Der Krieg in mir

Dokumentarfilm | Deutschland/Schweiz 2019 | 86 Minuten

Regie: Sebastian Heinzel

Der Filmemacher Sebastian Heinzel will seinen ständig wiederkehrenden Albträumen nachgehen, die offensichtlich mit Erfahrungen seines Großvaters im Zweiten Weltkrieg zusammenhängen. Er stößt auf die generationenübergreifende Weitergabe von Traumata und deckt Zusammenhänge zwischen Schuld, Verdrängung und körperlichen Symptomen auf. Mit seinem Vater reist er nach Weißrussland, findet aber keine konkreten Beweise für die Schuld seines Großvaters. Dafür nimmt er an einem historischen Reenactment als Wehrmachtssoldat teil, was von der Beschäftigung mit den familiären Beziehungsmustern eher ablenkt und davon zeugt, wie schwer es auch der dritten Generation fällt, mit den Leerstellen der Vergangenheit umzugehen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Sebastian Heinzel
Buch
Sebastian Heinzel
Kamera
Adrian Stähli
Musik
Cassis Birgit Staudt
Schnitt
Sascha Seidel
Länge
86 Minuten
Kinostart
08.04.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Der Filmemacher Sebastian Heinzel spürt ständig wiederkehrenden Albträumen nach, die mit den Erfahrungen seines Großvaters auf den osteuropäischen Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs zusammenhängen.

Diskussion

Ein Panzer bahnt sich seinen Weg durch einen dunklen Wald. Diese Anfangssequenz des autobiografischen Dokumentarfilms von Sebastian Heinzel ist durch Animation surreal markiert und wird vom Regisseur im Voice-Over als wiederkehrender Alptraum beschrieben. Die Nähe zum israelischen Film „Waltz with Bashir“ ist nicht zufällig. Denn auch „Der Krieg in mir“ zeigt mittels Animation, was sich in dokumentarischen Aufnahmen kaum darstellen lässt: Die traumatisierenden Folgen von Krieg und Massengewalt für die Psyche der Beteiligten.

Bei Heinzel geht es insbesondere um die Ausweitung des Radius einer solchen Betroffenheit. Denn neuere Untersuchungen zeigen, dass der Krieg über die Generationen hinweg als Erfahrung auch noch bei den Enkeln präsent ist.

Der Filmemacher weiß wenig über seinen Großvater, außer dass er als Soldat der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an Gefechten teilgenommen hat. Die wiederkehrenden Albträume scheinen Erinnerungen wachzurufen, die mit Erfahrungen seiner Vorfahren verbunden sind. Wie so etwas möglich ist, untersucht Heinzel in „Der Krieg in mir“ als investigative Erforschung kollektiver Gedächtnisprozesse. Dabei wählt er vielfältige Darstellungsstrategien, um sich den Leerstellen der Erinnerung ebenso zu nähern wie ihren rätselhaften Reminiszenzen.

Traumatische Erfahrungen wirken fort

Psychoanalytische Thesen über die Weitergabe von Traumata werden zunehmend durch biologische Forschungsergebnisse untermauert. Dabei steht das Phänomen der Epigenetik im Mittelpunkt. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Gewalt und Schockerfahrungen sich über drei Generationen weitertragen, da sich extremer Stress im Erbgut niederschlägt. Es sind dabei nicht die Gene selbst betroffen, sondern ihre Aktivierung oder Deaktivierung im Organismus, erläutert die Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy im Film. An der ETH Zürich untersucht sie die Folgen von Kriegserfahrung für das mentale Leben der Nachfahren.

Doch viele Fragen sind nach wie vor unbeantwortet. Wie kann es sein, dass es Heinzel als Filmemacher immer wieder nach Osteuropa zog und er unwissentlich an Orten drehte, an denen sich sein Großvater im Krieg aufhielt? Woher stammen die Bilder, die ihn in seinen Träumen heimsuchen? Hier spielen kulturelle Tradierungen und Körpergedächtnis offenbar ineinander. Das Schweigen der Elterngeneration oder die szenische Übertragung unverarbeiteter Erfahrungen transportieren offensichtlich Kriegserinnerungen weiter und wiederholen sie im schlimmsten Fall sogar.

Für den Film ist die enge Einbindung von Heinzels Vater Klaus ein Glücksfall. Bereitwillig erinnert er sich vor der Kamera an das schwierige Verhältnis zu seinem eigenen Vater und öffnet sich dafür, seine eigene Biografie zu hinterfragen. Wie so viele Nachkriegskinder flüchtete auch er sich in die Logik der Leistungsgesellschaft. Als Vorstandsmitglied eines großen Unternehmens befindet er sich selbst oft in einer Art Krieg aus feindlichen Übernahmen und Strategien zur Ausschaltung der Konkurrenz. Heinzel beobachtet das Vokabular der Ökonomen in teilnehmenden Beobachtungen und stellt eine überraschende Kontinuität zum Soldatenjargon fest.

Mit der Schuld der Vorfahren umgehen

Gemeinsam mit seinem Vater begibt sich Heinzel ins Archiv. Es ist kein leichter Gang. Denn er macht allen klar, welchen Widerstand es gegen das Wissen um die Taten des Großvaters gibt. Im Gespräch mit einer Historikerin offenbaren sich erstaunlich viele Informationen über Aufenthalte und Wege der Soldaten. Auch wenn es keine Dokumente über einzelne Taten gibt, wird doch deutlich, dass er zumindest als Zeuge an Kriegsverbrechen teilgenommen haben muss.

Die Frage nach der konkreten Schuld des Großvaters wird zur Herausforderung für den Film. Der Wunsch nach Klarheit treibt vor allem den Filmemacher an, doch es fehlt an Evidenzen. Heinzel reist in Begleitung seines Vaters nach Weißrussland und spricht mit einer Überlebenden und anderen jungen Menschen aus der Enkelgeneration, um eine andere Sicht auf die Vergangenheit zu gewinnen. Auch auf Seiten der Osteuropäer gibt es ein ambivalentes Verhältnis zu den Kriegserfahrungen. Während die offizielle Erinnerungskultur die klare Gegenüberstellung von Opfern und Tätern betont, setzen sich auch dort Künstler mit den Grauzonen des Krieges auseinander. Denn eine Auseinandersetzung mit der Schuldfrage der Großeltern wird aus familiärer Loyalität oder religiöser Überformung vielfach vermieden.

Die Suche nach der Urszene

Ihre Auseinandersetzung mit Zeitzeugen, die in den Dörfern auf unterschiedlichste Weise mit der deutschen Armee konfrontiert waren, fällt sehr spannend aus. Auf der Suche nach konkreten Spuren des Großvaters droht der Film dann aber zu entgleisen. Es fällt den Nachkommen schwer zu akzeptieren, dass sich die einzelnen Handlungen des Großvaters nicht mehr rekonstruieren lassen. Häuser und Straßen existieren nicht mehr, weitere Dokumente gibt es auch nicht. Die Fixierung auf historische Details verliert die inneren Fragen aus dem Blick, die sich die Enkelgeneration stellen müsste.

Dafür stößt Heinzel auf die Betreiber der „Stalin Line“, eines aufwändigen historischen Reenactments. Dort wird vor einem großen Publikum der Zweite Weltkrieg nachgespielt. Der Filmemacher nimmt, als Soldat verkleidet, an einer Schlacht teil, so als gäbe es ein kathartisches Moment zu finden. Dabei geht allerdings etwas verloren, was den Beginn des Films auszeichnete: der Fokus auf die familiären Beziehungsmuster und ihre Resonanzen im eigenen Leben. Die Aussöhnung mit der Vergangenheit treibt allzu schnell auf einen Abschluss hin. Am Ende erliegt auch „Der Krieg in mir“ dem Drang nach einer finalen Auflösung. Was auf der anderen Seite davon zeugt, wie schwer es selbst für die dritten Generation ist, mit den Leerstellen der Vergangenheit umzugehen.

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