Coming-of-Age-Film | Japan 2019 | 115 Minuten

Regie: Hikari

Eine junge Frau, die von Geburt an in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und an den Rollstuhl gefesselt ist, aber wunderbar zeichnen kann und eine Karriere als Manga-Zeichnerin anvisiert, will aus ihrem beengten Leben ausbrechen. Dabei muss sie sich allerdings gegen ihre überbehütende Mutter behaupten. Beim Streben, sich freizustrampeln, sucht sie nach neuen, auch sexuellen Erfahrungen und wird mit überraschenden Wahrheiten über ihre Familie konfrontiert. Der mutige Film rührt nicht nur an sexuelle Tabus, sondern erzählt ebenso beiläufig wie undogmatisch von einer Emanzipation, die als Akt der Befreiung auch mit Verletzungen und Wunden verbunden ist. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
37 SECONDS
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2019
Regie
Hikari
Buch
Hikari
Kamera
Stephen Blahut · Tomoo Ezaki
Musik
ASKA
Schnitt
Thomas A. Krueger
Darsteller
Mei Kayama (Yuma Takada) · Misuzu Kanno (Kyoko Takada) · Shunsuke Daitō (Toshiya) · Makiko Watanabe (Mai) · Minori Hagiwara (Sayaka)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama

Eine seit Geburt an den Rollstuhl gefesselte Manga-Zeichnerin will aus ihrem beengten Leben ausbrechen und landet im Rotlichtviertel bei einer Prostituierten mit Herz, was ihr Leben komplett auf den Kopf stellt.

Diskussion

„Siehst du sie auch? Die Gesichter der Hochhäuser? Die Lichter sind die Augen, die Türen sind der Mund. Manchmal beobachten sie uns. Die Außerirdischen. Manchmal glaube ich, dass ich nur eines ihrer Experimente bin. Ein Forschungsprojekt.“

Nur 37 Sekunden hat sie nach ihrer Geburt nicht geatmet. Weniger als eine Minute Leblosigkeit für ein ganzes Leben in Abhängigkeit. Yuma (Mei Kayama) leidet an den Folgen der Zerebralparese. Besser gesagt: sie macht das Beste daraus. Seit sie denken kann, sitzt sie im Rollstuhl. Ihr gekrümmter Körper leistet viel Widerstand bei all den Bewegungen, die für „normale“ Menschen eine Selbstverständlichkeit sind. Hätte Yuma nicht ihre aufopfernde Mutter Kyoko (Misuzu Kanno) und gäbe es nicht die regelmäßige Behandlung im Krankenhaus, wäre die inzwischen 24-Jährigen vielleicht längst gestorben.

Dem Korsett entfliehen

Tief in ihrem Inneren ist Yuma aber alles andere als ein verschüchtertes Mädchen mit Kinderlähmung, das nicht einmal laut um Hilfe schreien könnte, wenn es wollte. Denn dort toben eine befreiende Energie und eine überbordende Fantasie. Dank ihres Computers kann sie einen kleinen Teil dieses Drinnen nach Draußen lassen und mit ihrer Umwelt teilen. Zusammen mit ihrer Cousine Sayaka (Minori Hagiwara) veröffentlicht sie leidlich erfolgreich Mangas, ohne zu ahnen, dass ihr Talent ausgenutzt wird. Doch Yuma will mehr. Sie möchte endlich ihrem Korsett entfliehen, neue Dinge jenseits der häuslichen vier Wänden erleben. Frei sein, auch wenn sie ihrer Mutter unendlich dankbar ist.

„Hattest du eigentlich schon mal Sex? In unserem Job sind Erfahrungen entscheidend!“ Die Ablehnung bei der Chefredakteurin eines Pornomangas ist freundlich, aber bestimmt, als Yuma ihre Mappe mit Entwürfen vorbeibringt. „Du hast Talent. Komm wieder, wenn es soweit ist!“ Aber wie soll Yuma Erfahrungen sammeln? Sie beschließt, sich erstmals Liebe zu kaufen. Zu Recherchezwecken. Und vielleicht auch darüber hinaus. Kein einfaches Unterfangen. Doch an Willenskraft und an naivem Optimismus hat es dem äußerlich so schüchternen Mädchen nie gemangelt.

Der Hauptdarstellerin auf den Leib geschrieben

Das Wunderbare am Drehbuchschreiben ist, dass man die Geschichten – vielleicht gegen alle Wahrscheinlichkeiten – einen Stoß in die „richtige Richtung“ geben kann. Die japanische Filmemacherin Hikari war beeindruckt und bezaubert von ihrer „Hauptdarstellerin“ Mei Kayama und schrieb ihr das Drehbuch zu „37 Seconds“ im wahrsten Sinne des Wortes auf den Leib. Eine wundersame Geschichte, die es verdient, ein wenig märchenhaft zu sein.

Und so geschieht es, dass Yuma im Vergnügungsviertel der Großstadt nicht allzu lange allein und hilflos ist und in Mai (Makiko Watanabe) auf eine Prostituierte mit Einfühlungsvermögen, Humor und Herz trifft. Ausgerechnet im Rotlichtviertel findet Yuma ein winziges Stück Selbstständigkeit. Dort, wo all die anderen „Absonderlichkeiten“ zu Hause sind.

Eine Reise in die Vergangenheit

Das wäre eine banale Geschichte, wenn dies die einzige Geschichte von „37 Seconds“ wäre. Sie ist es nicht. Sie funktioniert nur als wunderbarer Verstärker für das, was eigentlich erzählt wird. Das ist nicht weniger märchenhaft, stößt tief in die Familiengeschichte der alleinerziehenden Mutter vor und führt Yuma zusammen mit Mais Kollegen Toshi auf eine Reise in die Vergangenheit, die für Yuma immer im Nebel verborgen schien.

„37 Seconds“ ist ein mutiger Film. Denn er rührt an Tabus, die nicht nur in Japan gepflegt werden: die Sexualität von Menschen mit Behinderung, den Ausbruch aus traditionellen familiären Strukturen. „37 Seconds“ thematisiert all das beiläufig und undogmatisch. Er erzählt von der Emanzipation als einem Akt der Befreiung, der notwendig ist, aber auch Wunden schlägt und die verletzt, die man liebt.

„37 Seconds“ ist umso liebenswerter, weil er der Geschichte ein klein wenig Feenstaub gönnt. Damit das „Experiment“, das die Aliens mit Yuma durchführen, vielleicht die richtigen Ergebnisse zeitigt. So entstehen Wunder. „37 Seconds“ ist eines davon.

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