Drama | Deutschland 2019 | 102 Minuten

Regie: Christina Ebelt

Eine alleinerziehende Mutter, die durch eine Verkettung unglücklicher Umstände obdachlos geworden ist, haust mit ihrem Sohn in einem winzigen Zelt am Kölner Stadtrand. Während sie in der Probezeit als Flugbegleiterin arbeitet, geht ihr Sohn scheinbar ganz normal zur Schule, was beide zum ständigen Versteckspiel gegenüber ihrem Umfeld zwingt. Herausragend gespieltes, mitreißendes Drama über den hartnäckigen Kampf gegen sozialen Abstieg und den drohenden Zerfall einer Familie. Der Film will keine Ursachenforschung betreiben, sondern erzählt mit großer Nähe zu den Figuren und dynamischer Handkamera und höchst authentisch von beklemmenden Lebensumständen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Christina Ebelt
Buch
Christina Ebelt · Franziska Krentzien
Kamera
Bernhard Keller
Musik
Jakob Ilja · Benjamin Drees
Schnitt
Florian Riegel
Darsteller
Franziska Hartmann (Melli) · Claudio Magno (Ben) · Kai Ivo Baulitz (Martin Lauenstein) · Marita Breuer (Anita) · Davina Donaldson (Ausbilderin)
Länge
102 Minuten
Kinostart
14.11.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama
Diskussion

Ein Drama über Mutter und Sohn, die durch eine Verkettung unglücklicher Umstände obdachlos geworden ist, in einem winzigen Zelt im Wald leben und diese prekären Zustände mühsam vor ihrem Umfeld verbergen.

Etwas stimmt da nicht, das sieht man auf den ersten Blick. Die Brache hinter der S-Bahn-Haltestelle und das Unterholz, durch das der zehnjährige Junge und seine Mutter aus dem Stadtrandwäldchen nach oben kraxeln, passen nicht zu den sauberen Kleidern, den gekämmten Haaren und zum Schulrucksack, den der Junge auf dem Rücken trägt. Geradezu grotesk wirkt in dieser räudigen Peripherie die Erscheinung der Frau. Perfekt geschminkt, trägt sie eine gebügelte weiße Bluse, einen hellblauen Businessrock und zieht einen orangefarbenen Rollkoffer hinter sich her. Ein ebenso bizarres wie starkes Auftaktbild.

Mit diesem visuellen Kontrast steckt Regisseurin Christina Ebelt zugleich auch das dramaturgische Spannungsfeld ihres Spielfilm-Erstlings sinnbildlich ab. Die alleinerziehende Melli und ihr Sohn Ben sind obdachlos. Sie hausen in einem winzigen Zelt in einem kleinen Wald außerhalb Kölns. Niemand weiß davon, und niemand, das bläut Melli ihrem Sohn ein, darf davon wissen. Wirklich niemand! Scheinbar ganz normal geht Ben zur Schule. Nur kann er den neuen Klassenkameraden, mit dem er sich anfreundet, natürlich nicht zu sich nach Hause einladen. Unter gar keinen Umständen! Melli arbeitet in Probezeit als Flugbegleiterin. Ob sie anschließend übernommen wird, hängt auch davon ab, wie flexibel einsetzbar sie sich zeigt. Mit ihren aktuellen Lebensverhältnissen lässt sich ein solcher Job kaum vereinbaren. Aber Melli lächelt tapfer, während sie im Mittelgang die Reihen der Passagiere abschreitet und ihr unablässig die Sorgen im Kopf herumspuken.

Melli stürzt und steht wieder auf

Schon in der Eröffnungssequenz des Films, kaum dass Melli sich mit ihrem Koffer aus dem Gestrüpp herausgekämpft hat, rutscht sie das erste Mal aus und fällt hin. Sofort rappelt sie sich wieder auf. Ihr Stewardessenrock hat keinen Schaden genommen. Also geht es weiter. Sinnbildlich geht es die ganze Zeit, den gesamten Film über so weiter: Melli stürzt und steht wieder auf. Erkennbare Spuren hinterlässt das vor allem in ihrem Gesicht. Es fällt ihr immer schwerer, einen gequälten, gehetzten Ausdruck daraus zu verscheuchen und mit breitem Lächeln vorzugaukeln, alles sei in bester Ordnung. Auf beeindruckende Weise gelingt es Franziska Hartmann, den inneren Kampf ihrer Figur nicht nur sichtbar, sondern geradezu körperlich mitfühlbar zu machen.

Es liegt nahe, die Protagonistin des Films exemplarisch zu deuten, als Stellvertreterin für andere obdachlose Menschen, die unerwartet in Wohnungsnot geraten sind, die sich verzweifelt abstrampeln, um irgendwie dem Teufelskreis Keine-Wohnung-keine-Arbeit-keine-Wohnung zu entrinnen. Grundsätzlich ist eine solche Interpretation nicht falsch. Natürlich legt Filmemacherin Ebelt mit „Sterne über uns“ den Finger in eine gesellschaftliche Wunde. Man wird ihrem Drama jedoch nicht gerecht, wenn man es als sozialkritische Reportage oder Fallanalyse missdeutet und sich dann darüber ärgert, dass diese zu kurz gerät.

Offenbar ganz bewusst verzichten Ebelt und ihre Co-Autorin Franziska Krentzien darauf, eine Kausalkette zu inszenieren, die nachvollziehbar werden lässt, wie Melli und Ben in die verzweifelte Lage geraten sind, in der sie sich befinden. Nur mit knappen Pinselstrichen skizziert das Drehbuch die Umstände, die dahin geführt haben. Mal erwähnt Melli eine verschimmelte Wohnung, mal einen Schufa-Eintrag, aber das Bild bleibt vage. Leerstellen gehören zum Konzept; auch bei Mellis Suche nach einem Ausweg. Vieles wird bloß angedeutet. Die unerträglichen Zustände in der Notunterkunft zum Beispiel, die Melli ihrem Sohn nicht zumuten möchte. Warum die beiden nicht bei Freunden unterkommen können. Wie sie ihren Alltag organisieren. Wie es sein kann, dass Mellis blauer Rock nie dreckig wird, ihre Bluse nie zerknittert. Wo Ben seine Hausaufgaben macht. Einiges wirkt genauer betrachtet eher unrealistisch. Faktische Wahrheit allerdings ist kein Maßstab, den man an einen Spielfilm, ein Kunstwerk anlegen sollte. Wenn schon, ist es Wahrhaftigkeit, auf die es ankommt.

Das, was ist, und wie sich das anfühlt

„Sterne über uns“ beschreibt in einer Collage fragmentarischer Szenen einen prekären Zustand, ohne genauer definieren zu wollen, wie es dazu kam oder was daraus noch werden mag. Es geht um das, was ist, und wie sich das anfühlt: zermürbend, kräfteraubend, entmutigend, entwürdigend. Die ständige Angst, das Jugendamt könnte einem das Kind wegnehmen. Die verpassten Anrufe. Die kleinen Nachlässigkeiten mit ihren weitreichenden Folgen. Die bitteren Zurückweisungen. Aber es geht auch um falschen Stolz und blinden Trotz. Um Liebe, Mut, Hoffnung. All das. Und in all dem ist „Sterne über uns“ schlichtweg großartig.

Dass der Film für die ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ produziert wurde, sieht man ihm an. Fotografisch setzen Ebelt und Kameramann Bernhard Keller überwiegend auf Nah-, Großaufnahmen und eng kadrierte Totalen. Die dynamische Handkamera, besonders aber die lebensnahen Dialoge und ungekünstelten Darsteller sorgen dafür, dass sich das überhaupt nicht bieder anfühlt, sondern authentisch. Beengend und beklemmend ist dagegen das Gefühl, das der Film vermittelt. Es knarzt und vibriert wie auf brüchigem Eis. Nur mit enormer Willenskraft kann Melli vermeiden, dass ihr das Leben vollständig entgleitet. Wenn sie nur einmal lockerlassen, einmal nachlassen würde, wenn sie sich nicht ständig zwänge, irgendwie durchzuhalten, alles würde zusammenbrechen.

Nein, „Sterne über uns“ recherchiert nicht, wie es sein kann, dass eine gebildete alleinerziehende Mutter in Köln plötzlich obdachlos wird. Der Film verteilt weder Tipps noch Verantwortlichkeiten. Aber er lässt erahnen, wie es sich anfühlt, am Rand der Gesellschaft unaufhörlich einen Abgrund entlangzutaumeln. Als Sozialstudie funktioniert der Streifen nicht, als Sozialdrama nur mäßig, als Allegorie schon ziemlich gut und als Kunstwerk wunderbar. Ein spannendes, ein unterhaltsames, ein nachdenkliches, aufwühlendes und ein überragend gespieltes Debüt.

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