Marie Curie - Elemente des Lebens

Biopic | Großbritannien/Frankreich 2019 | 110 Minuten

Regie: Marjane Satrapi

Die gebürtige Polin Marie Curie (1867-1934) kann sich Ende des 19. Jahrhunderts an der Seite ihres Mannes Pierre in der patriarchalen französischen Wissenschaftswelt etablieren und grundlegende Entdeckungen der Radioaktivität machen. Trotz ihrer Errungenschaften wird sie nach dem Tod ihres Manns jedoch mit fremdenfeindlichen und sexistischen Ressentiments konfrontiert. Die Filmbiografie setzt Curies Arbeit in Beziehung zu den mittelbaren geschichtlichen Folgen, wird damit aber weder der Protagonistin noch der Enormität der Ereignisse des Atomzeitalters gerecht. Zu sich selbst findet der Film nur da, wo er ihren Enthusiasmus als Forscherin abzubilden weiß. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
RADIOACTIVE
Produktionsland
Großbritannien/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Marjane Satrapi
Buch
Jack Thorne
Kamera
Anthony Dod Mantle
Musik
Evgueni Galperine · Sacha Galperine
Schnitt
Stéphane Roche
Darsteller
Rosamund Pike (Marie Curie) · Sam Riley (Pierre Curie) · Aneurin Barnard (Paul Langevin) · Anya Taylor-Joy (Irène Curie) · Simon Russell Beale (Gabriel Lippmann)
Länge
110 Minuten
Kinostart
16.07.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama

Filmbiografie über die polnische Physikerin und Chemikerin Marie Curie, die Ende des 19. Jahrhunderts in die patriarchale Wissenschaftswelt einbrach und bei der Entdeckung der Radioaktivität Pionierarbeit leistete.

Diskussion

Ein kleines Fläschchen ist das Symbol von Marie Curies wissenschaftlichen Erfolgen. Grün schimmert es in ihrer Hand und unter ihrem Kopfkissen. Es ist das Radium, das die Flüssigkeit zum Strahlen bringt. Eines von zwei Elemente, die Curie (Rosamund Pike) nach jahrelanger Forschungsarbeit, gemeinsam mit ihrem Ehemann Pierre (Sam Riley), gegen den Widerstand des patriarchalen Wissenschaftsbetriebs entdeckte und aus hunderten Tonnen schwarzer Pechblende extrahierte.

In Handarbeit schaufelte und presste Curie so lange Erz, bis sie die neuen Elemente entdecken und deren Radioaktivität nachweisen konnte. Die ionisierende Strahlung aufzudecken, hieß dabei in erster Linie, sie sichtbar zu machen. Der Film „Marie Curie – Elemente des Lebens“ von Marjane Satrapi verschreibt sich dem gleichen Ziel. Die Radioaktivität, die Curies Leben und den Verlauf der Geschichte für immer verändert, ist der eigentlich Protagonist, um den die Adaption der Graphic Novel „Radioactive: Marie & Pierre Curie: A Tale of Love and Fallout“ von von Lauren Redniss kreist.

Der Blick aus der Zukunft

Die gewaltige Wirkung von Curies Entdeckung verfolgt der Film weit über ihr eigenes Zeitalter hinaus. Das Leben der Wissenschaftlerin wird im Rückblick aus der Zukunft perspektiviert. Die gesundheitlichen Implikationen, die schon zu Curies Lebzeiten schwere Folgen hatten, stellt der Film in eine Reihe mit den gewaltigen historischen und gesellschaftlichen Umwälzungen. Pierre Curies Husten ist der Vorbote dessen, was in kurzen, Jahrzehnte vorgreifenden Montagesequenzen bis zur Massenvernichtung durch Kernwaffen führt. Die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki – eine Tragödie, die in ihrer ganzen Dimension kaum fassbar ist – werden in der Montage direkt neben die Entdeckung der Bestrahlungstherapie, die Atomic City und die Absurditäten des Atomzeitalters (radioaktive Zahnpasta, radioaktive BHs etc.) gereiht. Die Enormität dieser Ereignisse spielt dabei aber kaum eine Rolle. Sie dienen allein der Aufzählung von großen Momenten der Geschichte, für die Marie Curies Arbeit den Grundstein legte.

Wirklich zu sich findet der biografische Film nur dort, wo das Leben der Protagonistin nicht direkt mit der Zukunft in Verbindung gesetzt wird. Dort, wo sich ihr Enthusiasmus für die Forschung in tatsächliche Leidenschaft verwandelt. Pierre Curie ist der Mann, der – wohl, weil er ihrem Intellekt zumindest halbwegs gewachsen ist – die Leidenschaft in ihr erweckt, die sich direkt aus ihrem unstillbaren Wissensdurst ableitet. Die Fortschritte, die das Paar im Labor erzielt, bindet der Film in der Montage direkt an die Leidenschaft im Ehebett. Die Liebe der Curies steht und fällt mit dem Intellekt. Im Streit ist er die Schwäche, die sie ihm vorwirft. Er sei brillant, aber eben nicht so brillant wie sie.

Das Radium als Talisman

Den glücklichen Urlaub in der Auvergne, den Pierre – zu diesem Zeitpunkt bereits von der Strahlung gesundheitlich stark beeinträchtigt – nach dem geteilten Nobelpreis gerne in ein dauerhaftes Landleben überführen möchte, kann Marie Curie nur für wenige Wochen genießen. Sie sehnt sich zurück ins schmutzige Paris, in das winzige Labor im nahezu lichtgeschützten Hinterhof, zum grünen Schimmer des Radiums. Pierre wird sich fügen, obschon er als erster den gesundheitlichen Preis für die Entdeckung der bis dato unbekannten Elemente Polonium und Radium zahlt.

Marie zieht das giftgrün strahlende Radium, trotz der Strahlenschäden an ihren Händen, so sehr in Bann, dass sie es weiterhin als Talisman mit sich führt. Als mache ihre Leidenschaft für die Forschung sie resistent, ignoriert sie die Folgen der Strahlenkrankheit. Pierres Husten kommt derweil häufiger, wird trockener und hinterlässt schließlich blutige Pfützen in seinem Taschentuch. Geschwächt taumelt er durch die Straßen von Paris, bis ihn eine Kutsche erfasst, deren Räder ihm den Schädel brechen.

Sexismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit

Mit dem Ehemann stirbt auch der soziale Status der Protagonistin. Als sie eine Affäre mit dem Physiker Paul Langevin (Aneurin Barnard) beginnt, werden ihre polnische Herkunft und ihre angeblichen jüdischen Wurzeln endgültig zum Stigma. Zum ohnehin allgegenwärtigen Sexismus der akademischen Elite gesellen sich die antisemitischen, fremdenfeindlichen Ressentiments der Pariser Öffentlichkeit. Solange ihre Töchter trotz des wütenden Mobs vor der Wohnungstür nachts schlafen können, lässt Curie den Hass an sich abperlen. Doch selbst der zweite Nobelpreis, den sie fünf Jahre nach dem Tod von Pierre verliehen bekommt, täuscht jedoch nicht mehr darüber hinweg, dass Marie Curie in den Augen der Welt wieder zu Maria Skłodowska geworden ist.

Es ist fast eine ironische Pointe, dass der Film von Marjane Satrapi die enormen Ungerechtigkeiten beklagt, die Curie in ihrem selten glücklichen Leben erfahren musste, ihr seinerseits aber ein moralisches Dilemma des Fortschritts überstülpt, dessen Ausmaße schon nicht mehr in ihre Lebenszeit fallen. Nach und nach verblasst der hoffnungsvolle Schimmer des beginnenden Atomzeitalters, bis Marie Curies Biografie ihren Fluchtpunkt nicht mehr in der Liebe, sondern in den dunkelsten Stunden der Menschheit findet.

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