Songs of Freedom

Dokumentarfilm | Kanada/Kamerun 2015 | 86 Minuten

Regie: Barbara Willis Sweete

Die afrokanadische Sopranistin Measha Brueggergosman begibt sich auf den musikalischen Spuren ihrer Vorfahren, die von Sklavenhändlern in die USA verschleppt wurden, auf eine Recherche nach ihren Ursprüngen. In der auch mehrstimmigen Vertonung von „Spirituals“ deckt die Musikerin die Kraft auf, sich von schweren privaten, aber auch gesellschaftlichen Schicksalsschlägen zu befreien. Auf ihrer von Familienmitgliedern begleiteten Reise nach Kamerun reflektiert der Film auch über die globale Perspektive von Sklaverei und Rassentrennung. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SONGS OF FREEDOM
Produktionsland
Kanada/Kamerun
Produktionsjahr
2015
Regie
Barbara Willis Sweete
Kamera
Milan Podsedly
Musik
Aaron Davis
Schnitt
David New
Länge
86 Minuten
Kinostart
07.11.2019
Fsk
ab 0
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation | Musikfilm

Heimkino

Verleih DVD
Euroarts (16:9, 1.78:1, DD.2.0 engl.)
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Diskussion

Dokumentation über die Reise der kanadischen Sopranistin Measha Brueggergosman auf den Spuren des Liedguts ihrer Vorfahren, die von Sklavenhändlern aus Zentralafrika in die USA verschifft wurden, und der Aufnahme von „Spirituals“ mit unterschiedlichen Begleitern.

Es ist eine gewaltige Stimme, die aus Measha Brueggergosmans Lungenflügeln strömt. Vom ersten Ton an nimmt sie für sich ein, für Brueggergosmans Leben, ihre Kunst und vor allem für eine Lebensfreude, die angesichts der erlittenen Schicksalsschläge nicht selbstverständlich ist. Schon bevor die große Narbe auf dem Brustbein sichtbar wird und die Sopranistin davon erzählt, wie ihre Aorta riss und wie sie zwei Babys verlor, wird klar, dass hinter einer so ausdrucksvollen Stimme nicht nur Technik und Talent, sondern auch einschneidende Erlebnisse stehen müssen.

Jeder, der Verlust und Trauer erfahren habe, so Brueggergosman, wisse, dass der einzige Weg nach vorne derselbe wie der mitten hindurch ist. Genau diese Lebenseinstellung korrespondiert mit dem Sujet des Films „Songs of Freedom“: einer Spurensuche auf den Pfaden von Sklaverei und Selbstermächtigung.

Der eigenen Familiengeschichte auf der Spur

Im Jahr 2015 drehte die Filmemacherin Barbara Willis Sweete eine vierteilige Doku-Serie über den Versuch der kanadischen Sängerin, auf dem Umweg der Lieder aus der Sklaverei der eigenen Familiengeschichte auf die Spur zu kommen. „Spirituals“ heißt die christliche Liedgattung, die als Vorläufer des Gospels gilt. Der Kinofilm „Songs of Freedom“ ist ein Zusammenschnitt dieser Suche, auf der Brueggergosman öfters von Mitgliedern ihrer Familie begleitet wird – bis zu den ureigenen, dank Gen-Tests identifizierten Wurzeln bei der Bassa-Volksgruppe im zentralafrikanischen Kamerun. Von dort wurden Brueggergosmans Vorfahren verschleppt und auf Sklavenschiffen nach US-Amerika gekarrt, wo sie als billige Arbeitskräfte ein Land aufbauten, dessen Selbstverständnis eigentlich auf dem Begriff „Freiheit“ basiert.

„Wade in the Water“ heißt eines der Spirituals, mit denen der Film in die Arbeit der Sängerin mit dem Musikproduzenten Aaron Davis einsteigt. An anderer Stelle singt Brueggergosman mit dem Kirchenchor einer Baptisten-Gemeinde „Go Down, Moses“, später „He’s Got the Whole World in His Hands“ mit einem Chor afrikanischer Schulkinder. Das sorgt für tolle vielstimmige Arrangements innerhalb eines Erzählkonzepts, das ansonsten eher von der Stimme und den Erlebnissen der bekannten Musikerin dominiert wird.

Das Unrecht dauert an

Ob es sich um die Aufnahmen im Studio oder ihre weitergeführten Recherchen handelt: Mit den „United Empire Loyalists“ geht es von den USA aus nach Kanada, wo die Familie, die im Unabhängigkeitskrieg an der Seite der Briten kämpfte, endlich die Fesseln abschütteln konnte. Das erste Kind der Gosmans, das in Freiheit geboren wurde, hieß Fanny und war bei der Einreise nach Kanada erst fünf Monate alt.

„Songs of Freedom“ gibt sich keine Mühe, mit Fotos oder nachgespielten Szenen die Barbarei der Sklaverei nachzuzeichnen. Vielmehr wird die Perspektive der Nachfahren auf erlittenes Unrecht verfolgt, das bis heute am Alltag der afroamerikanischen Community nagt. So ist der Slum Africville in Nova Scotia nicht etwa an seine Bewohner, die Black Loyalists, zurückgegeben worden. Stattdessen hat man dort unter anderem eine große Hundewiese errichtet. Diesen fortdauernden Demütigungen begegnen Brueggergosman und ihre Mitsängerinnen mit lauter Stimme, wenn sie am Ende in einer Baptisten-Kirche in Kamerun „Amazing Grace“ performen: in aller Größe und Würde, die man an den Tag legen kann, wenn man mit erhobenem Kopf die Noten in die Welt singt, die der Sklavenschiff-Kapitän John Newton in Seenot geschrieben haben soll. „Amazing Grace... I once was lost, but now am found.“ In solchen Momenten verwandelt sich der etwas zu stark auf Brueggergosman fokussierte Film zum Zeugnis der Emanzipation aller.

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