Drama | Deutschland 2019 | 104 Minuten

Regie: Neele Leana Vollmar

Sechs Jugendliche gründen nach dem Selbstmordversuch eines Freundes 1983 in einer schwäbischen Kleinstadt eine Wohngemeinschaft und müssen sich dem Erwachsenwerden stellen. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Bov Bjerg trifft die Stimmung der Vorlage genau und fängt geschickt das Gefühl der Adoleszenz zwischen Aufbruch und Versagensängsten ein. Der in den Hauptrollen glaubwürdig gespielte Film erfasst durch Ausstattung und Soundtrack präzise die Atmosphäre der 1980er-Jahre. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Neele Leana Vollmar
Buch
Neele Leana Vollmar · Lars Hubrich
Kamera
Frank Lamm
Musik
Oliver Thiede
Schnitt
Ana de Mier y Ortuño · Hansjörg Weissbrich
Darsteller
Damian Hardung (Höppner) · Max von der Groeben (Frieder) · Luna Wedler (Vera) · Devrim Lingnau (Cäcilia) · Ada Philine Stappenbeck (Pauline)
Länge
104 Minuten
Kinostart
05.12.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Kongeniale Romanverfilmung über sechs Jugendliche, die nach dem Selbstmordversuch eines Freundes 1983 in einer schwäbischen Kleinstadt eine Wohngemeinschaft gründen und sich dem Erwachsenwerden stellen.

Diskussion

„Auerhaus“ – das ist die schwäbische Verballhornung des englischen „Our House“, und eigentlich denkt man gleich an den schönen Song von Crosby, Stills, Nash & Young. Doch weil der Film und der ihm zugrunde liegende Roman von Bov Bjerg eine Musikgeneration später in den 1980er-Jahren spielt, ist der Song „Our House“ von der Gruppe Madness gemeint. Es geht um Gemütlichkeit und Geborgenheit in einer Familie, um die Fürsorge, aber auch Strenge der Eltern und die Unbeschwertheit der Kinder, um das Zusammenleben in einer Gemeinschaft, also um ein Heim. Doch eine kurze Parenthese im eingängigen Chorus deutet auch das Ende an: „Something tells you that you’ve got to move away from it.“ Eine kleine Warnung, dass es in „Auerhaus“ nicht konfliktfrei zugehen wird.

Jugend, Musik, Sex und Liebe

Der gleichnamige Roman von Bov Bjerg schlug 2015 ziemliche Wellen. Die Geschichte von sechs Jugendlichen, die nach dem Selbstmordversuch eines Freundes eine Wohngemeinschaft gründen und sich dem Erwachsenwerden stellen müssen, verkaufte sich glänzend; Literaturkritiker überhäuften das Buch mit Lob. Von einem „der besten Romane über die selige Zeit kurz vor dem Erwachsenwerden“ war die Rede. „Diese Geschichte grundiert eine Erzählung über Jugend, Musik, Sex und Liebe mit unerwarteter Melancholie“, freute sich ein anderer Kritiker.

Die Adaption von Regisseurin Neele Leana Vollmar trifft dabei den Tonfall des Buches ganz gut. Erzähler der Geschichte ist Höppner (Damian Hardung), der sich und seine Umgebung zunächst aus dem Off vorstellt und dann die Handlung in Gang bringt. Gemeinsam mit seiner Freundin Vera (Luna Wedler), der Musterschülerin Cäcilia und dem unberechenbaren Frieder besucht er 1983 das Gymnasium „Am Stadtrand“ in einem Kaff in der schwäbischen Provinz. Eine Kneipe, eine Eisdiele, ein Paar Geschäfte; hier ist wirklich nichts los. Höppner will weg, am besten nach Berlin, nicht zuletzt, um so dem Wehrdienst zu entgehen.

Die Euphorie des Aufbruchs

Zuhause macht ihm ein nörgelnder Stiefvater das Leben schwer, Vera ist die Sache mit dem Sex nicht ganz geheuer, und in der Schule kommt Höppner, obwohl intelligent und wortgewandt, nur mit, weil Frieder für ihn die Hausaufgaben macht. Doch damit ist es plötzlich vorbei, nachdem Frieder sich das Leben nehmen wollte und nun in der Jugendpsychiatrie ist. Als Höppner ihn dort besucht, knobeln sie die Idee aus, zusammen in das leerstehende Haus von Frieders Großvater zu ziehen. Vera ist mit von der Partie; später stößt Cäcilia hinzu, die als Streberin verschrien ist und für Höppner schwärmt.

Die Euphorie des Aufbruchs: Renovierung, Umzug mit wenigen Habseligkeiten, die Begrüßung von Frieder, der aus der Anstalt entlassen wird, das erste gemeinsame Essen in der Küche. Doch was ist, wenn Frieder sich wieder das Leben nehmen will? Kann die Wohngemeinschaft ihn beschützen?

Der Selbstmord eines Jugendlichen ist ein ernstes Thema, das Buch und Film dennoch humorvoll aufbereiten. Wenn Frieder Höppners Musterung im Kreiswehrersatzamt aufmischt oder auf dem Marktplatz einen riesigen Weihnachtsbaum fällt, ist das rasant inszenierter Slapstick. Sogar der Zufall, dass Frieders Vater seine Axt sucht und nur deshalb noch rechtzeitig den leblosen Körper seines Sohnes im Schuppen findet, entbehrt nicht einer absurden Ironie.

RAF-Plakat & Kassettenrekorder

Auch Höppner selbst gibt mit der Verwunderung, mit der er aufs Leben blickt, und dem Phlegma, mit dem er sich selbst im Weg steht, immer wieder Anlass zum Schmunzeln. Das ändert aber nichts an der Tragik eines als unlebbar empfundenen Lebens und einer tiefen Traurigkeit.

Die Inszenierung von Vollmar fängt das Gefühl der Adoleszenz zwischen Aufbruchsstimmung und Versagensängsten, Freiheitsdrang und Panik, Neugier auf die Welt und Melancholie geschickt ein. Dabei kann sie sich auf spielfreudige junge Darsteller stützen, die ihre Charaktere, unterstützt von den präzis geschriebenen Dialogen, glaubwürdig ausfüllen. Die Ausstattung verortet den Film atmosphärisch genau in den 1980er-Jahren, vom geklauten RAF-Plakat in Höppners Zimmer bis zum Kassettenrekorder. Nicht zu vergessen der schöne Soundtrack, der sich den üblichen 1980er-Jahre-Musikklischees verweigert und trotzdem das Lebensgefühl der Jugendlichen transportiert. „Our House“ von Madness darf da nicht fehlen.

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