Tarantino - The Bloody Genius

Dokumentarfilm | USA 2019 | 101 Minuten

Regie: Tara Wood

Eine Dokumentation über die ersten acht Filme von Quentin Tarantino, der wie kein anderer US-Regisseur seit den 1990er-Jahren Starstatus erlangt hat. In drei Kapiteln macht sich der Film daran, das Phänomen Tarantino zu erklären, in dem er insbesondere zahlreiche Schauspieler aus seinen Filmen von der Verehrung für den Regisseur berichten lässt. In dieser Nachzeichnung der Karriere kurzweilig und aufschlussreich, trüben die ungebrochene Mythos-Bildung und die Aussparung von Negativpunkten wie Tarantinos Nähe zum Produzenten Harvey Weinstein das Gesamtbild. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
21 YEARS: QUENTIN TARANTINO
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Tara Wood
Buch
Tara Wood
Kamera
Jake Zortman
Musik
Doran Danoff · Tyler Wenzel
Schnitt
Eric Myerson · Jeremy Ward
Länge
101 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
Koch Media
Verleih Blu-ray
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Eine dokumentarische Hommage an Quentin Tarantino und seine ersten acht Filme

Diskussion

Es gibt kaum einen anderen Regisseur der letzten dreißig Jahre, der das Kinogeschehen seiner Generation so sehr beeinflusst hat und gleichzeitig so sehr zum Mythos erhoben wurde wie Quentin Tarantino. David Fincher, Christopher NolanDarren Aronofsky – alles verdammt gute Regisseure mit außergewöhnlichen Filmen, doch keiner hat die Aura von Tarantino. Er ist der Popstar unter den Regisseuren, und das muss man erst einmal hinkriegen. Seine lakonisch geschriebenen Dialoge, seine ungewöhnliche Mischung aus Humor und exzessiver Gewalt, seine Hommagen an das Genrekino der 1960er- und 1970er-Jahre, seine Reaktivierung vergessener Stars wie Robert Forster oder Pam Grier, seine starken Frauen, seine coolen Kerle – all das macht seine Filme zu Ereignissen, denen man entgegenfiebert. Hinzu kommt der amerikanische Mythos „from rags to riches“: Ein Videothekar wird zum Filmregisseur, der in aller Welt von Kritikern und Filmbuffs gleichermaßen verehrt wird. Und Tarantino ist seinerseits der Filmnerd schlechthin. Welcher andere Cineast könnte auf Anhieb drei Filme von Guy Stockwell nennen, obwohl dessen Bruder Dean Stockwell viel berühmter ist? Irgendjemand?

Ein Überblick über Tarantinos Karriere: die ersten acht Filme

Jetzt gibt es einen Dokumentarfilm über Tarantino, inszeniert von Tara Wood, die sich zuvor schon mit Richard Linklater beschäftigt hatte: „21 Years: Richard Linklater“. Im Original heißt ihr neuer Film ähnlich: „21 Years: Quentin Tarantino“, auf dem Filmplakat steht allerdings „QT8 / Quentin Tarantino: The First Eight“, so als ginge es hier um eine Bestandaufnahme wie in Fellins „8 ½“. „Once Upon a Time in Hollywood“ ist nicht enthalten, weil Woods Film eigentlich bereits seit längerem fertig ist und durch den Skandal um Harvey Weinstein und die damit einhergehende Pleite seines Verleihs mehrere Jahre auf Halde lag.

Weinstein wird am Schluss noch eine Rolle spielen, doch zunächst zeichnet Wood Tarantinos Karriere nach. In drei Kapiteln, „The Revolution“, „Badass Women & Genre Play“ und „Gerechtigkeit“ überschrieben, erklärt sie das Phänomen „Tarantino“. Erst das Drehbuch zu Tony Scotts „True Romance“, dann der Überraschungserfolg von „Reservoir Dogs“. Tim Roth und Michael Madsen berichten von den Dreharbeiten, vom schmalen Budget, von der Auflage, im schwarzen Anzug und weißem Hemd zum Dreh zu kommen. (Steve Buscemi trägt aber eine schwarze Jeans, wie Madsen verrät, er selbst hatte keine schwarzen Schuhe, darum die Boots). Für den Erfolg in Cannes hat der Film keine Bilder, und darum stellt Wood den Trubel auf der Croisette am Tag danach einfach als Animationsszene dar, in der Tarantino und seine Begleiter als Karikaturen gezeichnet sind.

Der Film schreibt mit am Mythoas Tarantino

Später nehmen noch Zoe Bell, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson, Jamie Foxx, Robert Forster und Eli Roth (Regisseur und der Darsteller von Donny „The Bear Jew“ Donowitz aus „Inglourious Basterds“) auf dem Interview-Stuhl Platz. Sie alle berichten von der Verehrung für „ihren“ Regisseur, von den Drehbüchern, die sie auf Anhieb begeistert hätten, den tollen Dialogen, die ein Geschenk für jeden Schauspieler seien, dem Dank, den sie Tarantino schulden, weil er sie erst zu richtigen Stars gemacht habe.

Spätestens jetzt wird klar, dass hier einem Mythos gehuldigt wird, Kritik stört da nur. Hat denn dieser Mann überhaupt keine Fehler? Und was bedeutet es, wenn jemand sein ganzes Leben dem Kino widmet, nichts anderem sonst? Kratzer im Image des Regisseurs, wie etwa die von Uma Thurman erhobenen Vorwürfe, sie beim Dreh zu „Kill Bill“ unter Druck gesetzt zu haben, viel zu große Risiken einzugehen, bleiben außen vor. Tarantino selbst kommt nicht zu Wort, nur in Ausschnitten aus „Making ofs“ ist er zu sehen, nur gelegentlich sind Bonmots von ihm als Inserts eingeblendet.

Der Weinstein-Skandal stört so ein bisschen die heitere Stimmung, durch die Produktionsgeschichte dieses Films wirkt er auch seltsam ans Ende gepappt. Weinstein und Tarantino waren gute Freunde, der Erfolg des einen ist ohne den anderen nicht zu denken. Doch als Mira Sorvino 2018 im Fernsehen unter Tränen berichtet, wie ihr Weinstein zusetzte, stellt Wood den Ton ab. Klar wird: Tarantino wusste Bescheid, seit Jahren schon. Gesagt hat er nichts. Immerhin: Michael Madsens Anekdoten machen Spaß, der Dank von Robert Forster ist echt. Und auch die vielen Grüße der Schauspieler am Ende eines x-beliebigen Takes für die Cutterin Sally Menke – sie starb 2010 – zeugen von der Herzlichkeit unter Tarantinos Crew. Also doch nur alles halb so schlimm?

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