Lieber Antoine als gar keinen Ärger

Komödie | Frankreich 2018 | 108 Minuten

Regie: Pierre Salvadori

Die Witwe eines im Dienst getöteten Polizisten erfährt durch Zufall, dass ihr Gatte korrupt war und sogar einen anderen an seiner Stelle ins Gefängnis gehen ließ. Als dieser Mann freikommt, will sie das Unrecht wieder gutmachen, doch erweist sich der Entlassene als unberechenbarer Psychopath, der sich an der Gesellschaft schadlos halten will. Eine mit hohem Tempo und in knalligen Farben inszenierte Komödie, die ihre Figuren bewusst von einer absurden Situation in die nächste schickt. Einige bemüht schräge Einfälle und recht ruppiger Humor verhindern unbeschwerte Heiterkeit, dafür aber gibt sich ein hervorragendes Darstellerquartett wirkungsvoll dem Irrwitz hin. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
EN LIBERTÉ !
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Pierre Salvadori
Buch
Pierre Salvadori · Benjamin Charbit · Benoît Graffin
Kamera
Julien Poupard
Musik
Camille Bazbaz
Schnitt
Isabelle Devinck · Julie Lena · Géraldine Mangenot
Darsteller
Adèle Haenel (Leutnant Yvonne Santi) · Pio Marmaï (Antoine Parent) · Audrey Tautou (Agnès Parent) · Damien Bonnard (Louis) · Vincent Elbaz (Capitaine Jean Santi)
Länge
108 Minuten
Kinostart
24.10.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Komödie
Diskussion

Eine mit hohem Tempo und in knalligen Farben inszenierte französische Komödie über eine Polizistenwitwe, die ein Unrecht ihres korrupten Mannes wiedergutmachen will, aber an ein psychisch instabiles Justizopfer gerät.

Der Vater des kleinen Théo ist tot. Zwei Jahre sind vergangen, seit der Polizist Jean Santi im Dienst getötet wurde, eine vor allem anfangs unerträgliche Zeit für den Jungen und seine Mutter Yvonne, die ebenfalls Polizistin ist. Geholfen hat ihnen letztlich ein Gedenkritual: Abends, kurz vorm Einschlafen, beschwören Yvonnes Gutenachtgeschichten den Toten regelmäßig wieder herauf und malen aus, was Jean für ein Held gewesen sei. Es ist ein wahrer Superbulle, den Yvonne beschreibt und den Regisseur Pierre Salvadori in seiner Komödie „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ in Aktion zeigt: Quasi im Alleingang dringt Jean Santi in eine Verbrecherhöhle ein und räumt dort nach Kräften auf. Mit der Schusswaffe so gewandt wie im Nahkampf zertrümmert er Schränke auf Ganoven, bricht Finger, rammt Messer in Beine und Schädel (der Film verdient sich schon in den ersten Minuten seine „FSK ab 16“-Freigabe ), um zum Abschluss etliche Stockwerke hinabzuspringen und unverletzt in seinem Wagen zu landen – bereit, am nächsten Abend von neuem sein Heldenwerk zu verrichten.

Ihrem Sohn und auch sich selbst zuliebe trägt Yvonne dick auf, wenn es um die Verdienste ihres Mannes geht, liegt damit aber nur geringfügig über dem öffentlichen Image von Jean Santi. Bei der Präsentation eines Denkmals zu seinem Andenken singt der Bürgermeister Jeans Lob kaum weniger laut als Yvonne abends an Théos Bett, und auch die Witwe stimmt einmal mehr ein – die enthüllte Statue allerdings hält sie in ihrer heroischen Makellosigkeit dann doch für wirklichkeitsfern.

Das Denkmal bekommt Risse

Bald darauf bekommt auch das in ihrem Kopf errichtete Denkmal Risse: Ein kleiner Gauner lässt Bemerkungen über Jean und einen getürkten Diebstahl fallen, nach einer eindringlichen Befragung von Jeans Partner Louis hat Yvonne rasch Gewissheit über die wahre Natur ihres verklärten Gatten. Mitnichten ein Vorzeigepolizist, war Jean Santi korrupt bis ins Mark und verschaffte sich und seiner Familie ein angenehmes Leben von ergaunertem Geld. Und schlimmer noch: Für den besagten Raub wanderte ein Unschuldiger hinter Gitter. Das immerhin bietet Yvonne eine Chance. Wenn sie – schon aus Eigennutz – darauf verzichten muss, den Ruf des Toten zu zerstören, so könnte sie doch zumindest einem von Jeans Opfern helfen.

Lügen und Vertuschungen sind ein beliebtes Motiv von Pierre Salvadori, mit dem er immer wieder die Plots von Komödien wie Liebe um jeden Preis und Bezaubernde Lügen angestoßen hat. Ein weiteres wiederkehrendes Merkmal seiner Filme ist der fließende Übergang vom prosaischen Alltag in Gegenwelten wie die der Kriminalität, wo unwahrscheinliche, teilweise bizarre Situationen auf seine Figuren warten. Bei „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ beginnt dies mit der Entlassung des Mittdreißigers Antoine aus dem Gefängnis. Die acht Jahre, die er wegen des von Jean vorgetäuschten Diebstahls gesessen hat, haben seiner Psyche sichtlich nicht gutgetan. Als Yvonne sich ihm an die Fersen heftet, erlebt sie, wie der fahrige und nervöse Antoine permanent mit sich selbst redet und keinerlei Anzeichen zeigt, dass ihm die schiefen Blicke auf ihn etwas ausmachen. Wenig später ist sie Zeugin, wie Antoine einen Tabakhändler überfällt, so unbeholfen, dass er danach ebenso aufgelöst erscheint wie der Überfallene.

Eine tickende Zeitbombe und eine tolpatschige Helferin

Ein zweiter Raub gelingt Antoine schon besser; der Verfolger*innen entledigt er sich, indem er sie niederschlägt und ihnen ins Ohr beißt – vor den Augen seiner fassungslosen Frau Agnès sowie von Yvonne, die ihm danach die Flucht ermöglicht. Als Beschützerin geht sie letztlich ähnlich tolpatschig vor wie Antoine, der sich angesichts des ihm geschehenen Unrechts nun an der Gesellschaft schadlos halten will. Er ist eine tickende Zeitbombe, die Yvonne gegen ihren Willen noch gefährlicher macht, als es zum unvermeidbaren Zusammentreffen der beiden kommt. Da sie ihm nicht enthüllen will, wer sie ist, stärkt sie ihn im Gefühl seiner berechtigten Wut, woraufhin sich Antoine erst recht wie die Axt im Walde aufführt.

Salvadori lässt seine beiden Hauptfiguren mit hohem Tempo eine Kette von unwahrscheinlichen Erlebnissen durchlaufen: Die von Kameramann Julien Poupard in knalligen Farben gefilmten Bilder betonen das Surreale, Wirklichkeitsenthobene, während die Geschehnisse aus Sicht von Yvonne und Antoine erkennbar eher einem nicht enden wollenden Albtraum gleichen.

Dieser Doppelkodierung kommt zugute, dass der Regisseur wie schon früher nicht auf ausgewiesene Komiker setzt, sondern auf Darsteller, die das Spiel auf dem schmalen Grat zwischen Leichtigkeit und Tragik beherrschen: Adèle Haenel und Pio Marmaï spielen Protagonisten, die wohl im Leben nicht darauf kommen würden, dass jemand etwas Lustiges an ihrem Schicksal finden könnte. Dabei bleiben sie in ihren Emotionen und Macken stets glaubwürdig, wie auch die beiden wichtigsten Nebenfiguren: Der gutmütige Polizist Louis (Damien Bonnard), der Yvonne seit langem anhimmelt und immer ein wenig neben der Spur wirkt, und die sanfte, vom Wandel ihres Mannes entsetzte Agnès, für die Audrey Tautou die rehäugige Lieblichkeit ihrer Amélie-Persona auf gelungene Weise in eine gereifte Rolle überträgt.

Zwischen Aggressivität und Poesie

Mit diesem Figurenquartett bestreitet „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ einen Großteil der mal aggressiven, mal überraschend poetischen Dialogwechsel, zudem kann Salvadori geschickt offen halten, welche Paarkonstellationen das Ende bereithält. Seine neunte Regie-Arbeit ist in vielem seine raffinierteste und unvorhersehbarste; die betonte Absurdität des Ablaufs kaschiert allerdings nicht völlig, dass manche Drehbucheinfälle in ihrer Schrägheit um jeden Preis doch sehr bemüht wirken, etwa die ständige Geistesabwesenheit der Polizeibeamten bei der Arbeit oder ein Raubüberfall in Sado-Maso-Montur mit ungläubig vor ihren Bildschirmen hängenden Wachmännern.

Oft fällt der Humor auch ziemlich ruppig aus, da die Figuren nicht viele Gedanken an Moral und Rücksichtnahme verschwenden. Unbeschwerte Heiterkeit hat dieser Film über einen Psychopathen und eine Täuscherin daher nicht zu bieten. Dafür aber jede Menge überdrehten Irrwitz, der auf ihrem gemeinsamen Weg immer wieder köstlich entfesselt wird.

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