Albrecht Schnider - Was bleibt

Dokumentarfilm | Schweiz 2019 | 80 Minuten

Regie: Rita Ziegler

Der Schweizer Maler Albrecht Schnider arbeitet lange und mit vielen Korrekturen an seinen Werken, weil er mit dem Resultat meist nicht zufrieden ist; erst wenn ein Bild „zurückschaut“, lässt er den Pinsel sinken. Der Film begleitet den Künstler drei Jahre lang im Atelier, auf Reisen, beim Unterricht oder bei Ausstellungen und räumt seinen eloquenten Erläuterungen viel Platz ein. Dabei entsteht ein intensives Bild seines kreativen Schaffens, das aber auch den Anteil seiner Mitarbeiter am Oeuvre nicht verschweigt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ALBRECHT SCHNIDER - WAS BLEIBT
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Rita Ziegler
Buch
Rita Ziegler
Kamera
Isabelle Casez · Martina Radwan · Rita Ziegler
Musik
Terry Riley · Colin Vallon
Schnitt
Valérie Smith
Länge
80 Minuten
Kinostart
16.01.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarische Annäherungen an das künstlerische Schaffen des Schweizer Malers und Zeichners Albrecht Schnider.

Diskussion

Der Pinsel gleitet von unten nach oben über die Leinwand, die auf einen hochformatigen Keilrahmen gespannt ist. Es ist ein kleines Bild, an dem Albrecht Schnider malt, und dafür setzt er immer wieder neu an. Von unten nach oben, dann noch einmal nach unten zieht der Maler die Linie in der Mitte der weißen Leinwand. Dabei tanzt der Pinsel immer wieder aus Geraden heraus, zieht kalligrafische Ausbuchtungen und Schleifen. Sekundenschnell pflanzt der Maler diese abstrakte Bohnenranke ins Bild – und wischt die Pinselzeichnung dann regelmäßig wieder weg. Schnider ist fast nie zufrieden – aber immer zuversichtlich, dass irgendwann eine gültige Spur  stehenbleiben kann.

Die Bildhauerin und der Maler

Im Jahr 2015 hat der Schweizer Maler Albrecht Schnider die Filmemacherin Rita Ziegler zum ersten Mal in sein Berliner Atelier gelassen. Drei Jahre lang konnte Ziegler den Künstler dann mit der Kamera begleiten. Neben Besuchen in Schniders Heimat in den Schweizer Bergen, Gesprächen mit Studierenden an der Kunsthochschule Bern, wo er als Dozent lehrt, oder Ausstellungsvorbereitungen in einer New Yorker und einer Berliner Galerie sind es vor allem die Atelierszenen, die in Bann schlagen.

Während Schnider zeichnet oder malt, hält sich Ziegler merklich zurück. Gibt der Künstler während des Arbeitsprozesses Kommentare ab, spricht er meistens Schweizerdeutsch – was Untertitel erforderlich macht. Filmemacherin und Maler sprechen dieselbe Sprache. Ziegler ist in Basel geboren, der heute 61-jährige Schnider in Luzern. Dem für ein Künstlerporträt unabdinglichen Vertrauensverhältnis – Stichwort Augenhöhe – war wohl auch Zieglers künstlerische Ausbildung förderlich: die Filmemacherin hat in Berlin Bildhauerei studiert.

Wenn das Bild zurückschaut

„So ein Lächeln hätte ich auch gerne“, bemerkt ein Besucher in der New Yorker Galerie dem Künstler gegenüber. Das ist ein wichtiger Satz in dem Film, denn Schniders zugleich scheues wie offenes Lächeln steht für eine Kommunikationsbereitschaft, die nicht jedem Künstler gegeben ist. Künstlerische Prozesse lassen sich nicht restlos offenlegen, da sie ja zum Großteil in den Köpfen der Schaffenden stattfinden. Aber mit seiner zugewandten Art, seiner Eloquenz und einigen treffenden Erklärungen gibt Schnider hilfreiche Einblicke in sein künstlerisches Denken.

So erfährt man, dass die stetige Folge von Wegwischen und Neuansatz kaum eine Frage der Tagesform ist: „Wiederholung und Zufall“, erklärt Schnider, seien vielmehr zentrale Stichworte seines Schaffens. Schnider repetiert eine Geste so oft, bis ihr Ausdruck mit seinem Gefühl „zufällig“ übereinstimmt. „Ich suche den Moment, in dem das Bild zurückschaut“, sagt der Künstler. Wenn ein Bild „zurückschaut“, sozusagen als autonome, überlebensfähige Formulierung stehenbleiben kann, lächelt Schnider sein besonderes Lächeln, das Zieglers Kamera mehr als einmal auffängt: Finderglück.

Im Verbund mit vielen Kräften

Künstlerinnen und Künstler leben und arbeiten nicht im luftleeren Raum. Dennoch entstehen viel zu oft Künstlerfilme, die dem überkommenen Klischee des einsamen Genies zuarbeiten. Ziegler zeigt dagegen, dass Kunst ohne Partner, Handwerker, Galeristen und Betrachter praktisch undenkbar ist. So macht der Film kein Geheimnis daraus, dass die großen Lackbilder nach Schniders Zeichnungen und Farbvorgaben in der Werkstatt einer Zürcher Handwerkerin entstehen, während die Existenz von Assistenten und Mitarbeitern in Dokumentationen dieser Art sonst meist verschwiegen wird.

Schniders Ehefrau und „multifunktionale“ Mitarbeiterin Brigitte von Niederhäuser-Schnider kommt ebenso zu Wort wie sein Berliner Galerist Thomas Schulte. Sehr nachvollziehbar erklärt Schulte, wie Schniders eigene Zeichnungen zu Gegenständen seiner gemalten Bilder werden – und welche eigenartigen Details die Übersetzung von Zeichnung zu Gemälde entstehen lässt. Gegen Ende von „Albrecht Schnider – Was bleibt“ wird ein imponierendes Wandgemälde fertiggestellt, das 2016 temporär im „Corner Space“ der Schulte-Galerie, dem wohl schönsten Kunstschaufenster Berlins, zu sehen war. In der finalen Einstellung des Films sieht man den in die Schweiz zurückgekehrten Künstler, wie er einmal mehr den Pinsel über eine kleine Leinwand huschen lässt. Und die Geste wegwischt. Und wieder neu ansetzt.

Kommentar verfassen

Kommentieren