Die Tochter des Spions

Dokumentarfilm | Lettland/Deutschland/Tschechien/Estland 2019 | 86 Minuten

Regie: Jaak Kilmi

Über 30 Jahre, nachdem ein lettischer KGB-Überläufer offiziell an den Folgen eines Herzinfarktes verstarb, versucht dessen Tochter mehr über die Hintergründe seines Todes zu erfahren. Die einschlägigen CIA-Akten aber bleiben nach wie vor verschlossen. Ein klug und feinfühlig inszenierter Dokumentarfilm über ein Leben voller Lügen und Geheimnisse inmitten des Kalten Krieges, über eine zerstörte Familie, gefälschte Identitäten und darüber, was es bedeutet, einen Doppelagenten zum Vater zu haben. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MY FATHER THE SPY | SPIEGS, KURS MANS TEVS
Produktionsland
Lettland/Deutschland/Tschechien/Estland
Produktionsjahr
2019
Regie
Jaak Kilmi · Gints Grube
Buch
Jaak Kilmi · Gints Grube
Kamera
Aigars Sermukss · Roland Wagner
Musik
Janek Murd · Jan Trojan
Schnitt
Armands Zacs · Alexander Laudien
Länge
86 Minuten
Kinostart
02.07.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Drei Jahrzehnte nach dem Tod ihres Vaters rekonstruiert die Lettin Ieva Lesinska dessen Leben als Doppelagent für KGB und CIA inmitten des Kalten Krieges.

Diskussion

Spione begegnen den meisten Menschen nur in Filmen oder Büchern. Die Vorstellung, dass sich die eigenen Eltern plötzlich als Geheimagenten entpuppen, klingt deshalb ziemlich aufregend und abenteuerlich. Mit James Bond oder John le Carré haben die Protagonisten in „Die Tochter des Spions“ jedoch kaum etwas gemein. Stattdessen liefert die Dokumentation einen unspektakulären und gleichwohl faszinierenden Einblick in die Welt des Kalten Krieges.

Aus Ieva wird Evelyn

Die lettische Übersetzerin Ieva Lesinska ist 19 Jahre alt, als sie ihr Vater Imants Lesinskis, der damals bei der UNO in New York arbeitet, im Sommer 1978 einlädt, die Ferien bei ihm zu verbringen. Ieva erhält eine Ausreisegenehmigung und fliegt in die USA, die sie bis dahin nur aus der sowjetischen Propaganda kennt. In New York bezieht sie mit ihrem Vater ein Zimmer in einem luxuriösen Hotel, das die junge Frau nachhaltig beeindruckt. Doch am 3. August 1978 ändert sich ihr Leben auf einen Schlag. Ihr Vater eröffnet ihr im Hotelzimmer, dass er als Doppelagent für den KGB und die CIA arbeite und er zu den US-Amerikanern überlaufen werde. Sie müsse sich jetzt entscheiden, ob sie zu ihrer Mutter in die Sowjetunion zurückwolle oder bei ihm in der USA bleibe. Ieva entschließt sich zu bleiben, und schon kurz darauf füllt sich der Raum mit schnauzbärtigen US-Agenten, die Tom und Andy und John heißen und ausgelassen mit Ieva auf ihr neues Leben anstoßen. Aus Ieva Lesinska wird Evelyn Dorn. Ihrer neuen Identität zufolge ist sie eine DDR-Emigrantin mit US-amerikanischem Pass. Acht Jahre lang lebt sie so, bis ihr Vater unerwartet stirbt, offiziell an den Folgen eines Herzinfarktes.

Weitere fünf Jahre später, 1991, nach dem Mauerfall und dem Zerfall der Sowjetunion, kehrt Ieva Lesinska unter ihrem richtigen Namen in ihre alte Heimat Lettland zurück. Den Kalten Krieg möchte sie endgültig hinter sich lassen, das zerrüttete Verhältnis zu ihrer Mutter irgendwie kitten, nach vorne blicken. Nun aber, mehr als 30 Jahre nach dem Tod ihres Vaters, stellt sich Lesinska in „Die Tochter des Spions“ doch noch einmal ihrer Vergangenheit. Gemeinsam mit den beiden lettischen Regisseuren Jaak Kilmi und Gints Grube setzt sie auf eine offene Re-Inszenierung. Das, was an alten Fotos und Filmen aus dem Familienbestand und an historischem Archivmaterial vorhanden ist, wird durch nachgestellte Szenen und Standbilder ergänzt. Gezeigt werden aber nicht nur die fertigen Aufnahmen, sondern auch deren Entstehungsprozess. So wird beispielsweise schon das Casting für die junge Ieva von der Kamera eingefangen.

Doppelt gebrochene „Making of“-Perspektive

Natürlich können auch diese Szenen ihrerseits nachinszeniert worden sein. Bei der Schauspielerin, die ausgewählt wird, wie es heißt, weil sie mit ihrem melancholischen Lächeln so wirke, als habe sie schon einiges erlebt, handelt es sich um die Singer-Songwriterin Elizabete Balçus, die in Lettland keine Unbekannte ist. Dennoch vermittelt die „Making of“-Perspektive ein authentisches Gefühl dafür, dass es sich bei „Die Tochter des Spions“ um eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit handelt. Fast immer ist in diesen Momenten die Kamera auch auf Ieva Lesinska gerichtet, auf ihre Reaktion, ihren Blick.

Als Lesinska sich an die Nachricht vom Tod ihres Vaters erinnert, wird nicht nur der Sarg mit der aufgebahrten Leiche ihres Vaters gezeigt, sondern man sieht zuvor auch, wie der Darsteller Janis Kaijaks mit Hilfe einer Leiter umständlich hineinklettert und Lesinska ihn dabei beobachtet. Als Kaijaks dort schließlich liegt, seufzt sie: „Zu realistisch.“

Dank dieser selbstreflexiven und zugleich fotografisch ansprechenden Inszenierung ragt „Die Tochter des Spions“ ästhetisch angenehm aus dem Dokumentarfilm-Genre heraus. Fesselnd und faszinierend aber ist vor allem, wie nah das Werk den Alltag der Geheimagenten bringt. Diese eigentlich immer irreal wirkende Parallelwelt erscheint auf einmal auf ebenso bizarre wie erschreckende Weise gewöhnlich. All die Ex-Spione, CIA-Mitarbeiter und KGB-Offiziere, die Lesinska für Zeitzeugeninterviews vor die Kamera holt, entpuppen sich, zumindest auf den ersten Blick, als ziemlich unscheinbare, biedere Personen.

Es fällt schwer, nicht mitzulachen

Eines der filmisch ganz konventionell gedrehten Interviews bringt diese, frei nach Hannah Arendt, entsetzliche Banalität am nachhaltigsten zum Ausdruck. Nachdem Lesinska erfährt, dass die CIA-Akten über den Tod ihres Vaters anders als üblich auch nach 30 Jahren noch immer nicht freigegeben werden, sucht sie den ehemaligen KGB-General Oleg Kalugin auf, um in Erfahrung zu bringen, ob ihr Vater womöglich vom KGB ermordet worden war.

Kalugin lebt mittlerweile in den USA und ist seit dem Jahr 2003 US-Bürger. Als Lesinska bei ihm klingelt, öffnet ihr ein freundlicher älterer Herr, der Mühe hat, seinen verspielten Hund an der Leine zu halten. Auch später, während Lesinska mit ihm spricht, lächelt er immer wieder. Manchmal lacht er herzlich. Zum Beispiel, als er von der Auszeichnung erzählt, die der KGB ihm dafür verlieh, dass er 1978 den Mord an dem bulgarischen Dissidenten Georgi Markow organisierte, der in London mit Hilfe eines Regenschirms vergiftet worden war. Oder auch, als er Lesinska erklärt, dass er nicht sagen könne, was mit ihrem Vater geschehen sei, nur so viel: Auf dem Territorium der USA habe der KGB aus Angst vor diplomatischen Verwerfungen keine „Todesurteile“ vollstreckt. In Europa hingegen sei das kein Problem gewesen. Dabei lacht er so ungezwungen schelmisch und ansteckend, dass es fast schwerfällt, nicht mitzulachen, obwohl er doch gerade nonchalant von politischen Morden berichtet.

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