Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 96 Minuten

Regie: Pablo Ben Yakov

Eine Clique Dresdner Youtuber labert, säuft und knutscht sich durch die Gegenwart, immer auf der Suche nach Alkohol und Provokation. Zentrale Gestalt und Zentrum der Gruppe ist der eloquente 20-jährige Max „Adlersson“ Herzberg, der mit Musikvideos und Challenges auf Youtube als Star gilt und 300.000 „Follower“ hat. Der clever montierte und von einer kraftvollen Toncollage getragene Film deckt eine Parallelwelt aus spätpubertärer Langeweile und geistiger Ödnis, Verwirrung und Infantilität auf. Er macht deutlich, dass es ein weiter Weg sein wird von der Deradikalisierung dieser verlorenen Jugend zu ihrer Rehumanisierung. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Pablo Ben Yakov
Buch
André Krummel · Pablo Ben Yakov
Kamera
André Krummel
Musik
Kat Kaufmann
Schnitt
André Krummel · Pablo Ben Yakov
Länge
96 Minuten
Kinostart
23.05.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Clever montierter Dokumentarfilm über eine Dresdner Clique, die in einer Parallelwelt aus spätpubertärer Langeweile und geistiger Ödnis, Verwirrung und Infantilität rechtsradikale Gesinnungen pflegt und insbesondere über Youtube verbreitet.

Noch vor der Uraufführung von „Lord of the Toys“ im Herbst 2018 beim Dokfilmfestival in Leipzig stieß der Film von Pablo Ben Yakov auf heftigen Gegenwind. Das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“ mutmaßte „ein kleines bisschen Nazi“, und die Leipziger Volkszeitung glaubte zu erkennen, dass hier „Dummheit und Dumpfheit gehuldigt“ werde. Nach der Premiere hagelte es weitere Vorwürfe, ein linkes Kulturzentrum setzte die Zusammenarbeit mit dem Festival aus, die Leitung sah sich gezwungen, öffentliche Erklärungen abzugeben. Dass „Lord of the Toys“ von der Jury des deutschen Festivals die „Goldene Taube“ als bester deutscher Dokumentarfilm erhielt, brachte viele Kritiker zusätzlich in Wallung. Jetzt, wo der Film regulär ins Kino kommt, kann sich endlich auch ein größeres Publikum ein Bild machen.

Warum geht es? Ben Yakov und sein Kameramann André Krummel drehten zweieinhalb Monate lang mit einer Clique Dresdner Youtuber. Ein paar Jungs und wenige Mädchen, eine anscheinend elternlose Generation, die sich durch ihren Alltag labert, säuft, knutscht. Ihre Waffen sind Deospray oder Scheibenreiniger, mit denen man den anderen schon mal „vergast“. Schon die ersten zehn Minuten von „Lord of the Toys“ sind Herausforderung und Provokation zugleich: Exzessives Komasaufen, dazu rassistische und sexistische Sprüche als akustische Dauerschleife, „Jude“ und „Schwuchtel“ als geläufige Schimpfworte, zwischendurch, an der Bierflasche nippend, auch mal ein „Sieg heil“, und die Kamera immer dicht dabei. Eine Ouvertüre, die psychisch und physisch schmerzt. Und schmerzen soll.

Ein Influencer mit psychopathischem Potential

Als zentrale Gestalt und Zentrum dieser Jugendbande sticht der eloquente 20-jährige Max „Adlersson“ Herzberg heraus, der mit seinen Musikvideos und Challenges auf Youtube ein Star ist. 300.000 „Follower“ nehmen Anteil an dem, was Herzberg gezielt in die Öffentlichkeit schleust: ein cooler Influencer, der vermutlich als einziger der Jugendlichen auch sehr genau weiß, wie er sich vor der Filmkamera geben will. Er flirtet gleichsam mit ihr, nutzt sie für sein Spiel, seine Stilisierung, seine Grenzüberschreitungen – und kann doch nicht verhindern, dass die Bilder im Schnittprozess und während der Tonmontage aus der Ebene einer vermeintlichen „Huldigung“ zur kritischen Bestandsaufnahme verdichtet werden. Herzberg ist im Film eben nicht nur ein charismatischer Typ und Meister der Selbstvermarktung, sondern auch ein junger Mann, dessen psychopathisches Potential und seine Lust, Grenzen ins Radikale, auch ins politisch Radikale zu überschreiten, nicht zu übersehen sind.

„Lord of the Toys“ erweist sich als ein ebenso souveränes wie verstörendes Porträt einer Parallelwelt, der das deutsche Kino, vielleicht mit Ausnahme einiger Arbeiten von Thomas Heise, noch nie so nahe kam. Dokumentarfilm erweist sich hier als Chance, gesellschaftliche Phänomene sichtbar zu machen, Unangenehmes nicht auszublenden. Dramaturgisch führt „Lord of the Toys“ von privaten in öffentliche Räume: aus der Wohnung in die Welt. Dabei gibt es keinen Kommentar; nichts Verbales, das den Zuschauer an die didaktische Leine nimmt, das Gesehene einordnet, bestätigt oder verwirft. Dass Herzberg zwischenzeitlich Kontakt zu rechtsextremistischen Identitären hat, muss der Film nicht erklären; das kann man im Netz nachlesen, auch über seine sogenannten „Spaßvideos“ über den „Honigkaust“.

Hautnah und atmosphärisch

Auf der Leinwand ist hautnah atmosphärisch mitzuerleben, wie sich eine smarte Führerfigur aus dem Ei pellt. Wie Herzberg seine Jünger um sich sammelt. Wie er tröstet, Zärtlichkeit stiftet, die körperliche Nähe dann wieder durch Zynismen aufbricht und zur Aktion anheizt. Wie sich sein Umfeld durch seine Nähe zu provozierenden Handlungen aufgefordert fühlt, etwa beim Münchner Oktoberfest, wo eine blonde Gefährtin asiatische Gäste beschimpft. Einmal ist bei den jungen Leuten auch die Rede vom „Dritten Weg“, einer rechtsradikalen Gruppierung, die besonders in Sachsen Anhänger rekrutiert.

Dass die Seelenfänger ultrarechter Parteien und Organisationen gerade in diesem Umfeld ihre Angeln auswerfen, liegt auf der Hand. Was aus spätpubertärer Langeweile und geistiger Ödnis, Verwirrung und Infantilität, aus der Abwesenheit sozialer Kompetenz noch erwachsen wird, vermag niemand vorauszusehen. „Lord of the Toys“ macht beklemmend deutlich, dass es ein weiter Weg sein dürfte von der Deradikalisierung dieser verlorenen Jugend zu ihrer Rehumanisierung.

Kommentar verfassen

Kommentieren