Harriet - Der Weg in die Freiheit

Biopic | USA 2019 | 126 Minuten

Regie: Kasi Lemmons

1849 entkommt die junge Sklavin Harriet Tubman der Sklaverei in den US-amerikanischen Südstaaten und flieht nach Pennsylvania. Als Beteiligte des Fluchthilfe-Netzwerks „Underground Railroad“ ermöglicht sie in der Folge Tausenden anderer Sklaven den Weg in die Freiheit. Die Filmbiografie über die Abolitionistin (um 1820-1913) feiert deren außerordentliche Verdienste und profitiert von der großartigen Leistung der Hauptdarstellerin, stellt Harriet Tubman aber allzu einseitig als Heilsbringerin dar. Hinter ihrer Strahlkraft wird das millionenfach erfahrene Leid durch die Sklaverei kaum vermittelt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HARRIET
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Kasi Lemmons
Buch
Kasi Lemmons · Gregory Allen Howard
Kamera
John Toll
Musik
Terence Blanchard
Schnitt
Wyatt Smith
Darsteller
Cynthia Erivo (Harriet/Minty) · Janelle Monáe (Marie Buchanon) · Leslie Odom jr. (William Still) · Joe Alwyn (Gideon Brodess) · Clarke Peters (Ben Ross)
Länge
126 Minuten
Kinostart
09.07.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama

Filmbiografie über die US-amerikanische Sklavin Harriet Tubman, die nach ihrer Flucht aus der Gefangenschaft zur „Schaffnerin“ des Hilfsnetzwerks „Underground Railroad“ wurde.

Diskussion

Die Sklaverei verschüttet das Menschsein. Sie begräbt es so tief, dass ein Mensch, der in die Freiheit zurückkehren will, sich geistig und auch körperlich dem Leben ganz neu nähern muss. Er muss lernen, die eigene Existenz zurückzugewinnen. Für Harriet Tubman (Cynthia Erivo), die als „Minty“ in die Sklaverei geboren wurde, beginnt dieser Prozess buchstäblich mit den ersten Schritten: auf ihrer Flucht, die sie über 100 Meilen bis nach Pennsylvania und in den Schutz des Anwesens von Marie Buchanon (Janelle Monáe) führt, wo ehemalige Sklaven ein Refugium finden. Hier, in der Freiheit, lernt Harriet das Laufen noch einmal neu. „Walk like you have a right to“, sagt Marie, die selbst mit der Gravitas einer in Freiheit geborenen Frau einherschreitet.

Erhobenen Hauptes soll Harriet gehen, so, als habe sie das Recht dazu. Eine Aufgabe, die ihr, auch nach mehr als 20 Jahren voller Leid, Entbehrung und Schmerz, keine Probleme bereitet. Kaum ein Jahr nach ihrer Flucht werden die Schritte, die sie aus der Sklaverei befreiten, auch andere in die Freiheit führen. Erhobenen Hauptes schreitet sie an weißen Gesetzeshütern, Rassisten und Denunzianten vorbei. Bis zu dem Hof, auf dem man sie und ihre Familie gefangen hielt. Von dort kehrt sie mit ihrer Familie im Schlepptau in die Freiheit zurück. Vorbei an den Sklavenjägern, den Gutsbesitzern und allen anderen, bis nach Pennsylvania.

Die Entschlossenheit der Hauptfigur

Harriet Tubman rettete nicht nur ihre Familie, sondern leistete einen singulären Beitrag zur „Underground Railroad“, dem berühmten Untergrund-Fluchthilfenetzwerk, das zwischen 1810 und 1850 etwa 100.000 Sklaven in die Freiheit führte.

Die Entschlossenheit, mit der Cynthia Erivo als Harriet Tubman durch die Straßen ihrer neuen Heimat und durch die langen Pfade der Railroad schreitet, bestimmt die Dynamik des Films von Kasi Lemmons. Jede Gruppe, jedes Ereignis, jede andere historische Persönlichkeit ordnet sich Harriets Präsenz unter. Nur in wenigen Momenten legt sie die Intensität ab, die es für ihre Berufung braucht. Wenn die Anspannung aus ihrem Gesicht weicht, formt sich daraus ein Lächeln, das die ganze tragische Geschichte ihres Lebens in sich trägt. Es ist ein rätselhaftes, unerfahrenes und selten geprobtes Lächeln. Eine Gefühlsregung, die freien Menschen selbstverständlich und vertraut ist, scheint für sie etwas Fremdes zu sein, dem sie sich nur selten hingibt.

Die Tragödie der Sklaverei bleibt eher abstrakt

Doch wenn sie nicht aus Harriets Gesicht spricht oder in einer der vielen Abolitionismus-Reden formuliert wird, erscheint die Erfahrung der Sklaverei in „Harriet“ oft abstrakt. Anders als in anderen Filmen, die sich in den letztenJahren dem Thema widmeten, ist das Leid der versklavten Bevölkerung hier kaum spürbar. „Harriet“ produziert nicht die blutigen Bilder aus Django Unchained, die die Basis für Tarantinos Popcorn-Revisionismus bilden, geht nicht den grausamen Weg aus der Freiheit in die Strukturen der Entmenschlichung, von dem Steve McQueens 12 Years a Slave erzählt, teilt nicht die Drastik von Nate Parkers ungelenkem, aber kompromisslosem The Birth of a Nation. Lemmons’ Film fühlt sich zu geborgen in den Händen seiner Protagonistin. In ihrer Anwesenheit erscheinen die Arbeit nicht allzu vernichtend, die Tortur nur vorübergehend, der Fluchtweg nicht allzu weit und die Spuren der jahrelangen Entmenschlichung nicht allzu schwer.

Harriets Taten sind so spektakulär, dass sich die Inszenierung ihnen mit autobiografischem Pflichtbewusstsein verschreibt und selbst nach zwei Stunden noch eine ganze Textwand an Leistungen als Fußnote anhängt, die Tubman nach dem Sezessionskrieg vollbrachte. Doch der heroische Weg, dem hier ein Denkmal gesetzt werden soll, führt eben selten dorthin, wo es wirklich wehtut. Im Kern steht also nicht das, was ein Unrechtssystem mit all seiner Brutalität aus Menschen macht. Es geht vielmehr um den Weg aus diesem System heraus und wie sehr er allein vom Glauben ermöglicht wird.

Kühnheit und Gottes Leitung

„Glauben“ ist dabei durchaus auch im religiösen Sinne zu verstehen. Tubmans ungeahnter Erfolg als „Schaffnerin“ der Underground Railroad, sprich: als Befreierin von Versklavten, liegt nicht allein in ihrer Kühnheit begründet, sondern in den Visionen, die ihr den Weg weisen. Gott selbst, so sagt sie – und niemand außer William Still (Leslie Odom jr.), der „Vater“ der Underground Railroad, stellt das je in Frage – weise ihr durch seine Prophezeiungen den Weg.

Die weißen Herren, die ihren Glauben nicht anerkennen, ereilt bald das Schicksal, das Tubman ihnen in ihren Gebeten wünscht. Die Visionen, die ästhetisch verfremdet auf die kommenden Ereignisse des Films vorgreifen, bekehren die Ängstlichen, die Schwachen und die Verzweifelten und leiten sie durch die lange Reise auf den vom Film ausführlich nachgezeichneten Fluchtwegen. Gott ist mit Harriet Tubman, die unter dem Codenamen „Moses“ ihr Volk nach Hause bringt.

Der erste Kinofilm, der von Harriet Tubman und ihrem Leben erzählt, ist ein pflichtschuldiger, aber auch gefährlich gefälliger Film. Hinter Tubman schließen sich die Unterdrückten zusammen und treten der Entmenschlichung durch die Sklaverei mit Geschlossenheit entgegen. Es erscheint fast so, als sei dies nur möglich, weil Kasi Lemmons ihnen vor der gänzlichen Verschüttung ihrer Menschlichkeit eine Heilige schickte. Und wer könnte ihr widersprechen?

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