Fantasy | Dänemark/Norwegen 2020 | 269 (6 Folgen; Staffel 1) Minuten

Regie: Mogens Hagedorn

Eine Coming-of-Age-Fantasyserie aus Norwegen: Zwei Teenager-Jungen ziehen mit ihrer verwitweten Mutter in eine kleine norwegische Stadt namens Edda und müssen sich an der örtlichen Schule einleben. Bald entdeckt der ältere Junge dort rästelhafte neue Kräfte an sich, und durch die Freundschaft mit einer Umweltaktivistin erfährt er, dass in Edda einiges im Argen liegt: Ein mächtiger Konzern, von dem die ganze Gemeinde wirtschaftlich abhängig ist, scheint verantwortlich zu sein für drastische Umweltschäden, die sich in der Umgebung zeigen. Dahinter steckt allerdings nicht ganz normale menschliche Missachtung der Natur, sondern ein mythisches Böses, dem die Schüler entgegen treten müssen. Die Serie versucht, die Umwelt-Sorgen der "Fridays for Future"-Generation mit den nordischen Mythen ums letzte Gefecht zwischen Riesen und Göttern zu verquicken, wobei allerdings das Thema so verflacht wird, dass das Ganze zwar noch als unterhaltsames Coming-of-Age-Abenteuer funktioniert, die Problematik des Klimawandels aber völlig auf der Strecke bleibt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
RAGNAROK
Produktionsland
Dänemark/Norwegen
Produktionsjahr
2020
Regie
Mogens Hagedorn · Jannik Johansen
Buch
Adam Price
Kamera
Philippe Kress
Musik
Halfdan E
Schnitt
Lars Wissing · Elin Pröjts · Mogens Hagedorn
Darsteller
Jonas Strand Gravli (Laurits) · David Stakston (Magne) · Herman Tømmeraas (Fjor) · Theresa Frostad Eggesbø (Saxa) · Emma Bones (Gry)
Länge
269 (6 Folgen; Staffel 1) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Fantasy | Serie

Eine Coming-of-Age-Fantasyserie aus Norwegen: Nordische Mythologie für die "Fridays for Future"-Generation

Diskussion

Magne (David Stakston) und Laurits (Jonas Strand Gravli) kommen in die gleiche Klasse. „Ich habe ein paar Klassen übersprungen, und Magne ist in anderen Dingen gut“, sagt der jüngere der beiden trocken zur Begrüßung. Die Brüder sind neu in der norwegischen Kleinstadt Edda, die eigentlich Odda heißt. Bereits bei ihrer Ankunft bemerkt der von einer Lese- und Konzentrationsschwäche geplagte Magne eine Veränderung. Die „anderen Dinge“, in denen er gut ist, wachsen plötzlich zu enormen athletischen Fähigkeiten heran. Dass dahinter eine göttliche Kraft steckt, merkt Magne ausgerechnet in dem Moment, als er einen Hammer in der Hand hält.

Der Verweis auf den nordischen Gott Thor ist ähnlich subtil wie der Name „Edda“ als Anspielung auf die beiden in altisländischer Sprache verfassten Werke, die eine Art Sammlung der nordischen Mythen und Sagen darstellen. Natürlich ist der in der Edda prophezeite Weltuntergang Ragnarök, die letzte Schlacht zwischen den Riesen und den Göttern, auch gleich das Thema der ersten Unterrichtseinheit. Magne, der sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht darüber im Klaren ist, dass er die Kräfte einer alten germanischen Gottheit geerbt hat, interessiert sich auch mehr für die prosaische Version des Weltuntergangs: die Klimakatastrophe, die in der Schule das Gesprächsthema zur Mittagspause ist.

Der Weltuntergang & die Fridays-for-Future-Generation

Gleich zu Beginn der Serie fahren irdische und mythologische Apokalypse also auf unterschiedlichen Gleisen. Diesen Kurs behält die Serie über den Großteil der sechs Folgen bei. Im Zentrum der Handlung steht die „Fridays for Future“-Generation, die sich mit den schwersten Folgen der globalen Erwärmung konfrontiert sieht. Entsprechend sind die Schüler auch die Helden des Weltuntergangs-Szenarios, das über den Bergen von Edda hängt. Magne findet als gutherziger Außenseiter eine Seelenverwandte in der Aktivistin Isolde (Ylva Bjørkaas Thedin), die eine Umweltkatastrophe eines lokalen Großkonzerns aufzudecken versucht.

Die Handlung von „Ragnarök“ geht auf einen tatsächlichen Skandal zurück. 1970 war der in der Provinz Vestland in Norwegen gelegene Sørfjord so stark mit industriellen Schwermetallen belastet, dass eine Vernichtung aller in ihm beheimateten Tierarten befürchtet wurde. Bis heute ist die Quecksilberbelastung der Fischbestände so hoch, dass vom Verzehr einiger Fischarten abgeraten wird. Für ihren YouTube-Kanal seziert Isolde einen dieser Fische. Die seltsam entstellten Eingeweide, die aus seinem Bauch quillen, versetzen jedoch niemand wirklich in Alarmbereitschaft. Denn Edda ist von der Industrie abhängig. Das ganze Dorf wurde mit dem Geld von Jutul Industries errichtet, und nahezu jede Arbeitsstelle hängt an dem Großkonzern.

Mythologie & Erderwärmung bleiben Staffage

Die SUV-fahrenden Großindustriellen Jutuls, deren Stabbau-Anwesen hoch über Edda thront, kontrollieren die Kleinstadt. Sie sind nicht zufällig ein in seiner Makellosigkeit nicht mehr ganz zeitgemäßes Abbild der Oberschicht. Jede ihrer Gesten wirkt so außerweltlich wie das Dekor des Luxusanwesens, das stets in dunkles Rot getaucht und vom Klang Bach’scher Cello-Suiten durchdrungen ist. Ein feierliches Dinner, zu dem Magne und Laurits geladen sind, offenbart schließlich die göttliche Abstammung der Jutuls. Nachdem Kaviar, Hummer, und Lammkarree serviert wurden, fließt schließlich der Met. So lange, bis die hinter den menschlichen Masken verborgenen Gesichter von Göttern und Riesen sichtbar werden.

Für einen Moment blicken die Riesen ihrem Erbfeind direkt ins Auge. Es ist einer der wenigen Moment, in denen „Ragnarök“ die irdische und die mythologische Ebene zusammenführt. Als Teil einer Serie, die als weitgehend klassische Coming-of-Age-Geschichte erzählt wird, erscheint der Exkurs, der alte und neue Untergangsvisionen aufeinanderprallen lässt, allerdings wie ein ferner Traum, der am nächsten Morgen schon wieder vergessen ist.

Niemand muss das Ende fürchten

Die Riesen bleiben das Feindbild, denen die so oft herbeizitierte globale Erwärmung zusammen mit der lokalen Umweltkatastrophe angelastet werden kann. Eine Zuspitzung, mit der „Ragnarök“ jedes wirkliche Interesse an nordischer Mythologie wie auch an der globalen Erwärmung aufgibt. Beide dienen nur noch als Dekoration, werden weder in Einklang gebracht noch in Widerspruch verwickelt. Vielmehr sorgt das schnell geschaffene und vereinfachte übermenschliche Böse dafür, dass der neuralgische Punkt des Klima-Diskurses ebenso unberührt bleibt, wie die Motive der Edda.

Gut und Böse sind im Zuge der globalen Erwärmung nicht leicht unterscheidbar, wenn man Menschen nicht auf ihren individuellen Energieverbrauch reduzieren will. „Ragnarök“ aber zaubert mit den Riesen schnell Schuldige aus den alten Sagen herbei, ohne sie konkret im Diesseits zu verwurzeln. Niemand muss, konfrontiert mit diesem Feindbild, das eigene Handeln hinterfragen, niemand muss das Ende fürchten. Der Kampf zwischen Riesen und Göttern ist schließlich nicht der bedrohlich nahe Weltuntergang, sondern nur einmal mehr die alte Geschichte von der Götterdämmerung.

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