Komödie | Schweiz 2019 | 98 Minuten

Regie: Eric Bergkraut

Bei einer fünfköpfigen Schweizer Familie herrscht Dauerchaos. Die Eltern sehen sich zu Dienstleistern ihrer 20-jährigen Zwillingssöhne degradiert, auch der jüngste Bruder leidet unter dem häuslichen Kleinkrieg. Das filmemachende Ehepaar Eric Bergkraut und Ruth Schweikert spitzt in der überwiegend in Originalbesetzung gedrehten Komödie – neben Bergkraut spielen auch die eigenen drei Söhne mit – die Probleme einer akademisch gebildeten Kleinfamilie zu. Eine pointierte, aber nicht allzu straffe „autofiktionale Groteske“ über spätpubertierende junge Erwachsene und übergriffige Eltern, die an den Ansprüchen der heutigen Leistungsgesellschaft scheitern. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WIR ELTERN
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2019
Regie
Eric Bergkraut · Ruth Schweikert
Buch
Eric Bergkraut · Ruth Schweikert
Kamera
Stéphane Kuthy
Musik
Marie-Jeanne Serero
Schnitt
Bigna Tomschin
Darsteller
Elisabeth Niederer (Veronika Kamber-Gruber) · Eric Bergkraut (Michael Kamber-Gruber) · Elia Bergkraut (Anton Kamber-Gruber) · Ruben Bergkraut (Romeo Kamber-Gruber) · Orell Bergkraut (Benji Kamber-Gruber)
Länge
98 Minuten
Kinostart
16.07.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie

Eine bissige Groteske über eine moderne Familie, in der die 20-jährigen Zwillingsbrüder den Eltern längst über den Kopf gewachsen sind.

Diskussion

„Ihr seid unprofessionell“, wirft Anton seinen Eltern an den Kopf, als sie sich sonntags einmal von ihren „Pflichten“ befreien und nicht kochen wollen – „Ihr verwahrlost uns“. Anton ist zwanzig. Wie sein Zwillingsbruder Romeo wohnt er noch immer zu Hause; die Schule besucht er nur selten, sein Bruder Romeo hat sie längst geschmissen. Vero und Michi Kamber-Gruber, die mit dem kleinen Benji noch einen Nachzügler haben, sind am Verzweifeln. Den ganzen Tag räumen sie den Spätpubertierenden das Zeug hinterher, bitten, ermahnen oder drohen mit Konsequenzen. Dabei hat sich ihr Erziehungskonzept schon längst erübrigt: „Ich hör’ schon gar nicht mehr hin.“

Eine autofiktionale Groteske

Eine „autofiktionale Groteske“ nennt das Schweizer Ehepaar Eric Bergkraut und Ruth Schweikert ihren Film „Wir Eltern“, den sie gemeinsam geschrieben, inszeniert und mit ihren eigenen drei Söhnen besetzt haben. Auch Eric Bergkraut spielt eine Version seiner selbst; nur die Mutter ist mit Elisabeth Niederer außerfamiliär besetzt.

Im Großen und Ganzen denken Vero und Michi, alles richtig gemacht zu haben. Sie verstehen sich als eine moderne Familie, mit Ansprüchen an Gemeinschaft und Eigenverantwortung. Als Paar sind sie emanzipiert; beide sind berufstätig – sie Physiklehrerin, er Entwicklungshelfer – und praktizieren eine Fiftyfifty-Aufgabenverteilung (was natürlich auch hier nur so halb stimmt). Sie haben eine gute Gesprächs- und Problemlösungskultur, sprechen über Bedürfnisse und Überforderungen und hören sich gegenseitig zu.

Trotzdem sind ihnen ihre Söhne völlig entglitten. Anton quartiert irgendwann seine Freundin bei sich ein und nimmt auch noch die Fritteuse mit ins Zimmer; und Romeo greift in seiner Weigerung, von zu Hause auszuziehen, irgendwann zu drastischen Methoden. Gleichzeitig nehmen die Eltern den Kindern alles ab und entmündigen sie mit ihren Übergriffigkeiten – etwa wenn sie Anton halb fertig geschriebene Maturaarbeiten vorlegen, zu Themen, die rein gar nichts mit seinen Interessen zu tun haben, aber umso mehr mit ihren eigenen akademischen Ambitionen („Die Entstehung der Welt in Mythen und in Theorien der modernen Physik im Vergleich“).

Eine Putzfrau fürs eigene Bad

Als der Großvater den Zwillingen 18 000 Schweizer Franken zum Geburtstag schenkt, verlieren die Eltern auch noch den letzten Zugriff. Anton und Romeo können sich jetzt alle Wünsche erfüllen: einen Flatscreen zum Gamen im Wohnzimmer sowie eine Putzfrau fürs eigene Bad. Irgendwann sehen Vero und Michi als letzten Ausweg nur noch die Flucht aus der eigenen Wohnung.

Als Komödie ist „Wir Eltern“ oft witzig, gelegentlich auch bissig; die Pointen sitzen aber nicht allzu straff, manchmal macht sich eine gewisse Schluffigkeit breit, die einen schönen Kontrast zur Überreiztheit der Eltern bildet. Dazwischen geschnittene Kommentare des Entwicklungs- und Familienforschers Remo Lago verankern das familiäre Katastrophenszenario im gesellschaftlichen Diskurs; auch ein Familientherapeut und eine Gesellschaftsjournalistin haben etwas zur Situation der Kamber-Grubers zu sagen, wie auch zur allgemeinen Schwierigkeit, in der heutigen Leistungsgesellschaft Kinder großzuziehen.

Die beiden Filmemachenden nehmen es mit der professionellen Kommentarfunktion aber nicht so genau; es geht ihnen mehr um eine grundsätzliche Durchlässigkeit für Realitätspartikel. Die Handkamera ist bewegt, das Spiel der Laiendarsteller*innen eher trocken als ausgestellt. Dass der Film nicht im Schwyzerdütschen Original ins Kino kommt, ist hingegen ein echter Jammer. In der synchronisierten Fassung verpufft mehr als nur der halbe Witz. Abgesehen davon, dass so schöne Ausdrücke wie „Puff“ (für Unordnung) verloren gehen.

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