Willkommen in Marwen

Biopic | USA 2018 | 116 Minuten

Regie: Robert Zemeckis

Ein US-amerikanischer Illustrator, der von fünf Männern brutal zusammengeschlagen wurde, versucht sich aus seinem körperlichen und geistigen Trauma zu befreien, indem er eine miniaturisierte Spielzeugwelt kreiert. Diese ist während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Belgien angesiedelt, wo verführerische Barbie-Frauen und rüde Nazi-Typen seine Fantasie beflügeln. Ein ambitionierter, zwischen Real- und Animationsszenen wechselnder Film, der allerdings in dramatische Klischees und stilistische Imitationen verfällt und seine Beschäftigung mit den Folgen und der Überwindung posttraumatischer Störungen einer manipulativen Spielerei opfert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WELCOME TO MARWEN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Robert Zemeckis
Buch
Robert Zemeckis · Caroline Thompson
Kamera
C. Kim Miles
Musik
C. Kim Miles
Schnitt
Jeremiah O'Driscoll
Darsteller
Steve Carell (Mark Hogancamp / Cap'n Hogie) · Falk Hentschel (Louis / Captain Topf) · Matt O'Leary (Carl / Lieutenant Benz) · Nikolai Witschl (Rudolph / Rudy) · Patrick Roccas (Stefan / Stevie)
Länge
116 Minuten
Kinostart
28.03.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama | Komödie
Diskussion

Ein US-amerikanischer Illustrator, der von Hooligans niedergeschlagen wurde, versucht sein Trauma durch die Kreation einer Spielzeugwelt zu überwinden, mit die während des Zweiten Weltkriegs in Belgien angesiedelt ist. Ein ambitioniertes, zwischen Real- und Animationsszenen alternierendes Drama.

„Marwencol“ heißt ein 2010 erschienener Dokumentarfilm über einen hochbegabten amerikanischen Illustrator, der nach einer Attacke durch fünf brutale junge Schläger Wege aus den Folgen seiner körperlichen und geistigen Qualen sucht. In seiner Wohnung hat er eine Spielzeugwelt kreiert, die seine Behinderungen, Wünsche und Obsessionen anhand von Figuren einer imaginierten belgischen Kleinstadt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs widerspiegelt. Der Protagonist dieses Dokumentarfilms heißt Mark Hogencamp. Fotoserien seiner fantasievollen Installationen erregten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, und er wurde zu einem Liebling der New Yorker Kunstszene.

Es überrascht kaum, dass ein Regisseur wie Robert Zemeckis von Hogencamp und dessen Kreationen beeindruckt ist. Die Mischung aus Realität und Fantasie, die Bewältigung psychischer Schwächen durch kreative Aktivität und die Gelegenheit zur Visualisierung der Hervorbringungen eines beschädigten, aber aufbegehrenden Geistes haben Zemeckis nicht mehr losgelassen. Hogencamps Biografie und deren filmische Dokumentation in „Marwencol“ hat er zur Grundlage von „Willkommen in Marwen“ und einer neuerlichen Demonstration seines eigenen Talents gemacht, psychische Gegebenheiten und die durch sie ausgelösten Reaktionen mittels animierter Spielzeugfiguren auf der Leinwand lebendig werden zu lassen.

Hogie und die hübschen Frauen

Schon bevor man etwas über Hogencamps Schicksal erfährt, sieht man sich mit „Hogie“ konfrontiert, einem US-amerikanischen Kampfpiloten, der während des Zweiten Weltkriegs über dem von Deutschen besetzten Belgien abgeschossen wird. In der Miniaturwelt des belgischen Dorfes, in dem Hogie nicht nur in die Hände der Nazis, sondern auch einer Vielzahl von hübschen Frauen fällt, entpuppt er sich bald als Alter ego des realen Mark Hogencamp, der in der Nähe von New York in einem bescheidenen Landhaus lebt und den Prozess gegen die Übeltäter abwartet, die ihn nachts vor einer Bar schrecklich zusammengeschlagen haben.

Hogencamp erinnert sich nicht mehr an seine Vergangenheit vor dem Überfall; nur eine riesige Kollektion von Damenschuhen deutet noch auf seinen Fetisch hin, der ihn weiterhin Stöckelschuhe tragen lässt – ein Zeichen seiner von ihm selbst kaum noch interpretierbaren Sexualität, die einst die Wut seiner Angreifer ausgelöst und mit der er auch jetzt noch zu kämpfen hat.

Tarantineske Barbie-Doll-Eskapaden

Richtig auf Touren kommt der Film immer dann, wenn sich Hogencamp alias Hogie in die Barbie-Doll-Welt der diversen Freundinnen und die geradezu nach Tarantino schmeckenden, satirisch zugespitzten Auseinandersetzungen mit lustvoll überzeichneten Nazis versetzt, die seine realen Angreifer personifizieren. Dann ist Zemeckis in seinem Element. Mehr als einmal, wenn der Film in der Gegenwartsgeschichte durchhängt, wünscht man sich, Zemeckis hätte gleich einen ganzen Puppenfilm inszeniert, anstatt die Welt des von posttraumatischem Stress überwältigten Mark Hogencamp mit einer Unzahl spießbürgerlicher Details zu garnieren.

Wie viele Zemeckis-Filme trägt „Willkommen in Marwen“ seine gute Absicht allzu plakativ vor sich her. Hogencamps Fotos von imaginierten Freund- und Feindschaften im besetzten Belgien, aus denen sein behinderter und doch so fantasievoller Geist Heilung und Katharsis bezog, verwandeln sich unter Zemeckis’ Zugriff zunehmend in einen emotionalen Befreiungskrieg, der letztendlich mehr mit manipulativen Hollywood-Klischees als mit Erkenntnissen der modernen Psychologie zu tun hat. Auch der unangefochten-naive Charme des Hauptdarstellers Steve Carell steht dem angestrebten Ziel eher im Weg, als dass er es fördern würde.

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