Dokumentarfilm | Deutschland/Belgien/Kenia 2018 | 90 Minuten

Regie: Beryl Magoko

Weltweit sind schätzungsweise 200 Millionen Frauen von genitaler Verstümmelung betroffen, die oftmals in Traditionen verankert ist, mit denen die weibliche Sexualität reglementiert werden soll. Der Dokumentarfilm nähert sich einfühlsam mehreren Betroffenen, zu denen auch die Regisseurin gehört, und schafft es im Dialog, die traumatischen, oft tabuisierten Erlebnisse zu benennen und einzuordnen. Neben diesen intensiven Gesprächen entwickeln die Aufnahmen von der Suche nach weiblicher Solidarität unter den Opfern wenig Kraft, sodass der Film eher als Aufklärung denn über die Filmästhetik wirkt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Belgien/Kenia
Produktionsjahr
2018
Regie
Beryl Magoko
Buch
Beryl Magoko
Kamera
Jule Katinka Cramer
Schnitt
Fani Schoinopoulou
Länge
90 Minuten
Kinostart
06.02.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Intensiver Dokumentarfilm über weibliche Opfer von Genitalverstümmelung, denen es im Dialog gelingt, die traumatischen Erlebnisse zu benennen.

Diskussion

Die Leichtigkeit, mit der die Filmemacherin Beryl Magoko ihre Interviewpartnerinnen in „In Search…“ begrüßt und selbst vor der Kamera auftritt, hat etwas Entwaffnendes. Mit einer außergewöhnlichen Offenheit und Sensibilität gibt die gebürtige Kenianerin anderen Frauen Raum, Erfahrungen, die bislang unter einem Mantel der Scham verborgen lagen, zu teilen und öffentlich zu machen. Sie alle sind Opfer weiblicher Genitalverstümmelung, praktiziert im Namen einer „Beschneidung“, wie sie angeblich die Tradition verlange. Die Effekte einer solchen „kulturellen Praxis“ sind systematische Traumatisierungen, ein Versuch, weibliche Sexualität und Selbstbestimmung zu zerstören. Erst nach einer Weile zeigt sich, dass Magoko selbst zu den Betroffenen gehört und ihr Film daher auch den Versuch darstellt, sich ein Bild ihrer eigenen Verwundungen zu machen und über sie hinauszuwachsen.

Im Dialog mit anderen Frauen wird es erstmals möglich, die furchtbaren Erlebnisse zu benennen und einzuordnen. Wie die meisten von ihnen konnte auch Magoko mit ihrer eigenen Mutter nicht über die ihr bereits im Kindesalter zugefügte Gewalt sprechen. Und genau dies trifft auch das Kernproblem, denn in der Regel werden die Verstümmelungen von den Frauen selbst durchgeführt. Für die betroffenen Mädchen stellt sich somit lebenslang auch die Frage, warum ihre eigenen Mütter sie nicht vor der Gewalt beschützt und sogar aktiv an ihr partizipiert haben.

Magoko thematisiert immer wieder die starken Scham- und Schuldgefühle, die sie überkommen, wenn sie sich gegen die „Beschneidung“ stellt. Die fehlende weibliche Solidarität untereinander nimmt den Frauen die Grundlage für eine Verurteilung der Praktiken, die den ersten Schritt zur Selbstbestimmung bildet.

Würde und Geschlecht wiederherstellen

Magokos Filmprojekt kreist von Beginn an um die Frage, ob sie sich einer Operation unterziehen soll, wie sie erst seit kurzem praktiziert wird, einer klitoralen Rekonstruktion. Da die Verstümmelungen meist auf die äußerlich sichtbaren Teile des weiblichen Geschlechts zielen, dieses jedoch zu einem großen Teil im Inneren des Körpers liegt, ist eine weitgehende operative Wiederherstellung möglich. Bei diesem unkomplizierten Eingriff wird, nach der Entfernung des Schmerz und Beschwerden verursachenden Narbengewebes, der verbliebene Anteil des Organs leicht abgelöst, so dass er wieder an die Körperoberfläche treten und modelliert werden kann.

Für die betroffenen Frauen bedeutet er jedoch sehr viel mehr als nur eine plastische Korrektur. Die sexuelle Empfindungsfähigkeit ist verbunden mit der Würde des eigenen Frauseins und der Menschlichkeit. Die Verstümmelung bedeutet in den meisten Fällen leider nicht nur die Verunmöglichung von Lusterfahrungen, sondern anhaltende Schmerzen in unterschiedlichen Körperregionen, die durch die Beschädigung der empfindlichen Nervenbahnen zu lebenslangen Beeinträchtigungen führen.

Das Schweigen der Mütter

Im Interview mit anderen Frauen wird Magoko immer klarer, dass sie ein ebenso gefürchtetes wie unumgängliches Gespräch suchen muss. Gemeinsam mit ihrem Filmteam begibt sie sich in ihre Heimat Kenia, um dort das erste Mal ihre Mutter mit Fragen zu ihrer „Beschneidung“ zu konfrontieren. In der ländlichen Lebensweise ihrer Familie wird sie jedoch schnell wieder in die eigene Unsicherheit gezogen, zu sehr dominieren hier noch unhinterfragte Traditionen. Die eigenen individuellen Befindlichkeiten zum Thema zu machen, ist nicht üblich, auch das zeigt sich in den Gesprächen mit Magokos Mutter, die zu den stärksten Momenten des ganzen Films gehören.

Es wird dabei deutlich, dass die „Beschneidungen“ Teil einer Unterwerfungslogik sind, die kulturelle Ordnungen stabilisieren sollen, die sich von der Unberechenbarkeit der Sexualität bedroht sehen. Ihre Reglementierung entlastet die Männer von einer Auseinandersetzung mit dem weiblichen Geschlecht und den damit verbundenen Ängsten. Eine solche patriarchale Tradition kann jedoch nicht ohne die Mitwirkung des weiblichen Geschlechts aufrechterhalten werden. Dass die Frauen selbst die Beschneidungen an der nächsten Generation durchführen, lässt sich dabei als traumatischer Wiederholungszwang nachvollziehen.

Weibliche Solidarität als Grundlage des Heilungsprozesses

Auch Magokos Mutter ist Opfer einer umfassenden Verstümmelung geworden, mit der sie sich ihr Leben lang nicht auseinandersetzen konnte. Die Normalisierung dieser Praxis kann als Möglichkeit verstanden werden, die erfahrene Gewalt in ihrer Schrecklichkeit nicht realisieren zu müssen. Doch immer mehr Mütter finden auch den Mut, sich gegen den Konformitätsdruck zu stellen und die eigene Empathiefähigkeit nicht aufzugeben, indem sie ihre Töchter diesen Praktiken nicht aussetzen. „In Search…“ zeigt einen wichtigen ersten Schritt auf diesem Weg. Mitgefühl und die Solidarität zueinander schaffen die Voraussetzungen für ein positives Geschlechterverhältnis.

Gemeinsam mit Kamerafrau Jule Katinka Cramer hat Beryl Magoko mit „In Search… ihren Diplomfilm an der KHM in Köln realisiert. Aus aktivistischer Sicht bietet ihre Dokumentation einen wichtigen Einblick in die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung und leistet zugleich einen Beitrag zur Aufklärung in Bezug auf die rekonstruktiven Möglichkeiten.

Amateuraufnahmen bringen die Suche zum Ausdruck

Filmästhetisch gesehen, hätte ein stärkerer Fokus auf die intensiven Gespräche zwischen den Frauen ihrem Anliegen deutlich mehr gebracht als die häufigen Amateuraufnahmen mit bewegter Kamera, die zwischenzeitlich die Suche zum Ausdruck bringen sollen. Dadurch verliert der Film unnötig an Kraft und Konzentration, die sich vor allem dann entfaltet, wenn die Frauen in einem gemeinsamen Raum ihre Erfahrungen teilbar machen.

Schätzungsweise sind aktuell 200 Millionen Frauen weltweit von genitaler Verstümmelung betroffen, eine unglaubliche Zahl, die in ihrer Dringlichkeit zum Handeln aufruft. Seit 2003 fordert der 6. Februar als Internationaler Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung jährlich dazu auf, sich gegen diese Form der Gewalt zu engagieren. Der an diesem Tag startende „In Search…“ bietet nun auch im Kino die Möglichkeit, Hintergründe zu verstehen und Solidarität zu finden.

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