Gut gegen Nordwind

Drama | Deutschland 2019 | 122 Minuten

Regie: Vanessa Jopp

Ein Sprachwissenschaftler aus Köln erhält eine nicht für ihn bestimmte E-Mail, woraus sich ein witziger Wortwechsel und bald ein recht intimer Austausch mit der unbekannten Absenderin entwickelt, der sich in emotionalen Defiziten beider einnistet. Mehrere Versuche, die Seelenverwandte zu treffen, scheitern aus Angst und Zögerlichkeit. Die Liebeskomödie fußt auf einem Romanbestseller und jongliert etwas zu routiniert mit den Versatzstücken des Genres. Erst im zweiten Teil gewinnt der Film mehr Entschlossenheit und lotet sehr schön widersprüchliche Emotionen, innere Unruhe und das Schweben zwischen Hoffnung, Misstrauen und Resignation aus. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Vanessa Jopp
Buch
Vanessa Jopp · Jane Ainscough
Kamera
Sten Mende
Musik
Hauschka
Schnitt
Andrew Bird
Darsteller
Nora Tschirner (Emmi) · Alexander Fehling (Leo) · Ulrich Thomsen (Bernhard) · Ella Rumpf (Adrienne) · Claudia Eisinger (Marlene)
Länge
122 Minuten
Kinostart
12.09.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion

Liebeskomödie um einen Sprachwissenschaftler, der über eine fehlgeleitete E-Mail in eine geistreiche Kommunikation mit einer Unbekannten verwickelt wird, die sich bald zu einem intimen Zwiegespräch auswächst.

Wenn sich ein Bestseller wie der gleichnamige Roman von Daniel Glattauer zweieinhalb Millionen Mal verkauft hat, dann sind die Erwartungen an die Einspielergebnisse an der Kinokasse groß. Produziert wurde die Verfilmung unter der Regie von Vanessa Jopp von der von Maren Ade mitgegründeten Firma Komplizen Film. Das Ergebnis ist leider ein auf Nummer Sicher gehender Klon aus den üblichen Versatzstücken romantischer Komödien und einiger durchaus gelungener, atmosphärischer Regieeinfälle, die so etwas wie eine Authentizität der Gefühle herzustellen versuchen.

Die populären Hauptdarsteller Alexander Fehling und Nora Tschirner waren selbst mal ein Paar. Dass sie dank des E-Mail-Romans erneut durch die Phasen einer langsam aufblühenden Zuneigung geschickt werden, hätte schiefgehen können. Da ihre Annäherung, abgesehen von einigen Tagräumen, bis auf eine einzige Szene ausschließlich verbal und ohne Augenkontakt erfolgt, stand das abgelaufene Verfallsdatum ihrer realen Liaison nicht im Wege.

Ein Irrläufer entpuppt sich

Der an der Kölner Universität beschäftigte Sprachwissenschaftler Leo erhält eine E-Mail von einer unbekannten Frau namens Emma, die ein Zeitschriften-Abo kündigen möchte. Aus diesem zufälligen Irrläufer entspinnt sich ein Wortwechsel, in dem sich die beiden an mehr oder weniger geistreichen Sentenzen zu überbieten versuchen. Zeitgleich gerät Leos Beziehung mit der sprunghaften Marlene in eine tiefe Krise. Sie lieben und streiten sich, nach der Trennung folgt die Versöhnung, es geht hin und her, bis die Spannung verpufft und Marlene endgültig die Bremse zieht.

Wie gut, dass die digitale Konversation nach und nach intimer gerät. Leo tauscht in der Anonymität die privatesten Details aus seinem Leben aus und schöpft Hoffnung, die von ihm liebevoll in Emmi umgetaufte Freundin könnte die Seelenverwandte werden, nach der er immer noch Ausschau hält. Umso größer die Enttäuschung, als die Musikwissenschaftlerin ihm gesteht, mit einem 15 Jahre älteren Dirigenten verheiratet zu sein. Leo reagiert mit Wut und Unverständnis, lässt sich aber nach Emmis hartnäckigen Versöhnungsaufrufen zur Fortsetzung ihres virtuellen Briefkastens überreden. Mehrere Versuche, sich zu treffen, da Emmi ebenfalls in Köln lebt, scheitern an der Angst, als reale Person den Erwartungen des Anderen nicht zu genügen, bis ihr Ehemann hinter den platonischen Seitensprung kommt und sich die Konfrontation nicht mehr umgehen lässt.

Idylle mit wenig Sex

Vanessa Jopp lässt sich in der ersten Hälfte viel Zeit, um in Parallelsträngen die emotionalen Defizite der materiell abgesicherten Existenz von Leo und Emmi auszubreiten. Man wähnt sich schon in einer der typischen Fernsehromanzen, wo schicke Interieurs auf schön anzusehende Menschen treffen und die Liebeswirren nach einem schematisch aufgespannten Sicherheitsplan absolviert werden. Einziger Störfaktor dieser Idylle mit wenig Sex und einem einzigen Todesfall sind ausgerechnet die aus dem Off unablässig ertönenden Schreibantworten des jeweiligen Gegenübers, die den Handlungsfluss mitunter erheblich überdehnen.

Zum Glück vertraut Jopp im zweiten Teil dann doch ihrer Inszenierungskunst, schneidet einsame Reiseaufenthalte ans Meer und Beinahe-Begegnungen im Supermarkt gegeneinander. Die melancholische Indie-Musik untermalt in langen Aufnahmen stimmig die innere Unruhe, das Schweben zwischen Hoffnung, Misstrauen und Resignation, widersprüchliche Emotionen, die nach dem pausenlosen Gequatsche erstmals das Können von Fehling und Tschirner herausfordern. Diese Entschlossenheit hätte man sich von Anfang an gewünscht. Im Finale glaubt man sogar einen Moment lang, an dem selbstverhinderten Paar mitzuverzweifeln. Und auch die Kölner Innenstadt sieht endlich plötzlich so unspektakulär und unromantisch aus, dass man um die Fernsehauswertung bangen muss.

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