Abenteuer | Großbritannien/USA 2019 | 100 Minuten

Regie: Tom Harper

Auf realen Begebenheiten basierender Abenteuerfilm über einen 1862 in London unternommenen Höhenrekordversuch in der Heißluftballonfahrt. Eine junge (fiktive) Pilotin, die ein schweres Trauma umtreibt, und ein Wissenschaftler, der mit seinen Messungen die Meteorologie voranbringen möchte, wagen das gefährliche Unterfangen, während ihre Beweggründe in Rückblenden aufgerollt werden. Von allerhand CGI-Effekten gestützt, treibt der Abenteuerfilm in ein paar wortwörtlichen Action-Höhepunkten auch den Puls der Zuschauer in die Höhe, bleibt im Hinblick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen seiner Figuren narrativ aber eher auf dem Boden. Getragen von seinen Hauptdarstellern, werden emotionale Nebenpfade aus Schuld und Traumabewältigung beschritten. Die Hauptrolle spielen aber immer noch der Ballon und die riskante menschliche Hybris beim Griff nach den Sternen. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
THE AERONAUTS
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Tom Harper
Buch
Tom Harper · Jack Thorne
Kamera
George Steel
Musik
Steven Price
Schnitt
Mark Eckersley
Darsteller
Felicity Jones (Amelia Wren) · Eddie Redmayne (James Glaisher) · Himesh Patel (John Trew) · Tom Courtenay (Arthur Glaisher) · Phoebe Fox (Antonia)
Länge
100 Minuten
Kinostart
09.02.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Abenteuer | Historienfilm

Zum Abheben: Ein auf realen Begebenheiten basierender Abenteuerfilm über einen 1862 in London unternommenen Höhenrekordversuch in der Heißluftballonfahrt, unternommen durch einen Wissenschaftler, der mit seinen Messungen die Meteorologie voranbringen möchte, und eine (fiktive) Pilotin.

Diskussion

Wenn ein Film über die atemberaubende Vertikalität der Ballonfahrt mit allerhand horizontalem „Drive“ beginnt, dann lässt das auf mehr Emotionen als den puren Höhenrausch hoffen. Zügig wird Emilia Wren (Felicity Jones) von einer Kutsche durch das viktorianische London von 1862 gefahren, als ihr die Bilder eines rasant durch die Lüfte fallenden Körpers durch den Kopf schießen. Die junge Frau in dem auffällig bestickten Zirkus-Kleid steckt sonst in luftiger Höhe jede Turbulenz mit einem Lächeln weg. Jetzt erleidet sie auf irdischen Pflastersteinen eine veritable Panik-Attacke. Die Begeisterung eines vorbeirennenden Jungen reißen aber auch Emilia mit: Wenige Atemzüge später fährt sie triumphierend auf der Kutschkabine stehend in ein ihr zujubelndes Stadion ein.

Der französische Heißluftballon-Rekord von 23.000 Fuß soll an diesem Tag gebrochen werden. Und wie zu jener Zeit üblich, lässt Emilia vor den Augen der Öffentlichkeit lieber die Animateurin als die erfahrene Aeronautin heraushängen, die ihr Mitfahrer, der Luftwissenschaftler James Glaishier (Eddie Redmayne), für seine Messungen auch braucht. Gegen den Spott seiner ungläubigen Kollegen will James der Meteorologie dazu verhelfen, das Wetter vorherzusagen – und damit Tausenden von Unwettern und Dürren bedrohten Menschen das Leben retten. James will nach den Sternen greifen – und das lässt ihn blind werden für die Gefahren der Höhe, die bereits Emilias Ehemann das Leben gekostet haben.

Ein 9000-Meter-Rekord & andere Höhenflüge

„The Aeronauts“ nach einer wahren Begebenheit beinhaltet also, wie jede bessere Abenteuerstory, mehr als einen aufsehenerregenden 9.000 Meter-Rekord. Es geht um berufliche Höhenflüge und private Niederlagen, um Verlust, Angst und Schuld. Erfrischenderweise mündet diese Melange trotz manch andeutungsvollem Blick nicht in einer romantischen Verbindung, sondern bleibt auf einer beruflichen, aber nicht weniger zugewandten Ebene. Dabei hatte Felicity Jones bereits in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ als Ehefrau von Eddie Redmaynes Stephen Hawking-Figur schon einmal den so klugen wie überlebenswichtigen Support eines Wissenschaftlers gespielt, der nach den Sternen griff. In der Realität wurde der Wissenschaftler James Glaishier beim Rekordversuch allerdings nicht von einer jungen Witwe begleitet, sondern vom Ballonfahrer Henry Coxwell – und das nicht auf der ersten, sondern der siebten gemeinsamen Fahrt.

Die fiktive Figur von Emilia Wren basiert aber auf anderen erfolgreichen Ballonfahrerinnen der Zeit – und verkörpert gleichzeitig die unsrige, in der Frauen nicht mehr lediglich als Unterhaltungs-Marionetten „in den Seilen hängen“, sondern selbstbestimmt das Steuerruder übernehmen. Dieser begrüßenswerte emanzipatorische Rollentausch verhindert allerdings nicht, dass Emilia trotz beeindruckender Stunt-Einlagen eine eher blasse Abenteuer-Heroine bleibt. Dieses Schicksal teilt sie mit ihrem Filmpartner, weil die Geschichte zwar Action-mäßig zu atemberaubenden Höhenflügen ansetzt, in Sachen zwischenmenschlicher Dramatik aber bildlich gesprochen auf dem Boden bleibt. So traumatisch und bewegt die Vergangenheit der beiden „Luftschiffer“ auch sein mag: Im Film von Serienregisseur Tom Harper geht es hauptsächlich um die spektaktuläre Ballonfahrt, weniger um die persönlichen Beweggründe seiner beiden Figuren.

Zwischen Wissenschaftshistorie, Fantastik und Höhenmeter-Faszinosum

Viele Handlungselemente der Amazon-Produktion dienen offenkundig allein der Dramatisierung, werden jedoch zu hastig abgespult, als dass sie wirklich verfangen würden. Auch die mitreißenden Actionszenen muten weniger realistisch als vielmehr spektakulär an – was dem Vergnügen aber keinen Abbruch tut. Schon der erste Blick auf den rot-weiß gestreiften Ballon durch die Augen dieses begeistert zum Stadion rennenden Jungen zu Filmbeginn deutet an, dass hier eine Art Heißluftballon-Märchen aus kindlicher Freude und staunender Perspektive erzählt werden soll – irgendwo zwischen Wissenschaftshistorie, Fantastik und Höhenmeter-Faszinosum, wenn diese immer wieder als Ziffern-Grafik eingeblendet werden. CGI-gestützter Ausstattungsbombast wechselt sich ab mit (Rück-)Blicken auf die Vergangenheit und auf das gleichzeitige Geschehen am Boden. An sich handelt es sich aber um ein Zwei-Personen-Kammer-, oder besser Korbspiel, flankiert von spektakulären Luftakrobatik-Szenen: Sie sind das Herzstück des Films, der seinen Ballon und den Puls der Zuschauer ziemlich schnell nach oben jagt, dafür aber doch einiges an narrativem Ballast abwirft.

 

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