Last Ferry

Liebesfilm | USA 2019 | 87 Minuten

Regie: Jaki Bradley

Ein junger homosexueller New Yorker Anwalt fährt für einen Kurzurlaub auf die Insel Fire Island, die für ihre Freizügigkeit bekannt ist. Dort wird er überfallen und Zeuge eines Mordes, dann aber von einem freundlichen Mann gerettet. Als er in dessen Haus untergekommen ist, merkt der Überfallene jedoch, dass sein Retter und der Mörder sich kennen. Vor dem schauträchtig in Szene gesetzten Inselhintergrund entfaltet sich eine Mischung aus Thriller und Liebesfilm, die aber beide an der Oberfläche bleiben. Zudem wird die Story nur unzulänglich entwickelt und verpasst es weitgehend, das Spannungsverhältnis im Zentrum auszuloten. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LAST FERRY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Jaki Bradley
Buch
Ramon O. Torres
Kamera
Alexa Wolf
Musik
Jim Brunberg · Benjamin Landsverk
Schnitt
Ramon O. Torres · Nadia Zoe
Darsteller
Ramon O. Torres (Joseph) · Sheldon Best (Cameron) · Myles Clohessy (Rafael) · Larry Owens (Shane) · Gabriel Sloyer (Dr. Anabi)
Länge
87 Minuten
Kinostart
31.10.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Liebesfilm | Thriller
Diskussion

Eine Mischung aus Thriller und Liebesfilm, über einen homosexuellen Anwalt, der auf der amerikanischen Insel Fire Island Zeuge einer Gewalttat wird und in einem netten Mann einen Freund des Mörders erkennt.

Fire Island ist ein schmaler Streifen Land von nur einem Kilometer Breite und 48 Kilometer Länge. Die Insel liegt vor Long Island, erst hinter ihr beginnt der Atlantik. Es herrscht Naturschutz, das Unterholz wuchert, versteckt zwischen Strand und Bäumen stehen schicke Ferienhäuser. Fire Island ist beliebtes Urlaubsziel von Schwulen, eine Tradition, seit im letzten Jahrhundert dort die ersten signifikanten Gay Communities entstanden.

Man erreicht Fire Island mit Fähren. Vor einer davon steht Joseph, junger Anwalt aus New York City, der für ein langes Wochenende auf die Insel fahren will. Er sucht ein Abenteuer, am liebsten einen Freund, er ist sichtlich ziemlich unberührt und ziemlich bedürftig. Sobald er ankommt, wird er auch schon angegraben, aber das geht ihm dann zu schnell. Er flüchtet vor dem flirtenden älteren Herrn, telefoniert erstmal mit seiner Mama.

Ein Lämmchen, bereit, gefressen zu werden

Josephs Verhalten, das im Telefonat mit der übergriffigen Mutter so deutlich sichtbar wird wie in der Begegnung mit anwesenden Menschen, zeigt seine Schwäche: Er kann sich nicht abgrenzen. Er hat Angst. Er ist ein Lämmchen, bereit, gefressen zu werden. Die Rolle von Joseph spielt Ramon O. Torres, der auch das magere Drehbuch zu „Last Ferry“ geschrieben hat. Als Schauspieler zeigt er dafür brillant die Naivität des jungen Schwulen, dessen großäugiges Vertrauen. Man versteht, dass Joseph schlecht behandelt wird, bei so viel Opferpotenzial.

Es dauert nicht lang, bis Joseph Beute eines Verführers wird, der ihm Verständnis anbietet, ihm Drogen eingibt, die Augen verbindet, eine Umarmung schenkt, ihn dann niederschlägt und ausraubt. „Drugged and mugged“, wie es auf Englisch heißt, wo alles eine griffige Formel finden kann. Raub samt Vorbereitung passieren flott – es dauert ungefähr fünf Minuten, in denen Joseph innerlich die Strecke von Jubel bis Verzweiflung durcheilt, dann liegt er halbnackt im Gebüsch, besitzlos, mit Halluzinationen.

In diesem Zustand beobachtet Joseph einen Mord: Im Unterholz am Strand würgt ein Mann einen andern. Als Zuschauer hat man den Mord schon einmal gesehen, zur Einführung, was den Gesamtvorgang nicht erhellender macht. Es bleibt vieles unverständlich bei dieser ungelenken Sequenz – klar wird jedoch, wer der Täter ist, denn man sieht dessen auffälliges Tattoo. Joseph flieht, später wird er von dem freundlichen Cameron gerettet. In dessen Haus verbringt er die Nacht, schlägt alle Avancen aus, am nächsten Tag lernt er die Freunde seines Gastgebers kennen.

Vom Krimi zur Liebesgeschichte

Nach dem Moment der Dramatik legt der Film gleich wieder eine Pause ein. Regisseurin Jaki Bradley springt von einem Thema zum nächsten, sie wendet sich vom Krimi einer Liebesgeschichte zwischen Cameron und Joseph zu, daneben stellt sie den Urlaubsalltag auf Fire Island ein bisschen exotisch aus. Ausführlich beobachtet sie die gutgelaunten Schwulen, die Camerons Haus bevölkern, weder der Überfall auf Joseph noch der Mord am Strand werden weiterverfolgt. Die Kamera zeigt Nahaufnahmen von Menschen und Totalen von der Natur, die Menschen bedienen den voyeuristischen Blick.

Selbst als eine Nacht später der Mörder zur Gruppe stößt, offenbar ein enger Freund von Cameron, bleibt der Plot ereignislos – Joseph erkennt den Mann vorerst nicht. Der Plan des Drehbuchs ist, ein paar Informationen über den Mord vom Ende her einzuflechten. Aus den Dialogen lässt sich heraushören, wer der Ermordete war, der Plot zeigt, dass Cameron dem Mörder helfen will. Trotzdem bleiben zu viele Fragen unbeantwortet, auch die Dramaturgie stellt keine kohärenten Abläufe her, weder für die Vergangenheit noch für die Gegenwart.

Jaki Bradley will einen Noir-Thriller im hellen Insellicht drehen. Aber der Film hört auf, wenn der eigentlich erzählenswerte Part beginnt, wenn also der Mörder, sein Zeuge, und derjenige, der beide liebt, einander endlich konfrontieren. Da jedoch werden die drei ratlosen Männer von einem mindestens so ratlosen Schluss überrascht, der Zuschauer bleibt verwirrt zurück. Jetzt hätte er gern mehr über die Figuren erfahren, denen der Film Einsicht und Zukunft verweigert.

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