Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 100 Minuten

Regie: Sandra Kaudelka

Zwei Jahre lang begleitet der Dokumentarfilm die Politikerin Sahra Wagenknecht, durch ein Phase, in der sie als Fraktionsvorsitzende die Geschicke der Linken-Fraktion im Bundestag lenkte, ehe sie im November 2019 alle Ämter niederlegte. Die filmische Langzeitbeobachtung heftet sich an ihre Fersen und beschreibt das Hamsterrad aus Wahlkampf, Medienarbeit, Banalität und innerparteilichen Konflikten. Da der Film eher impressionistisch als diskursiv angelegt ist, bleibt vieles oberflächlich und lückenhaft, zumal die Protagonistin sich sehr professionell zu inszenieren versteht und Distanz wahrt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WAGENKNECHT
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Sandra Kaudelka
Buch
Sandra Kaudelka
Kamera
Albrecht von Grünhagen · Michael Kotschi · Alexander Gheorghiu
Musik
Soufian Zoghlami
Schnitt
Jörg Hauschild
Länge
100 Minuten
Kinostart
12.03.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Langzeitbeobachtung der "Die Linke"-Politikerin Sahra Wagenknecht in den Jahren 2017 bis 2019.

Diskussion

Der Film über die Politikerin Sahra Wagenknecht beginnt mit einem Aufstieg und endet mit einem Ausstieg. Die Filmemacherin Sandra Kaudelka hat beide Momente in ihrer Langzeitbeobachtung miteinander verschränkt. Während Wagenknecht erstaunlich unangestrengt mit dem Fahrrad den legendären Mont Ventoux in Frankreich erklimmt, hört man aus dem Off ihre Erklärung zum Rückzug aus der Spitzenpolitik aus gesundheitlichen Gründen. Was den Betrachter etwas misstrauisch stimmt. Anschließend geht die Reise zurück in den Bundestagswahlkampf 2017, den Wagenknecht als eine der beiden Fraktionsvorsitzenden der Linken und damit als Oppositionsführung mit vollem Einsatz bestreitet.

Mal zu Fuß, mal im Dienstwagen

Der Film ist aber nicht als Porträt konzipiert, sondern versammelt Impressionen aus dem Arbeitsalltag einer Spitzenpolitikerin. Die Filmemacherin nennt das einen „seltenen Einblick“, was vielleicht etwas euphemistisch formuliert ist. So sieht man Wagenknecht mal zu Fuß, mal im Dienstwagen oder im Zug von Termin zu Termin hetzen, auf Versammlungen sprechen, Interviews geben, telefonieren, Termine organisieren. Zwar erzielte „Die Linke“ bei der Bundestagswahl im September 2017 leichte Gewinne, aber dieser Erfolg wurde vom Wahlergebnis der AfD überschattet, die „Die Linke“ als größte Oppositionspartei ablöste.

Da Wagenknecht in der Frage der Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik aktiv gegen die Haltung der Mehrheit in ihrer Partei agiert, schlägt ihr beim Leipziger Parteitag im Sommer 2018 heftige Kritik entgegen. Auch agieren die Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger gegen Wagenknecht, der eine ideologische Nähe zur AfD unterstellt wird. Da der Film aber konsequent in der Beobachterrolle verbleibt, liefert er eher Schlaglichter als Hintergrundinformationen oder gar Diskussionen. Einmal soll Riexinger der Presse ein sehr offen gegen Wagenknecht gerichtetes Interview gegeben haben, bestreitet dies allerdings und wird von Kipping von den Kameras weg in den Sitzungssaal bugsiert.

Obwohl im Film vieles unausgesprochen bleibt, entsteht so doch das Bild einer Folge von Krisen und Enttäuschungen, zumal als Wagenknecht sich an der Seite von Oskar Lafontaine, der im Film nur selten und sehr am Rande auftaucht, um die linke, überparteiliche Sammlungsbewegung „aufstehen“ bemüht, die um ein Haar „Ahoi“ geheißen hätte. Im März 2019 – höchst bedeutungsvoll auf den Tag genau 20 Jahre, nachdem Lafontaine bei der SPD hingeworfen hatte – kündigte Wagenknecht an, sich aus den Führungsgremien der Bewegung zurückzuziehen und auch den Fraktionsvorsitz der Linken aufzugeben.

Ganz auf die Protagonistin konzentriert

Die zentralen politischen Auseinandersetzungen und Konflikte spielen sich gewissermaßen vom Rande her in den Film. Da die Inszenierung sich ganz auf die Protagonistin konzentriert, gleichzeitig aber jede diskursive Weiterung und vermittelnde Diskussion meidet, impliziert dies aber durchaus eine erkennbare Haltung zu den gezeigten Konflikten.

Wagenknecht hat sich zwei Jahre lang von der Kamera begleiten lassen. Ungefähr 300 Stunden Material wurden auf 100 Minuten heruntermontiert. Interessanterweise sind Wagenknecht und der stets präsente und offenbar gut gelaunte Pressesprecher der Fraktion, Michael Schlick, professionell genug, um das Filmteam nah am Geschehen teilhaben zu lassen, es aber gleichzeitig entschieden auf Distanz zu halten. Die stets wie aus dem Ei gepellte Protagonistin trägt ihre Frisur und ihre wechselnden Kostüme wie einen Schutzpanzer. Private Momente beschränken sich auf ein Teekochen in der eigenen Wohnung, Smalltalk bei der Bahnfahrt oder im Dienstwagen und ein Schmunzeln über einen etwas exzentrischen Gesprächspartner, der über Kunst im Büro sprechen möchte.

Die Kunst der Kartoffelsuppe

Einmal hustet Wagenknecht kurz, mitunter erscheint sie etwas erschöpft, ein andermal trägt sie ihr Haar für Sekunden offen, lässt sich aber stets ein Make-up verpassen. Aus all dem resultiert eine etwas banale Langzeitbeobachtung, die sich nicht so recht für das interessiert, was ihr politisch angeboten wird, andererseits aber nicht das angeboten bekommt, wofür sie sich interessiert. Das Politikbusiness erscheint derart atemlos, dass man sich nicht wundert, dass im Alltag keine visionären Entwürfe entstehen. Offenbar gilt die Regel, dass es opportun oder geboten ist, jeden Quatsch mitzumachen und sich vom Boulevard über Rezepte von Kartoffelsuppen befragen zu lassen.

Einmal soll Wagenknecht für ein Foto eine Picknick-Szene vor dem Bundestag simulieren. Im Kostüm und mit Pumps. Das ist ihr dann jedoch zu blöd. Freundlich, aber durchaus bestimmt wird der Wunsch des Fotografen abgelehnt.

Die Filmemacherin nennt in einem Interview die Politik ein „Haifischbecken“ und stellt die Frage: „Doch was soll man tun, wenn man tatsächlich etwas bewegen will in unserer Gesellschaft?“ Der Film „Wagenknecht“ zeigt immerhin, was man besser lassen sollte.

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