Blown Away - Music, Miles and Magic

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 119 Minuten

Regie: Micha Schulze

Zwei befreundete Tontechniker reisen auf der Suche nach dem Sound des Lebens viereinhalb Jahre auf einem kleinen Segelschiff rund um die Welt. Unterwegs lernen sie zahlreiche Musikerinnen und Sänger kennen und nehmen über hundert Songs auf. Der kurzweilige Dokumentarfilm zehrt von der Magie dieser Lieder und der faszinierenden Grundidee des Projektes. Der hektischen Abfolge der Stationen gelingt es aber nur selten, ein authentisches Gefühl für das Unterwegssein und das (Zusammen)leben auf einem Boot mitten im Ozean zu entwickeln. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Micha Schulze
Buch
Micha Schulze
Kamera
Hannes Koch · Ben Schaschek
Musik
Hannes Koch · Ben Schaschek
Schnitt
Micha Schulze
Länge
119 Minuten
Kinostart
23.05.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation
Diskussion

Dokumentarfilm über zwei befreundete Tontechniker, die viereinhalb Jahr lang auf der der Suche nach dem Sound des Lebens in einem kleinen Segelboot um die Welt reisen.

Am Anfang war es bloß eine grandios verrückte Idee. Wie wäre es, denkt sich Ben Schaschek, nachdem er sein Studium zum Toningenieur 2011 in Sydney abgeschlossen hat, mit einem Schiff zurück nach Deutschland zu segeln? Gemeinsam mit Hannes Koch, einem Freund, den er noch während des Studiums in Berlin kennengelernt hatte, entwickelt er den Plan, unterwegs Musik aufzunehmen. Weltumspannende Songs sollen es sein, mit den unterschiedlichsten Menschen, denen sie auf ihrer Reise begegnen.

Auf den Salomon-Inseln kaufen sich die beiden ein kleines Segelboot aus den 1970er-Jahren, das sie „Marianne“ taufen. Von dort brechen sie nach Papua-Neuguinea und über Australien und Südostasien schließlich nach Indien auf. Auf der Suche nach neuen Klängen, Harmonien und Menschen fahren sie im überfüllten Zug durchs Land. Am Strand von Chennai nehmen sie mit der Sängerin Ujjayne Roy ein Lied auf, das sie wie alle Stücke, die sie unterwegs aufsammeln, auf der weiteren Reise mit anderen Musikern fortwickeln.

Auf der Suche nach dem Wesentlichen

Von Indien segeln Ben und Hannes weiter nach Südafrika, Brasilien, in die Karibik und die USA. Viereinhalb Jahre sind sie am Ende unterwegs, in denen sie 31 Länder bereist und 75.000 Kilometer auf ihrem Boot, in Zügen und später auch in einem umgebauten Schulbus hinter sich gebracht haben; in dieser Zeit wurden 130 Songs aufgenommen und als „Sailing Conductors“ zwei Alben produziert.

Das sind beeindruckende Zahlen! Frei nach Antoine de Saint-Exupéry allerdings nur für die „großen Leute“. Das Wesentliche einer solchen Reise, nach der die beiden nicht mehr dieselben sind, lässt sich damit nicht erfassen. In „Blown Away“ spüren sie zusammen mit dem Regisseur Micha Schulze den Erlebnissen hinter den Zahlen nach. Dafür verdichten sie 1.500 Stunden Videomaterial auf 119 Filmminuten. Fündig aber werden sie nur allzu selten.

Zu Beginn erzählt Hannes Koch von jenem Anruf, in dem ihn Ben das erste Mal mit seiner Idee konfrontierte. Ein irrwitziger Plan, dem er spontan zustimmte, obwohl keiner von ihnen segeln konnte. Ein paar Filmschnitte später überqueren sie bereits den Indischen Ozean, als würden sie in einem Hausboot über die Loire tuckern. Wie ihnen das gelingt, bleibt wie so vieles in der großen Off-Blackbox des Films verborgen.

„Blown Away“ springt von einem Land, von einer Begegnung und von einer Tonaufnahme zur nächsten. Mittels eines Voice-Over-Kommentars und gelegentlich eingeblendeter Landkarten werden die einzelnen Stationen behelfsmäßig miteinander verknüpft. Was dabei verloren geht, ist das Empfinden für die Zeit. Die Bewegung in der Zeit ist allerdings eben das, was Reisen, Musik und Film gleichermaßen ausmacht.

Die Musik sorgt für Gänsehaut

Regisseur Schulze gelingt es in seinem Kinodebüt nur selten, den besonderen Rhythmus, die Melodie der außergewöhnlichen Reise der beiden Protagonisten einzufangen. Gänsehautmomente entstehen immer dann, wenn die Musik genügend Raum erhält, um eine Eigendynamik zu entfalten. Also dann, wenn der Film sich einmal die Zeit nimmt, in den Augenblick eintaucht und den wunderbaren Sängerinnen und Sängern zuhört und zusieht, Die am Strand in Trinidad, in einer idyllischen Bucht bei Kapstadt, auf einem engen Balkon in Salvador oder im Wohnzimmerstudio in Chicago ihre Stimmen und Gitarren erklingen lassen.

Zwischen diesen musikalischen Atempausen jagt der Film wie im Zeitraffer durch die Montagesequenzen, hakt einen Landgang nach dem anderen ab und reduziert die vielen Tage und Wochen auf dem Meer zu einer Collage oberflächlicher Impressionen. Auf diese Weise entsteht allerdings keine sinnlich greifbare Atmosphäre; man hat nie auch nur annähernd das Gefühl, mit an Bord zu sein oder auf die Reise mitgenommen zu werden.

Meine Länder, meine Kilometer, meine Songs

Es ließe sich leicht verschmerzen, dass die über Crowdfunding finanzierte Dokumentation die organisatorischen, technischen und bürokratischen Abläufe des inspirierenden Reiseprojekts weitgehend ausblendet, wäre dafür jenseits der musikalischen Einlagen etwas von der in „Blown Away“ vielbeschworenen Harmonie des Lebens oder der Magie der Reisens zu spüren.

Stattdessen präsentiert der Film nach Art einer Diashow einen scheinbar rastlosen Segeltrip, in dem keine Zeit bleibt, sich auch mal treiben zu lassen, da einen die Muse immer weiter hetzt. Was eine Inspiration sein könnte, läuft so Gefahr, eine alternative Form des Leistungsdrucks zu forcieren. Hieß es in einem Werbeclip einst „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“, knallen einem in „Blown Away“ nun die Weltreisenden ihre Statussymbole vor den Latz: 31 Länder, 75.000 Kilometer, 130 Songs – und was machst du so?

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