Dokumentarfilm | Nordmazedonien 2019 | 90 Minuten

Regie: Ljubomir Stefanov

Beobachtender Dokumentarfilm über das archaische Leben der letzten Wildimkerin Nordmazedoniens, die zusammen mit ihrer 86-jährigen Mutter alleine in einem verlassenen Bergdorf lebt. Der Zuzug einer türkischen Großfamilie mitsamt 150 Kühen stellt ihre naturverbundene Lebensweise dann auf eine harte Probe. Ein visuell atemberaubender Dokumentarfilm mit einer einprägsamen Protagonistin, der sanfte Kapitalismuskritik übt und zugleich an ein harmonisch-humanistisches Miteinander zwischen Mensch, Tier und Natur appelliert. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HONEYLAND
Produktionsland
Nordmazedonien
Produktionsjahr
2019
Regie
Ljubomir Stefanov · Tamara Kotevska
Buch
Ljubomir Stefanov · Tamara Kotevska
Kamera
Fejmi Daut · Samir Ljuma
Musik
Foltin
Schnitt
Atanas Georgiev
Länge
90 Minuten
Kinostart
21.11.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Brillant beobachteter Dokumentarfilm über die letzte Wildimkerin Nordmazedoniens. Trotz bitterer Armut versucht die nomadische Bienenzüchterin stets nachhaltig und solidarisch zu handeln.

Eine Mittfünfzigerin in ockerfarbener Bluse und dunkelgrünem Kopftuch erklimmt mit behänden Bewegungen ein schroffes Bergplateau in Nordmazedonien. Flink wie ein Wiesel besteigt die hagere Frau mit ledergegerbter Haut einen Hügel nach dem anderen, ehe sie zu einer geheimen Bienenkolonie gelangt, die über einem Felsspalt hinter einer Steinplatte versteckt ist. Mit bloßen Händen und ohne Gesichtsschutz greift Hatidze Muratova nach den vollen Waben; dennoch wird sie von den tausenden Bienen um sie herum kein einziges Mal gestochen.

Die letzte Wildimkerin Nordmazedoniens verrichtet ihr beschwerliches Tagwerk allein mit traditionellen Gesängen und in stoischer Ruhe, fast wie eine religiöse Zeremonie. Schon die großartige Anfangssequenz nimmt für das Filmdebüt „Land des Honigs“ von Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevska ein. Drei Jahre lang beobachteten die beiden mazedonischen Filmemacher das wie aus der Zeit gefallene Leben von Hatidze Muratova aus nächster Nähe: kommentarlos und in durchwegs brillanten Einstellungen voller Intimität und Würde, die wie ein Spielfilm montiert sind und eine große emotionale Wucht erzeugen.

Wie aus einem anderen Jahrhundert

Zusammen mit ihrer halbblinden und bettlägerigen Mutter, die sie permanent lobt und tadelt, lebt die 55-jährige Protagonistin ohne Elektrizität oder fließendes Wasser in dem verlassenen Bergdorf Bekirlijia unweit von Skopje. Obwohl die Hauptstadt mit ihren lebendigen Märkten nur 20 Kilometer entfernt liegt, wirkt die extrem karge Existenz beider Frauen wie aus einem anderen Jahrhundert. Kein Tourist verirrt sich in ihre Gegend. Die letzten Dorfbewohner haben sich längst Richtung Skopje aufgemacht. Zurück blieben löchrige Mauerreste und verwitterte Steinplatten.

Inmitten dieser archaischen Bergwelt versucht die stolze Bienenzüchterin als Letzte ihrer Art Jahr für Jahr über die Runden zu kommen. Für den Verkauf ihres begehrten Wildhonigs muss sie vier Stunden zu Fuß gehen, weil das Geld für die Busfahrkarte nicht reicht. Obwohl die außerordentliche Qualität ihres „flüssigen Goldes“ bekannt ist, erhält sie meist nicht mehr als 10 Euro pro Glas; Hatidze und ihre 86-jährige Mutter Nazife haben deshalb oft mehrere Monate im Jahr kaum etwas zu essen. Das einzige Luxusgut, das sich die Imkerin leistet, ist gelegentlich ein Haarfärbemittel. „Aber nur Kastanienfarben. Sonst nichts“, erklärt sie entschieden dem Händler auf dem alten Basar in Skopje.

Der Lärm von sieben Kindern und 150 Kühen

Eines Tages wird das nahezu solitäre Leben Hatidzes durch die Ankunft einer türkischstämmigen Großfamilie empfindlich ins Wanken gebracht. Sieben laute Kinder und 150 Kühe stören fortan die magische Ruhe des Ortes, was die Kamera von Fejmi Daut und Samir Ljuma in aller Drastik einfängt.

Der Umgangston der nomadischen Sippe ist ausgesprochen harsch, und ein solidarisches Miteinander ist dem chaotischen Familienclan offensichtlich fremd. Hatidze bemüht sich anfangs zwar, den ebenso raubeinigen wie patriarchalen Familienvater Hussein in die Kunst des Honigmachens einzuweihen und bietet ihm und seiner Frau abends auch ihren kostbaren Schnaps am Lagerfeuer an.

Doch anstatt die jahrhundertealten Imkerinnenregeln zu beachten („Nimm die eine Hälfte des Honigs für dich, lass die andere Hälfte den Bienen.“), denkt der polternde Hussein in erster Linie an den schnellen Profit und keinesfalls an die Gesundheit der Tiere, was sich neben den ersten toten Bienen alsbald auch an seinen darbenden Kälbchen zeigt, die massenhaft sterben.

Eine magische Präsenz

Was ursprünglich als Auftragsvideo für ein Umweltprojekt geplant war, entfaltet sich in der meisterhaften Montage zum gleichermaßen beglückenden wie bedrückenden Filmerlebnis. „Land des Honigs“ zehrt dabei enorm von der magischen Präsenz seiner Protagonistin. Ihr ebenso zartes wie hartes Porträt zeichnet in poetisch-aufrüttelnden Bildern das Leben einer genügsamen Frau nach, die mit ihrem Handeln trotz widrigster Lebensumstände echte Solidarität vorlebt und zugleich für eine universelle Liebe zu allen Wesen einsteht. Die fragile Balance zwischen Menschen und Umwelt weicht dabei auch in Nordmazedonien der Gier nach dem schnellen Profit, bei dem die nachwachsenden Generationen zusehends aus dem Blick geraten.

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