Jean Paul Gaultier: Freak & Chic

Dokumentarfilm | Frankreich 2018 | 96 Minuten

Regie: Yann L'Hénoret

Im Jahr 2018 feierte die „Fashion Freak Show“ des ikonischen Modeschöpfers Jean Paul Gaultier im Pariser Varietétheater Folies Bergères Premiere. Die Dokumentation folgt der Entstehung der autobiografischen Revue, die Tanz, Musik, Film und extravagante Modedesigns zu einem spektakulären Bühnen-Biopic verarbeitet. Der Film ist in erster Linie zwar als Werbefilm für das Bühnenstück angelegt, macht dank seiner Überfülle und des stets bezaubernden Couturiers aber dennoch große Freude. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
JEAN PAUL GAULTIER: FREAK & CHIC
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Yann L'Hénoret
Buch
Yann L'Hénoret
Kamera
Yann L'Hénoret
Musik
Stéphane Lopez
Schnitt
Laurent Lefebvre
Länge
96 Minuten
Kinostart
02.07.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentation über die Entstehung der autobiografischen Revue über das Leben des französischen Modemachers Jean Paul Gaultier.

Diskussion

Eigentlich wollte der kleine Jean Paul Gaultier lieber eine Puppe. Doch in den ausgehenden 1950er-Jahren war für einen siebenjährigen Jungen so ein Wunsch nicht vorgesehen. Also verwandelte er den Teddy, den er von den Eltern stattdessen bekam, in „Nana“, einen „Trans-Bären“. Die Lippen wurden mit roter Farbe bemalt, kegelförmige Brüste aus Zeitungspapier gebastelt, die mit Seidenpapier ausgestopft und bei der anschließenden „Operation“ angenäht wurden. Zuletzt kamen die selbstgeschneiderten Kleider hinzu.

Madonnas spitzbrüstiges Korsett

Diese prägende Kindheitserinnerung von Jean Paul Gaultier, in der sich nicht nur seine Zukunft als Modeschöpfer ankündigte, sondern auch sein Spiel mit Geschlechterrollen und ein Sinn für subversive Weiblichkeit nimmt in der „Fashion Freak Show“ einen zentralen Platz ein, einer autobiografischen Revue, die Ende 2018 im Pariser Varietétheater Folies Bergères Premiere feierte; die kindlichen Brust-Prothesen tauchen viele Jahre später in Madonnas legendärem spitzbrüstigem Korsett wieder auf. Der Film „Jean Paul Gaultier: Freak and Chic“ folgt der Entstehung des aus allen Nähten platzenden Bühnen-Biopics. Stilistisch passt sich der Film ganz seinem Gegenstand an, etwa wenn Texteinblendungen in Gestalt bunter Neonleuchten prominent im Bild erscheinen.

Der Dokumentarist Yann L’Hénoret, der zuvor einen Film über Emmanuell Macron gemacht hat, folgt der in Modefilmen mittlerweile standardisierten Dramaturgie einer Countdown-Erzählung. Bis zur Uraufführung wird heruntergezählt: 6 Monate vor der Premiere, 3 Monate, 2 Monate, 20 Tage etc. Auch hier gibt es einige Aufregungen um unfertige Kostüme und wackelige Szenenübergänge. Doch die Arbeit an der „Fashion Freak Show“ betrifft so viele Aufgaben und Gewerke, dass sich dieser ohnehin etwas ausgetretene Pfad in der Fülle des Materials verliert.

Rossy de Palma tritt als strenge Lehrerin auf

„Jean Paul Gaultier: Freak and Chic“ ist kaum weniger opulent als die Show selbst. Man sieht die Gespräche mit dem Musiker Nile Rodgers, die Arbeit an den Choreografien und den Kostümen, die Dreharbeiten zu den Filmszenen, die später auf der Bühne projiziert werden. Rossy de Palma, die vor allem durch ihre Auftritte in den Filmen von Pedro Almodóvar bekannt ist, tritt als martialische Lehrerin auf. Mit schwingendem Lineal und schriller Stimme macht sie den kleinen Jean Paul zur Schnecke, als er eine Tänzerin in sein Schulheft zeichnet. Außerdem tummeln sich neben Models und Kreativen die „Freaks“: Menschen, die queere Sexualitäten und alternative Vorstellungen von Schönheit verkörpern.

Der Film mutet überwiegend wie ein Werbefilm für das Bühnenstück an. Er gibt auch nicht vor, etwas anderes zu sein. L’Hénoret zeichnet die verschiedenen Etappen der Produktion nach, schaut mal in die Probenräume der Choreografin, mal in die Schneiderwerkstätten hinein. Doch insgesamt geht es weniger um ein Making-of als vielmehr darum, die Stationen im Leben von Gaultier nachzuzeichnen: sein homosexuelles Erwachen, die Begegnung mit Francis, der zu seinem Lebens- und Geschäftspartner wird und 1990 an den Folgen von Aids stirbt, die ersten Modenschauen, das Spiel mit Fetisch-Elementen, die Zusammenarbeit mit Madonna etc.

Auf unaufgeregte Weise quirlig

Die Figur, die das collagenartige Material zusammenhält, ist natürlich Jean Paul Gaultier. Trotz seiner 67 Jahre wirkt der Modemacher, der sich unlängst aus der Haute-Couture verabschiedete, immer noch hellwach und auf eine unaufgeregte Weise quirlig. Von der narzisstischen Künstlerfigur könnte der sympathische und immer freundliche Mann im geringelten T-Shirt nicht weiter entfernt sein. Es ist einfach immer eine Freude, ihm zuzusehen.

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