Dokumentarfilm | Deutschland/Schweiz 2018 | 93 Minuten

Regie: Nino Jacusso

Dokumentarfilm über drei Unternehmer, die sich einem fairen, ökologisch sensiblen und nachhaltigen Wirtschaften verschrieben haben. Mit einer interessant verschachtelten Montage porträtiert der Film die Ökonomen und ihre Firmen, die vom Bioladen bis zum internationalen Textilhandel an langfristig orientierten Strategien arbeiten und dabei nicht allein der Gewinnmaximierung huldigen, sondern Gerechtigkeit und die Umwelt mit im Sinn haben. Die erzählerisch eher konventionelle Inszenierung macht Mut, neue Wege zu beschreiten und für eine andere Weltwirtschaftsordnung zu kämpfen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
FAIR TRADERS
Produktionsland
Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2018
Regie
Nino Jacusso
Buch
Nino Jacusso
Kamera
Daniel Leippert
Musik
Thomi Christ · Roman Lerch · Dominik Blumer
Schnitt
Loredana Cristelli
Länge
93 Minuten
Kinostart
28.03.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
375 Media (16:9, 1.78:1, DD5.1 dt.)
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Diskussion

Doku über drei Unternehmer, die faire Arbeitsbedingungen, ökologische Überlegungen und ein nachhaltiges Wirtschaften über die bloße Gewinnmaximierung stellen.

„Ich wollte keinen Film über Schurken drehen, auch wenn ich im Studium an der HFF München gelernt habe, dass das oft die spannenderen Geschichten sind“, sagte der italienisch-schweizerische Regisseur Nino Jacusso über seinen Dokumentarfilm „Fair Traders“. Es müsse eben auch „Positivbeispiele“ geben: Menschen, die dem Publikum Mut machen und es aus seiner Wohlstandslethargie reißen.

„Fair Traders“ heißt Jacussos dokumentarisches Manifest für eine radikal andere Form des Wirtschaftens, wobei der Fokus auf umweltfreundlicheren und nachhaltigeren Produktions- und Arbeitsbedingungen liegt. Anhand dreier Unternehmer, die auf regionaler, nationaler und globaler Ebene agieren, skizziert der Film deren Versuche, mit ökonomischen Mitteln eine sozial gerechtere Welt zu schaffen: mit fairen Methoden, moralischem Impetus und der Sorge um die nachfolgenden Generationen.

Ohne Gift und Gentechnik

Der Schweizer Textilingenieur Patrick Hohmann ist einer von ihnen. Innerhalb der „Fair-Trade“-Bewegung gehört er zu den Vorreitern der Idee einer „Postwachstumsökonomie“. Bereits in den 1980er-Jahren begann er mit dem fairen Anbau von Biobaumwolle aus umweltverträglicher, gentechnikfreier Produktion. Seit 1983 ist der Gründer der Remei AG in Indien und Tansania tätig. Der massive Einsatz gentechnisch veränderter Organismen („GVO“) sowie giftiger Pestizide beim Baumwollanbau in Indien und China war für ihn ausschlaggebend, sein Leben zu verändern. Hohmann wurde dafür mit dem Schweizer Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Er handelt nicht nach Gewinnmaximierungskonzepten, wie sie in Managementkursen gelehrt werden, sondern als „interkultureller Brückenbauer“, der seine 6000 afrikanischen und indischen Vertragsbauern als Partner betrachtet und ihnen durch eine feste soziale Absicherung zugleich eine bessere Lebensperspektive ermöglicht.

Inzwischen beliefert Hohmann die Coop Schweiz mit seiner Biobaumwolle und hat in den Produktionsstandorten geregelte Arbeitsstrukturen geschaffen. Durch die Gründung der „bioRe“-Stiftung veränderte er außerdem die Sozialstruktur vor Ort nachhaltig zum Positiven: Es werden Häuser gebaut und existenzsichernde Schul- und Bildungsprojekte gefördert. Durch die langfristige Förderung des Biolandbaus „nach menschenrechtsbasiertem Ansatz“ garantiert Hohmann seinen Vertragsbauern obendrein wachsenden Wohlstand.

Gemeinsam die Welt retten

Für die 41-jährige Sina Trinkwalder war die Begegnung mit einem Obdachlosen das „Schlüsselerlebnis“. 2010 gründete die resolute Frau die Firma „manomama“ in der Fuggerstadt Augsburg, der „früheren Weltstadt der Textilindustrie“, nachdem sie zuvor mit ihrem Ex-Mann jahrelang eine Marketingagentur geführt hatte. Mit Anfang 30 entschied sie sich, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Ohne Unterstützung von Banken investierte Trinkwalder ihren kompletten Besitz, rund zwei Millionen Euro, in den Augsburger Produktionsstandort, wo sie mit drei Mitarbeitern und der Fertigung von Kleidung und Taschen nach ökologischen und sozialen Maßgaben („Zero-Waste“-Fashion) begann, die sie bald an deutsche Marktführer im Drogerie- und Lebensmittelhandel lieferte.

„Ich kann nicht die Welt retten“, erklärt sie, „das müssen wir schon zusammen tun!“ Dafür greift sie auf regionale Ressourcen wie Flachs zurück und verwendet bei ihren Kreationen ausschließlich in der Nähe produzierte Knöpfe, Stoffe und Fäden. Mittlerweile führt Trinkwalder 150 angestellte Mitarbeiterinnen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt als „nicht oder nur schwer vermittelbar“ gelten. Die Bundesverdienstkreuzträgerin und Buchautorin arbeitet selbst jeden Tag in der Produktion mit. Außerdem kümmert sie sich um Obdachlose und Drogenkranke, denen sie in Sozialstationen kostenlose „Upcycling-Rucksäcke“ vorbeibringt: randvoll gefüllt mit Lebensmitteln, Kleidungstücken und Hygieneartikeln.

Anstöße fürs eigene Handeln

Wie sich im ökonomischen Mikrokosmos ebenfalls eine wirtschaftlich radikale Rosskur vollziehen lässt, beweist die dritte Protagonistin. Die ehemalige Kindergärtnerin Claudia Zimmermann eröffnete 2016 als Ökobäuerin im schweizerischen Küttigkofen einen Bioladen, der zugleich als Dorfladen fungiert. Gemeinsam mit ihrem Mann Matthias engagiert sie sich gegen „Food Waste“ und für einen auskömmlicheren ökologischen Fußabdruck des Menschen. Sie müsse eben „keinen Porsche fahren“, umschreibt sie die Gründe für ihren Neustart, der sie nach jahrelanger Sinnsuche „erst wirklich glücklich gemacht“ hat.

„Fair Traders“ ist kein Feel-Good-Dokumentarfilm für saturierte Möchtegern-Weltretter, die SUVs fahren und trotzdem auf dem Ökobauernmarkt einkaufen, sondern eher ein filmisches Plädoyer für den Mut zu persönlicher Veränderung. Es geht! Das ist die Kernbotschaft des wirtschaftskritischen Dokumentarfilms, der nur selten in ästhetisch platte Imagefilmwelten abdriftet.

In der Flut an mehr oder weniger gelungenen aktivistischen Dokumentarfilmen nimmt „Fair Traders“ eine unaufgeregte Vermittlerposition ein. Nino Jacusso verbirgt nicht seine Sympathien für die Protagonisten, die er jeweils ein Jahr lang begleitete. Anstatt quartalsweise neuen Rekordgewinnen nachzujagen, geht es ihnen um etwas vollkommen anderes: Sie wollen eine „Wertigkeit“ mit ihren Produkten schaffen, wofür sie hohe Sozial- und Umweltstandards umsetzen, die faire Entlohnung, zukunftssichere Arbeitsplätze und ein gutes Betriebsklima ausdrücklich beinhalten.

Das Prinzip Hoffnung

Formal wird das mit konventionellen O-Tönen und einer eher abwechslungsarmen Dramaturgie in Szene gesetzt, was sich auch auf der Bildebene mit kontrastarmer High-Key-Ausleuchtung fortsetzt. Doch der Handlungsbogen bleibt dank einer elegant verschachtelten Montage und guten Protagonisten flüssig und rund. „Fair Traders“ ist ein optimistisch stimmender Dokumentarfilm über die Machbarkeit eines neuen Weltwirtschaftssystems, der Krisenmomente („Scheitern ist nicht schlimm. Aufgeben ist schlimm!“) keineswegs ausspart.

Was prominente Volkswirte wie Niko Paech in theoretischen Schriften zur „Postwachstumsökonomie“ seit Jahren beschreiben, wird hier erstmals für das Dokumentarfilmkino adaptiert. Im Kern funktioniert „Fair Traders“ dabei wie Ernst Blochs Alterswerk „Das Prinzip Hoffnung“: Wer daran glaubt, wird sicherlich glücklich werden.

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