Krimi | USA 2019 | Minuten

Regie: Lisa Cholodenko

Eine auf einem realen Fall aufbauende Krimiserie: Eine junge Frau erstattet Anzeige, weil sie von einem Eindringling bei sich zuhause vergewaltigt worden sei; sowohl bei den ermittelnden Polizisten als auch im näheren Umfeld des Mädchens regen sich allerdings Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit. Als wenige Jahre später weit entfernt ähnliche Fälle auftreten, tun sich zwei Polizistinnen zusammen, um den potenziellen Serienvergewaltiger zu fassen. Die Serie verschränkt spannungsvoll die von einem fulminanten weiblichen Cop-Duo getragene "Whodunit"-Story mit dem Drama eines Opfers, das selbst krimininalisiert wird, und beleuchtet vielschichtig über das kokrete Verbrechen hinaus die Auswirkungen von sexueller Gewalt auf die Betroffenen und den gesellschaftlichen Umgang damit. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
UNBELIEVABLE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Lisa Cholodenko · Susannah Grant
Buch
Susannah Grant · Ayelet Waldman · Michael Chabon
Kamera
Quyen Tran
Musik
Will Bates
Schnitt
Jeffrey M. Werner · Keith Henderson
Darsteller
Toni Collette (Grace Rasmussen) · Merritt Wever (Karen Duvall) · Kaitlyn Dever (Marie Adler) · Vanessa Bell Calloway (Sarah) · John Hartmann (Donald Hughes)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Krimi | Serie
Diskussion

Basierend auf einem realen Fall, rollt die unter anderem von Lisa Cholodenko inszenierte Miniserie den Fall eines Serienvergewaltigers auf und verschränkt dabei die Leidensgeschichte eines seiner Opfer mit der Jagd zweier Polizistinnen (Toni Collette, Merritt Wever) nach dem Täter.

„The Forensics of Rape“ heißt ein von Polizisten geschriebenes Fachbuch, in dem es um die Ermittlung physischer Indizien bei Vergewaltigungen geht. Die Polizistinnen Grace Rasmussen (Toni Collette) und Karen Duvall (Merritt Wever) vermuten, dass der Verbrecher, den sie jagen, mit dieser oder einer ähnlichen Studie bestens vertraut ist: Die Tatorte, die er hinterlässt, sind verdächtig lupenrein.

Könnte der Mann, der mit Sturmhaube bei alleinstehenden Frauen eindringt, sie mit einer Waffe bedroht und fesselt, stundenlang missbraucht und dann so lange duschen lässt, bis alles an DNA-Material weggespült ist, gar ein Cop sein? Jedenfalls scheint er sich mit dem Polizei-Prozedere bestens auszukennen. Weswegen es auch einem bloßen Zufall zu verdanken ist, dass Rasmussen und Duvall, die zunächst in unterschiedlichen Fällen ermitteln, überhaupt merken, dass sie es mit einem Serientäter zu tun haben und ab dann zusammenarbeiten. Der Mann schlägt vorsorglich nie zweimal im selben District zu und kann, weil die Kommunikation zwischen den zuständigen Polizeibehörden in solchen Fällen ziemlich mangelhaft ist, damit rechnen, dass nicht so schnell Verbindungen zwischen den Vergewaltigungen hergestellt werden.

Die Jagd nach dem Täter & das Leiden der Opfer

Doch nachdem die beiden Ermittlerinnen erstmal die Dimensionen des Verbrechens erahnen, mit dem sie es zu tun haben, beginnen sie und ihre Teams unermüdlich mit der Puzzle-Arbeit, aus den spärlichen Indizien doch eine Spur des Täters zu machen: Opfer werden erneut befragt, Verkehrskameras ausgewertet, Profile erstellt und mit möglichen Täterdateien abgeglichen.

Das geschieht im Jahr 2011. Was die Krimiserie von Susannah Grant, Ayelet Waldman und Michael Chabon so besonders macht, ist jedoch die Kombination dieses Plots mit einer zweiten Zeitebene, die im Jahr 2008 angesiedelt ist und von dem Schicksal einer jungen Frau namens Marie Adler (Kaitlyn Dever) aus Lynwood, Washington erzählt, die zu den frühen Opfern des Serienvergewaltigers gehört. Über sie kommt etwas ins Spiel, was ansonsten in Krimiserien meist eine marginale Rolle spielt: die Perspektive der Opfer und die Langzeitfolgen eines Verbrechens, das vielleicht nur wenige Stunden dauert, aber nachhaltig das ganze Leben der Betroffenen aus dem Gleis bringt.

Wobei daran in diesem Fall neben dem eigentlichen Vergewaltiger auch noch andere „Mittäter“ schuld sind, die Marie eigentlich nichts Böses wollen: ein soziales Umfeld und vor allem auch Polizeibeamte, die im Zuge der Ermittlungen mit viel zu wenig Feingefühl für die psychischen Folgen der Vergewaltigung auf Marie reagieren. Das Skandalon an dem auf einem realen Fall beruhenden Stoff, den die aus acht Episoden bestehende Miniserie aufrollt, ist nicht nur die Widerwärtigkeit der Gewaltverbrechen allein, sondern die Tatsache, dass eines der Opfer selbst kriminalisiert wurde: Weil Marie wegen einer prekären Kindheit bei diversen Pflegefamilien als schwierig gilt, ihre Aussagen etwas wirr klingen und die Indizienlage so dürftig ist, versteigen sich die Polizisten zu der Annahme, die junge Frau hätte sich die Vergewaltigungsvorwürfe nur ausgedacht – was Marie nach harten Kreuzverhören, seelisch ausgelaugt, schließlich auch zugibt, um einfach ihre Ruhe zu haben, ohne an die menschlichen und juristischen Konsequenzen zu denken, die das für sie haben wird.

Ein fuminantes weibliches Cop-Duo

Die unter anderem von Lisa Cholodenko inszenierte Serie verschränkt diese Handlungsstränge ineinander, was der Serie zu einer sehr interessanten, spannungsreichen Dramaturgie verhilft: Während man in einem Strang verfolgt, wie Maries Leben mehr und mehr aus den Fugen gerät, gelingt es Rasmussen und Duvall im anderen Strang, aus dem scheinbaren Wirrwarr an Informationen über den Täter allmählich Ansätze für seine Überführung zu destillieren. Während es zum einen um die zunehmende Isolation einer Frau geht, die wegen ihres erratischen Verhaltens nach der Tat mehr und mehr den Rückhalt bei ihren Freunden und Kontaktpersonen verliert, wird zum anderen die Detective Story als Geschichte einer erfolgreichen Vernetzung erzählt. Dabei geht es um die wachsende Frauenfreundschaft zwischen der älteren, coolen, oft auch etwa groben Rasmussen und der jüngeren, sanft-empathischen, aber auch selbstbewusst-unbeirrbaren Duvall. Und es geht um das Teamwork, in dessen Zentrum die beiden Polizistinnen stehen, zu dem aber auch die ehemaligen Opfer und ein ganzer Kreis von Kollegen und Kolleginnen beitragen: ein dringend nötiges Korrektiv gegen Strukturen, die zu lange dem Missbrauch von Frauen Vorschub geleistet haben.

„Unbelievable“ macht daraus eine Mischung aus gut konstruiertem „Whodunit“ und Charakterdrama, die nicht nur den konkreten Kriminalfall ausleuchtet, sondern immer wieder den Blick für den gesellschaftlichen Kontext weitet: Wenn zum Beispiel in einer Szene ein Verdächtiger, der eine Vorgeschichte der Gewalt gegen Frauen hat und selbst auch als Polizist arbeitet, Rasmussen anspuckt und sie warnt, sich nicht mit ihm anzulegen, weil er einflussreiche „Freunde“ habe, dann ist das bezeichnend für das „rape culture“-Klima, auf dessen Boden die Taten des Serientäters gediehen.

 

 

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