Sonic the Hedgehog

Abenteuer | USA 2019 | 99 Minuten

Regie: Jeff Fowler

Die aus einem Videospiel der 1990er-Jahre stammende Figur eines blauen Igel-Aliens sucht auf der Erde Zuflucht vor Kräften, die ihre Hyperschall-Geschwindigkeit missbrauchen wollen, gerät aber auch hier ins Visier eines maliziösen Tech-Milliardärs. Dank eines neuen Freundes und dessen freundlichen Eltern kann er sich den Nachstellungen erwehren und findet dadurch ein Zuhause. Mit vielen Actionszenen setzt der Film die Fähigkeiten der Videospielfigur kongenial für die Leinwand um, bindet ihre blaue Überschall-Geschwindigkeit aber in ein empathisch-ausladend erzähltes Miteinander ein und wahrt auch in der grotesken Körperkomik von Jim Carrey als böser Iron-Man-Variante eine kindgerechte Balance. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
SONIC THE HEDGEHOG
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Jeff Fowler
Buch
Josh Miller · Patrick Casey
Kamera
Stephen F. Windon
Musik
Junkie XL
Schnitt
Debra Neil-Fisher · Stacey Schroeder
Darsteller
Jim Carrey (Dr. Ivo Robotnik) · James Marsden (Tom Wachowski) · Tika Sumpter (Maddie Wachowski) · Adam Pally (Billy Robb) · Neal McDonough (Major Bennington)
Länge
99 Minuten
Kinostart
13.02.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 10.
Genre
Abenteuer | Action | Familienfilm | Fantasy | Komödie

Live-Action-Film um die Sega-Videospiel-Figur Sonic, die sich bei ihrer Flucht auf die Erde eines technisch überragenden Gegenspielers erwehren muss.

Diskussion

Als Sonic in den frühen 1990er-Jahren die Bühne der Videospielwelt betrat, brachte er etwas mit, das seinem großen Konkurrenten Mario fehlte: Coolness. Die Welt des bärtigen Nintendo-Klempners ist wie er selbst: bunt, freundlich und voller Spaß. Die Welt, die der Anbieter Sega für Sonic schuf, war nicht weniger bunt; doch der blaue Igel wirkte mit seinen großen Augen und den noch größeren Sneakern, die ihn weit über die Schallgeschwindigkeit hinaus beschleunigten, eben nicht nett, sondern cool.

Was ist aktuell gerade „cool“?

Das ist allerdings eine Eigenschaft, die ein großes Problem mit sich bringt: sie ist fest mit ihrer Entstehungszeit verwurzelt. Während die freundliche und spaßige Welt von Super Mario bis heute den Erfolg ihrer Zeitlosigkeit genießt, durchlebt Sonic seit den 1990er-Jahren eine permanente Identitätskrise. Die Sega-Reihe hat in einer kaum überschaubaren Zahl von Videospielen, vier Cartoons, zwei Comic-Reihen und zwei Anime-Verfilmungen keine Mythologie, keine Kontinuität und keine einheitliche Identität hervorgebracht. Alle Inkarnationen des blauen Igels rennen der jeweils aktuellen Idee von Coolness und damit auch einer ständig neuen Zielgruppe hinterher.

„Sonic the Hedgehog“ findet als erste Realfilm-Adaption jetzt aber eine so effektive wie naheliegende Lösung, um den Protagonisten aus der biografischen, historischen und der Identitätskrise zu führen: die Flucht. Kaum ist Sonic alt genug, um seinen Heimatplaneten im Sprint zu erkunden, muss er von diesem auch schon fliehen. Seine einzigartigen Fähigkeiten machen ihn zum schnellsten Lebewesen seines Planeten und damit zum potenziellen Versuchskaninchen für allerlei skrupellose Entitäten, die ihn gerne im Labor studieren würden. Um diesen zu entkommen, nutzt Sonic die aus den Videospielen bekannten goldenen Ringe, die sich zu interplanetaren Portalen öffnen. Das erste Portal führt direkt nach Kalifornien. Allerdings nicht etwa nach Los Angeles oder San Francisco, sondern in eine nicht weiter erwähnenswerte Kleinstadt.

Ein Schrei nach Liebe

Das Leben auf der Flucht ist einsam. In seinem neuen Zuhause kennt Sonic zwar jeden Einwohner, kann an ihrem Leben aber nicht teilhaben. Sein einziger Spielgefährte ist er selbst. Doch schon die Solonummern, in denen Sonic die Sportevents der Kleinstadt nachspielt, deuten das kreative Potenzial hinter der Geschwindigkeit der Videospielfigur an. Beim Baseball spielt er Pitch, Bunt, Tag Out und schließlich den Home Run so schnell durch, dass zwischen dem ersten Wurf und dem letzten Inning kaum eine Minute vergeht. Die Sequenz ordnet Sonics erratische Energie durch den Schnitt in die Gepflogenheiten der wohl langsamsten aller US-Sportarten ein. Ein Spaß, dessen Schlusspointe dem außerirdischen Igel gebührt: seine Geschwindigkeit steigert sich parallel zur Frustration über seine Einsamkeit, bis sich beides in einem elektromagnetischen Impuls entlädt, der die halbe Westküste lahmlegt.

Der Schrei nach Liebe bleibt weder in der Kleinstadt noch in Washington unbemerkt. Die US-Regierung beauftragt kurzerhand den hochbegabten Agenten Dr. Robotnik, um der Sache auf den Grund zu gehen. Robotnik ist eine grimmige Mischung prominenter Milliardäre wie Elon Musk oder Jeff Bezos. Ein böser Silicon-Valley-Hipster, mit unbegrenzten geistigen und monetären Kapazitäten, die er allein dazu nutzt, sich selbst, seine Maschinen und sein Unternehmen zu füttern.

Jim Carrey verkörpert die böse Iron-Man-Variante in einer für ihn klassischen Ganzkörperperformance. Mit Touchscreen-Handschuhen wischt er wie ein affektierter Dirigent auf den Bedienkonsolen seiner mobilen Zentrale herum und kontrolliert so die unzähligen Maschinen, die sich an Sonics Fersen heften. Bei einer Verfolgungsjagd auf dem Highway verarbeitet Sonic diese an der Seite seines neu gewonnenen Freundes Tom ein ums andere Mal zu Altmetall. Doch die Panzerfahrzeuge, selbstfahrenden Motorräder und Drohnen verwandeln sich kurz nach ihrer Zerstörung in neue, kleinere Versionen ihrer selbst. Technik, die neue Technik in die Welt bringt.

Ersatzfamilie gegen dystopisches Feindbild

Die Antwort auf dieses dystopische Feindbild, das durch Jim Carreys Performance immer wieder in eine kindgerechte Balance gebracht wird, ist ein ausladend und empathisch erzähltes Miteinander. Kleinstadt-Cop Tom (James Marsden), den Sonic „Donut-Lord“ tauft, und seine Frau, die Tierärztin Maddie („Brezel-Lady“; gespielt von Tika Sumpter), stehen dem Igel als eine Art Ersatzfamilie zur Seite, während Sonic lernt, sein „Fish-out-of-water“-Dasein zu genießen. Zwischen Kneipenschlägereien, Streitereien mit Maddies exzentrischer Schwester und der Flucht vor Robotniks Drohnen holt „Sonic the Hedgehog“ auch die Geschichten der menschlichen Nebendarsteller mit ab. Die Drehbuchautoren Patrick Casey und Josh Miller erden die blaue Überschall-Action, die beiläufig mit Filmzitaten um sich wirft, indem sie diese in eine moderne Familiengeschichte wandeln. Auch wenn es knapp 30 Jahre und eine speziesübergreifende Patchwork-Familie gebraucht hat: Sonic hat endlich ein Zuhause gefunden.

Kommentar verfassen

Kommentieren