Drama | Frankreich/Schweiz 2018 | 106 Minuten

Regie: Yann Gonzalez

Eine Produzentin billiger Schwulenpornos will ihre verflossene Geliebte zurückgewinnen, indem sie einen ambitionierten Film dreht. Doch die Hardcore-Produktion verselbstständigt sich, als ein mit einem Dildo bewaffneter Killer die Belegschaft dezimiert. Der auf vier unterschiedlichen Ebenen spielende Film im Film im Film entwirft als neonfarbenes Pastiche ein schrilles, hochinteressantes Puzzle unterschiedlichster Quellen und filmhistorischer Verweise, das mit reichlich Camp, viel Mut zu Trash und Experimenten von den Abgründen der „entfesselten“ 1970er-Jahre handelt und der subversiven Kraft des Kinos ein Denkmal setzt.

Filmdaten

Originaltitel
UN COUTEAU DANS LE CŒUR
Produktionsland
Frankreich/Schweiz
Produktionsjahr
2018
Regie
Yann Gonzalez
Buch
Yann Gonzalez · Cristiano Mangione
Kamera
Simon Beaufils
Musik
M83
Schnitt
Raphaël Lefèvre
Darsteller
Vanessa Paradis (Anne Parèze) · Nicolas Maury (Archibald Langevin) · Kate Moran (Loïs McKenna) · Jonathan Genet (Guy) · Félix Maritaud (Thierry)
Länge
106 Minuten
Kinostart
18.07.2019
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama | Horror | Liebesfilm
Diskussion

Neonfarbenes Film-im-Film-Puzzle über eine Regisseurin billiger Schwulen-Pornos, die 1979 in Paris von einem mit einem Dildo bewaffneten Killer bedroht wird.

Sommer 1979. Bilder aus einem nicht sonderlich ambitionierten Schwulenporno, gedreht auf wunderschönem analogen Material. Kurz darauf: Bilder aus einem Schwulenclub, in dem maskierte Männer zu retrogradem Elektro-Pop tanzen. Blicke treffen sich. Da ist ein Darsteller aus dem gerade gezeigten Film, und ein anderer mit einer schwarzen Maske, der die Aufmerksamkeit des Schauspielers erregt. Kurz darauf ist der Schauspieler tot, ermordet mit einem Dildo, in dem sich eine Klinge befindet.

Die Filmemacherin und Produzentin Anne, eine Alkoholikerin, die hauptsächlich leicht trashige Exploitation-Pornos dreht, wurde gerade von ihrer Freundin, der Cutterin Lois, verlassen. Sie leidet sehr unter dem Verlust; ihr Leben droht aus den Fugen zu geraten. Als ein weiterer Mitarbeiter ihrer Filmcrew getötet wird, lässt sich Anne in bester Exploitation-Manier davon inspirieren und verwandelt den Mord sogleich in Kunst. Aus dem Filmprojekt „Anale Wut“ wird kurzerhand „Der schwule Mörder“ (OT: „Homocidal“).

Eine Hommage an Brian De Palma

Es gibt aber auch noch eine vierte Bildebene: das reichlich angegriffene Negativ eines älteren Films, in dem Motive des pastoralen Schwulenpornos vom Beginn des Films fortgesponnen werden und vom gewaltsamen Ende einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte erzählen. Regisseur Yann Gonzales verschränkt diese Versatzstücke so geschickt miteinander, dass man nicht umhinkann, von einer Hommage an Brian De Palma zu sprechen. Morde werden zu Kunst, Kunst inspiriert Morde: Ein Teufelskreis der Leidenschaften als Film im Film im Film.

Gonzales entwirft ein neonfarbenes Pastiche ganz unterschiedlicher Quellen mit Verweisen auf die Pornokinos und die queere Subkultur der 1970er-Jahre, italienische Gialli-Filme und Mysterythriller mit märchenhaften Zügen, wo Geheimnisse auf einsamen Friedhöfen gelüftet werden, Menschen in feudalen Landsitzen zu Vögeln mutieren, blinde Todesvögel von kommendem Unheil künden und in Wohnzimmern Schallplatten der Krautrock-Ikone Ashra Tempel an der Wand lehnen.

Vanessa Paradis spielt die kompromisslose und liebeskranke Porno-Produzentin mit bewundernswerter Hingabe und Mut zum Over-Acting. Sie castet auf offener Straße potenzielle Darsteller mit proletarischem Flair, kämpft verzweifelt um ihre Liebe, begeistert sich für ihre Arbeit und hält ihre Truppe, die als eine Art alternativer Familie dargestellt wird, mit ihrer Bedingungslosigkeit zusammen, wenngleich ihre Skrupellosigkeit, sich vom Treiben des Serienkillers inspirieren zu lassen, die Familie verstört.

Überdruck mit Camp-Appeal

„Messer im Herz“ ist aber nie um eine Milieustudie bemüht, sondern schafft vielmehr mit famosem Set-Design einen atmosphärischen Raum mit großem Camp-Appeal, in dem Liebe, Leid und Leidenschaft wie in einer Überdruckkammer verhandelt werden.

Mit langen Kamerafahrten, experimentellen Einschüssen, mitunter einer surrealen Traumlogik verpflichtet und viel Mut zur Poesie bastelt Gonzales ein buntes, postmodernes Puzzle aus Pop, Trash, Zitaten und filmischer Selbstreferenzialität, das die 1970er-Jahre in Abgründe führt, die in dieser Zeit nicht zeigbar gewesen wären. Wenngleich der stilsichere Disco- und Giallo-Soundtrack des Electro-Duos M83 anderes behauptet.

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