Der Nachbar - Die Gefahr lebt nebenan

Melodram | USA 2018 | 94 Minuten

Regie: Aaron Harvey

Ein Mittfünziger, der als Ehemann und Vater eines erwachsenen Sohns ein materiell komfortables, innerlich aber unbefriedigendes Leben führt, verliebt sich in eine neu zugezogene, wesentlich jüngere Nachbarin. Die Frau, die eine spontane Nähe zu ihm fühlt und ihn bald zu ihrem Vertrauten macht, wird zum Katalysator für seine Sehnsüchte, während ihr Ehemann, der sie schlecht behandelt und gewalttätig wird, latente Aggressionen in ihm weckt. Der Film entfaltet sich über weite Strecken als zurückgenommene, stille Tragödie, die sich ganz auf die präzise Mimik und Körpersprache des Hauptdarstellers verlässt und die Beziehungen der Figuren in Dialogsequenzen ausleuchtet, in denen vieles zwischen den Zeilen gesagt wird. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE NEIGHBOR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Aaron Harvey
Buch
Richard Byard · Aaron Harvey
Kamera
John W. Rutland
Musik
James Curd
Schnitt
Richard Byard
Darsteller
William Fichtner (Mike) · Jessica McNamee (Jenna) · Jean Louisa Kelly (Lisa) · Michael Rosenbaum (Scott) · Colin Woodell (Alex)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Melodram | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Tiberius
Verleih Blu-ray
Tiberius
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Diskussion

Zurückgenommene, stille Tragödie der Midlife Crisis eines Mittelstands-Mannes, dessen neue Nachbarin Gefühle und Beschützerinstinkte weckt.

Das Cover ziert ein Mann mit Fernglas, der durch eine Jalousie eine nackte Frau beobachtet, und ein Zitat auf der DVD/BD-Rückseite verspricht einen „spannenden Erotikthriller mit einem schockierenden Ende“ – was sich der Zuschauer jedoch keinesfalls von Aaron Harveys „Der Nachbar“ erwarten sollte! Das legt auch die FSK-Freigabe des Films nahe, die „ab 12“ empfiehlt, auch wenn das Cover „ab 16“ ausweist (was wahrscheinlich mit der Freigabe von Trailern im Bonusmaterial zu tun hat). Tatsächlich entfaltet sich der Film um den Mittfünfziger Mike (William Fichtner), der sich in seine Nachbarin Jenna (Jessica McNamee) verliebt, mitnichten als reißerische „Peeping Tom“-Geschichte um „die Gefahr“, die nebenan wohnt, sondern über weite Strecken als zartes, zurückgenommenes Melodram über einen Mann, der von unerwartet aufflammenden Gefühlen aus der Bahn eines gesicherten, in Routine erstarrten Mittelstandslebens getragen wird. Sollte Mike über ein Fernglas verfügen, so bekommt man es im Film zumindest nicht zu sehen; und was er für die Frau zu empfinden beginnt, die gerade mit ihrem angeberischen Ehemann Scott im Haus nebenan eingezogen ist, ist keinesfalls nur sexueller Natur, sondern ein aufwühlender Mix an Emotionen, der den schüchtern-nüchternen Mann völlig überfordert: eine spontane Vertrautheit und Nähe, ritterliche Beschützerinstinkte und ein Begehren, das keine Erwartung auf Erfüllung hegt – Mike ist sich nur allzu bewusst, dass Jenna jung genug ist, um seine Tochter zu sein.

Eine Vorort-Welt der innerlich Unausgefüllten

Nicht nur diese Konstellation weckt Erinnerungen an Sam Mendes’ „American Beauty“. Auch „Der Nachbar“ spielt in einer saturierten Vorort-Welt der materiell Abgesicherten, aber innerlich Unausgefüllten und Hungrigen. Die Ding-Welt – die selbstgezogenen Tomaten aus dem Garten, die blitzblanken Oberflächen und Utensilien in der Küche, Scotts knallrote Corvette – entwickelt (bisweilen akzentuiert durch Nahaufnahmen) ein Eigenleben, das die Lebendigkeit der Bewohner in den Schatten zu stellen droht. Ähnlich wie Kevin Spacey und Annette Bening in „American Beauty“ leben auch Mike, der als Autor technischer Handbücher und Gebrauchsanweisungen von zuhause aus arbeitet, und seine Frau Lisa (Jean Louisa Kelly) in einer Ehe, die durch Alltagsrituale wie etwa das gemeinsame Abendessen zusammengehalten wird, in der sich aber längst Entfremdung und gegenseitiges Desinteresse eingeschlichen haben.

Mike wirkt in dieser Lebenswelt zunächst wie verblasst und erstarrt, bis die Begegnung mit Jenna ihm wieder einen Fokus, einen neuen Funken Leben verleiht. Wenn er mit ihr redet, blitzen durch seine steife Fassade Anflüge von Charme und trockenem Humor, und während sich der Austausch mit Lisa auf oberflächliche „Wie war dein Tag“-Anmerkungen und Gespräche über den erwachsenen Sohn Alex beschränken, zieht ihn Jenna bald ins Vertrauen und spricht mit ihm über das, was sie wirklich bewegt. Dass es dabei nicht zuletzt um die Ehe mit Scott geht, um Jennas Angst vor ihrem Mann und dessen volatiles, zu Gewaltausbrüchen neigendem Temperament, führt dazu, dass das Ganze schließlich doch einen Abstecher ins Spannungskino bekommt: So wie Jenna zum Katalysator für Mikes Sehnsucht wird, dient Scott als Katalysator für Mikes' latente Aggressionen.

William Fichtner trägt den Film quasi im Alleingang

Hauptdarsteller William Fichtner kennt man meist als Nebendarsteller in kleinen Spielfilm-Rollen; sein darstellerisches Potenzial beweisen konnte er etwa in der Serie „Prison Break“, in der er ab Staffel 2 einen bemerkenswerten Part als korrupter, psychisch angeschlagener, sich dann aber läuternder FBI-Agent spielt. „Der Nachbar“ zeigt ihn nun als versierten, präzisen Charakterdarsteller, der den Film quasi im Alleingang trägt. Regisseur Aaron Harvey arbeitet nur sehr sparsam-minimalistisch mit Musik, um die Emotionen zu akzentuieren, und setzt vor allem auf eine sehr genaue Beobachtung von Fichtners Mimik und Körpersprache und punktgenau inszenierte, viel zwischen den Zeilen belassende Dialogsequenzen, um das innere Drama der Hauptfigur sichtbar werden zu lassen. Während Sam Mendes’ „American Beauty“ seine Tragödie um die Midlife Crisis eines Mittelstands-Mannes aus einer gewissen ironisch-sardonischen Distanz heraus erzählte, wird sie hier mit stiller Empathie durchlitten.

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