Santa & Andrés

Drama | Kuba/Frankreich 2016 | 105 Minuten

Regie: Carlos Lechuga

Eine kubanische Bäuerin soll 1983 einen missliebigen Schriftsteller bewachen, der im Osten der Insel in der Nähe eines Ortes wohnt, in dem ein internationaler Kongress stattfindet. Die Machthaber wollen ausschließen, dass der Autor seine Schriften außer Landes schmuggeln lässt. Dass der Poet auf Männer steht, erschwert die Mission der resoluten Frau zusätzlich. Die Konflikte der beiden Antagonisten entfalten sich anfangs recht vorhersehbar, doch die Inszenierung streift ihren pädagogischen Impetus zunehmend ab und entfaltet durch feine Nuancen und viel Raum für gegenseitiges Schweigen subversives Potenzial. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SANTA & ANDRÉS
Produktionsland
Kuba/Frankreich
Produktionsjahr
2016
Regie
Carlos Lechuga
Buch
Eliseo Altunaga · Carlos Lechuga
Kamera
Javier Labrador Deulofeu
Musik
Santiago Barbosa
Schnitt
Joanna Montero
Darsteller
Lola Amores (Santa) · Eduardo Martinez (Andres) · Cesar Domínguez (El Mudo) · Luna Tinoco (Isabel) · George Abreu (Jesus)
Länge
105 Minuten
Kinostart
04.07.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama
Diskussion

Eine kubanische Bäuerin soll 1983 einen missliebigen Schriftsteller bewachen, der im Osten der Insel in der Nähe eines Ortes wohnt, in dem ein internationaler Friedenskongress stattfindet. Dass der Autor auf Männer steht, erschwert ihre Mission.

Regimekritische Stimmen sind in Kuba noch immer nicht gerne gesehen, wie der überraschende Ausschluss des subtilen Dramas „Santa und Andrés“ aus dem Wettbewerb des Filmfestivals in Havanna belegt. Ein Grund dafür könnte sein, dass Regisseur Carlos Lechuga nicht die üblichen Gemeinplätze des pulsierenden Lebens in der Metropole aufruft, sondern sich auf den östlichen Teil der kubanischen Insel konzentriert. Er siedelt die Geschichte einer unkonventionellen Freundschaft in einer abgelegenen Bergregion an, deren politische Dimensionen in der Stille umso deutlicher hervortreten.

Im Jahr 1983 sind die meisten Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen längst ins Exil geflohen. Wenn ihnen dies gelang, wurden sie zu Opfern einer Politik, die hinter jedem poetischen Selbstausdruck die Konterrevolution vermutet.

Andrés (Eduardo Martínez) ist einer von denen, die das Land nicht verlassen konnten und nach einer langen Haftstrafe in die Peripherie verbannt wurden. Dem Schriftsteller ist nur das Nötigste zum Überleben und ein paar Flaschen billigen Rums geblieben. Dennoch wird von der Partei eine linientreue Bäuerin zu seiner Wellblechhütte geschickt, die Andrés Hausarrest während internationalen Kongresses überwachen soll, der in dieser Gegend stattfindet. Man will nicht riskieren, dass der Autor erneut einen Versuch unternimmt, seine Schriften ins Ausland zu schmuggeln.

Politische Haft im Paradies

Mit stechendem Blick und einem Stuhl unter dem Arm tritt die resolute Santa (Lola Amores) ihren Wachdienst ohne große Begeisterung an. Doch ihre unliebsame Aufgabe nimmt eine ungeplante Wendung.

Für die Zuschauer wirkt die bühnenhafte Szenerie zunächst recht vorhersehbar, da zwei antagonistische Figuren aufeinandertreffen, deren Geschlechterdifferenz den Film für eine Liebesgeschichte prädestiniert. Doch so einfach macht es sich Carlos Lechuga nicht. Während sich die ungleichen Figuren misstrauisch umkreisen, wird deutlich, dass Andrés homosexuell ist und damit gleich in mehrfacher Hinsicht der Gewalt ausgesetzt. Die Revolution vertritt nicht nur auf der politischen Ebene ideologische und patriarchale Vorstellungen; sie ist auch in Bezug auf die Sexualmoral unerbittlich normativ. Santa hingegen reagiert zunehmend neugierig auf die anderen Lebensformen, die der sensible Mann ihr gegenüber ohne Scheu offenlegt. Auch nach dem Verstreichen ihrer Aufsichtspflicht findet sie Gründe, um Andrés Nähe zu suchen und seine Umstände besser zu verstehen.

Pädagogische Bemühungen

Was im Laufe des Films mitunter etwas unangenehm erscheint, ist der pädagogische Gestus, mit dem Santas’ Emanzipation als geradlinige Entwicklung dargestellt wird. Die Landarbeiterin wird durch den Schriftsteller in jeglicher Hinsicht aufgeklärt, kann jedoch umgekehrt nicht viel einbringen. Auch ihre verzweifelten Versuche, André zu verführen, obwohl der sehr deutlich macht, dass er keine Frauen begehrt, wirken unnötig und fehl am Platz. Dadurch gerät Santas Figur zu sehr zum Exempel, an der pädagogische Bemühungen vollzogen werden sollen, ohne dass ihr dabei genügend Eigensinn belassen würde.

Dennoch findet Lechugas zusammen mit dem Kameramann Javier Labrador Deulofeu immer wieder Szenen, in denen sich solche Schematismen durch die Beobachtungen feiner Gesten relativieren. Die Verwundungen, die beide Charaktere im Laufe ihres Lebens davon getragen haben, enthüllen sich eher beiläufig und werden durch die Narration des Films nicht instrumentalisiert. Die Inszenierung lässt den beiden Charakteren viel Raum für Schweigen, das eine sehr viel unaufdringlichere Solidarität zum Vorschein bringt. Genau diese Stille ist es, der „Santa und Andrés“ sein subversives Potenzial verdankt.

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