hargreeves-Kindern ein markantes Profil zu geben (wobei auch diverse Rückblenden in die Vergangenheit eine Rolle spielen) und sie immer wieder in Auseinandersetzungen und vorsichtige Annäherungen zu verwickeln. Wobei die Serie sich, wie der Comic, wenig harmoniesüchtig gibt und mehr von Einsamkeit, Enttäuschungen und der Fragilität von Beziehungen als von Team-Building erzählt und vor allem in Ellen Page und Robert Shehaan fantastische Darsteller hat, um das zu vermitteln. Das einzige unbelastete Verhältnis der Serie dürfte das von Nummer 5 zu jener Schaufensterpuppe sein, die er sich als letzter Mensch in den Tagen der Postapokalypse zum Ersatz-Gegenüber erkoren hat. Und der einzige Anflug von echter Romantik bleibt ausgerechnet einem der Killer vergönnt, die eigentlich Nr. 5 eliminieren sollen.

Auch dank der formalen Ambitionen der Serie, die immer wieder nach interessanten Kameraperspektiven, aussagekräftigen Songs für den Soundtrack und Momenten sucht, die als stilistisch überhöhte Inseln aus dem Fluss der Handlung heraus ragen wie im Comic große Splash Panels aus der Sequenz der kleineren Bilder, liefert „The Umbrella Academy“ eine sehr reizvolle, melancholisch-menschliche Umsetzung des Comics. Wovon man sich auch als Leser selbst überzeugen kann: Die Reihe erscheint passend zur Netflix-Serie, die am 15.2.2019 startet, in einer überholten Neuauflage beim Verlag Cross Cult.

Buchhinweis: „The Umbrella Academy“, Bd. 1 („Weltuntergangs-Suite“). Hardcover, 192 Seiten, 19, 80. EUR; im Cross Cult Verlag erschienen am 11.2.2019. Bd. 2 erscheint am 12.2.2019; Bd. 3 am 10.9.2019.

Staffel 2

Was für ein grandioses Scheitern! Am Ende von Staffel 1 stand die Zerstörung des Planeten Erde durch einen Meteoriten-Hagel. Die Serie hatte sich kurzerhand von der guten, alten Genre-Regel verabschiedet, dass die Superhelden am Ende den Tag retten, und stattdessen mit der griechischen Tragödie geflirtet: Die Hargreeves-Sprösslinge ebneten letztlich der Katastrophe gerade durch die Versuche, sie zu verhindern, den Weg: Die Bestrebungen, das „schwarze Schaf“ der Familie, Vanya (Ellen Page), unter Kontrolle zu halten, waren der Grund für einen aus der Verzweiflung geborenen, explosiven Ausbruch von deren Super-Kräften, die in einem spektakulären Finale wortwörtlich den Mond vom Himmel holten.

Allerdings weiß man seit „Terminator“, dass es ein probates Mittel gibt, um selbst Apokalypsen nochmal ein Schnippchen zu schlagen: Zeitreisen! Dass Vanya und ihre Sippschaft von der "Umbrella Academy" nun noch eine zweite Staffel bestreiten können, haben sie den Zeitsprung-Talenten von „Nummer Fünf“ (Aidan Gallagher) zu verdanken: Der eigentlich erwachsene, aber im Körper eines präpubertären Knirpses gefangene Held beförderte sich und seine Adoptivgeschwister, wie die Exposition der neuen Staffel nun zeigt, zurück in die frühen 1960er-Jahre.

Präsident Kennedy und das Schreckgespenst eines Atomkriegs

Womit die Serienmacher interessanten neuen Stoff gewinnen. Band 2 der Comicreihe von Gerard Way und Gabriel Bá, die der Serie zugrunde liegt, heißt „Dallas“ – das deutet an, dass das Ereignis eine Rolle spielt, das am 22. November 1963 in der texanischen Großstadt stattfand: die Ermordung John F. Kennedys. Sie hält als eine Art Fixpunkt her, auf den sich die Handlung ausrichtet. Nachdem die Hargreeves-Geschwister beim Sprung durch die Zeit versprengt wurden und an unterschiedlichen zeitlichen Stellen der frühen 1960er-Jahre gelandet sind, sieht Nummer Fünf sogleich ein neues Weltende nahen, diesmal verursacht durch einen Nuklearkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion.

An diesem Krieg müssen wohl einmal mehr sie selbst schuld sein; ihr Auftauchen in den 1960ern muss irgendwie ins Zeitkontinuum hineinpfuschen und Änderungen bewirken, die den Kalten Krieg eskalieren lassen. Und die Person von Präsident Kennedy, sein Sterben oder Überleben, muss dabei eine entscheidende Rolle spielen. Also macht sich Fünf auf, um nach und nach seine Geschwister dort einzusammeln, wo es sie hin verschlagen hat, um mit ihnen einmal mehr zu versuchen, das Unheil zu verhindern. Nach dem grandiosen GAU am Finale der ersten Staffel scheint außer ihm allerdings kaum einer Ambitionen zu haben, sich erneut am Weltretten zu versuchen.

Reibungen am Zeitgeist der 1960er

Die Serienschöpfer gehen, wie schon in Staffel 1, sehr frei mit der Comic-Vorlage um und verwenden nur einzelne Motive, um damit eine eigenständige Serienhandlung zu kreieren. Diese baut wieder stark auf die familiären An- und Abstoßungskräfte, die Verletzungen und Missverständnisse, die Sehnsüchte nach Nähe und Anerkennung, die zwischen den „Umbrella Academy“-Mitgliedern schwelen – wobei auch der in Staffel 1 verstorbene Familienpatriarch Reginald Hargreeves (Colm Feore), der in den frühen 1960ern noch in Saft und Kraft steht, einmal mehr eine Rolle spielt. Diese familiären Konfliktlinien werden ergänzt durch Reibungen der aus der Gegenwart stammenden Helden mit der Lebenswelt der 1960er-Jahre: Während Klaus (Robert Sheehan) zugedröhnt auf dem Zeitgeist surft, indem er die New-Age-Welle reitet, kollidiert die farbige Allison (Emmy Raver-Lampman) frontal mit einem Jahrzehnt, in dem Rassentrennung noch an der Tagesordnung ist. Vanya wiederum hat wegen einer Amnesie keinerlei Erinnerungen daran, wer sie ist, und beginnt ausgerechnet auf einer Farm irgendwo in der stockkonservativen Provinz zarte lesbische Bande zu einer blonden Farmersfrau zu knüpfen. Und Self-Made-Rebell Diego (David Castaneda) landet prompt in der Irrenanstalt.

Und da einmal mehr das Zeitkontinuum auf dem Spiel steht, kommt als weitere entscheidende Front natürlich auch die „Kommission“ wieder ins Spiel, eine Mischung aus monströsem Beamtenapparat und Tarantino-mäßigem Killertrupp, in dem die extravagante, herrlich biestige „Leiterin“ (Kate Walsh), die der Umbrella Academy schon in Staffel 1 die Hölle heißmachte, nun einen veritablen Coup d’État plant und ein ums andere Mal dafür sorgt, dass sowohl die Spannungs-Schraube angezogen als auch das Level kafkaesker Absurdität gesteigert wird, mit dem es die „Umbrella Academy“ zu tun bekommt.

Clevere Winkelzüge rund um Zeit-Paradoxien und die angebliche Macht des Fatums

Dem Drehbuch gelingt es, diese unterschiedlichen Handlungsstränge elegant zu verbinden und nach und nach immer enger zusammenzuführen. Der Rückgriff auf die amerikanische Geschichte bleibt dabei nicht viel mehr als ein Spiel – anders etwa als in der Serienfortschreibung von „Watchmen“, die mit Rückblenden in reale und alternative US-Geschichte ganz ernsthaft über die identitätsstiftende Macht der Historie (und der Bilder, die davon gemacht werden) reflektiert. Aber es ist ein rundum amüsantes Spiel voll cleverer Winkelzüge rund um Zeit-Paradoxien und die Macht des angeblich unverrückbaren Fatums, der schließlich doch keiner der gebeutelten Helden sich kampflos beugen will. Dabei unterhält die Serie erneut nicht nur durch ihre feine Balance zwischen Fantasy-Action, makabrer Komödie und Drama, sondern auch durch ihre stylische Inszenierung, die sich immer wieder in einzelnen Sequenzen von einem exquisiten Soundtrack zu tänzerisch-energetischen Höhenflügen pushen lässt.

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