Drama | Deutschland 2019 | 114 Minuten

Regie: Simona Kostova

Eine Clique von sechs jungen Menschen aus Berlin-Neukölln verlebt den Tag, bevor einer von ihnen seinen 30. Geburtstag feiern wird. Binnen 24 Stunden kommt es zu alltäglichen und unerwarteten Begegnungen, die in eine lange Reise durch die Nachtclubs der Stadt münden. Bemerkenswertes Spielfilmdebüt als erstaunliche Mischung aus einem skizzierten Gruppenporträt und gleichzeitigem Mut zum filmischen Experiment und der Verletzung von Regeln konventionellen Erzählens. Ebenso entzieht sich der Film konsequent dem Druck, aus Spielort und Milieu verallgemeinerbare Aussagen abzuleiten. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Simona Kostova
Buch
Simona Kostova
Kamera
Anselm Belser
Schnitt
Simona Kostova
Darsteller
Övünc Güvenisik (Övünc) · Pascal Houndus (Pascal) · Raha Emami Khansari (Raha) · Kara Schröder (Kara) · Henner Borchers (Henner)
Länge
114 Minuten
Kinostart
23.07.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Ein skizziertes Gruppenporträt einer Clique von Menschen aus dem hippen Berlin-Neukölln, die einen von ihnen am Tag vor dessen 30. Geburtstag begleiten.

Diskussion

24 Stunden im Leben einer Clique von Twentysomethings im hippen Neukölln in Vor-Corona-Zeiten. Das Spielfilmdebüt der in Bulgarien gebürtigen Filmemacherin Simona Kostova glänzt durch eine erstaunliche Mischung aus einer Art von skizziertem Gruppenporträt bei gleichzeitigem Mut zum filmischen Experiment. Jede Sequenz des Films scheint einem anderen ästhetischen Konzept zu folgen, wobei die Gemeinsamkeit in der Verletzung der Regeln konventionellen Erzählens liegt. Das ist nicht nur aufregend, sondern offenbart auch einen eigenwilligen Humor der Filmemacherin.

Der Tag beginnt in der Morgendämmerung mit einem unruhig schlafenden und dann erwachenden Mann. Gefolgt von der ersten Zigarette. Övünc, der morgen seinen 30. Geburtstag feiern wird. Lange Minuten beobachtet die Kamera den langsamen Tagesbeginn des Mannes, der sich später als Schriftsteller mit Schreibblockade erweisen wird. Jetzt geht es erst einmal darum, die Freunde für den Abend zusammenzutrommeln. Telefonisch, in aller Herrgottsfrühe.

Die Clique in Alltagssituationen

Der Film stellt die Clique in Alltagssituationen vor. Da sind Pascal und Raha, die sich gerade in aller Freundschaft getrennt haben, was sich erst im Verlauf einer längeren Sequenz herausstellt. Zugleich ist diese Sequenz eine kleine Kamerastudie über die Inszenierung von Tiefe im Raum. Später ein Treffen in der Kneipe, wo eine Frau hinzukommt. Henner hat immer eine Clownsnase dabei, ist immer zuverlässig gut drauf. Anja hat er gerade erst kennengelernt. Dann eine lange Fahrradfahrt von Pascal. Später wird ein nicht sonderlich aufregendes Gespräch zwischen Kara und Raha in der Küche davon unterbrochen, dass Raha die Küchenmaschine anwirft. Schließlich muss ein Kuchen für Övünc gebacken werden. Raha trägt etwas Mysteriöses mit sich herum, spricht davon, dass sie oft nicht recht weiß, warum sie am Morgen überhaupt aufstehen soll, warum sie überhaupt am Leben ist. Zum Glück gehen solche Momente der Infragestellung auch schnell wieder vorbei. Kara übernachtet lieber bei Freunden als in ihrer eigenen Wohnung, die deshalb immer untervermietet ist.

Am Abend beginnt das Reinfeiern in den Geburtstag zunächst mit einem Riesengeschenk. Darin finden sich verpackt immer neue, kleinere Geschenkpäckchen. Am Ende steht Övünc mit leeren Händen da und ist nun doch etwas enttäuscht. Karas Hinweis, dass schließlich der Weg das Ziel sei, muntert ihn nicht entscheidend auf.

Als die Gruppe zum ersten Mal an diesem Tag zusammentrifft, gibt die Kamera ihre bis dato streng beobachtende Rolle auf und dynamisiert ihren Blick. Erst recht, als die lange Reise durch die Szene-Clubs zwischen Techno und Jazz beginnt. So bruchstückhaft die Erzählweise bei den langen Sequenzen des ersten Teils trotz allem auch war, so werden jetzt nur noch einzelne Puzzleteilchen hinzugefügt, die auf nichts Bestimmtes mehr hinauswollen. Es kommt zu zufälligen Begegnungen, kleineren Verstimmungen, Annäherungen und Zurückweisungen. Die Gruppe versucht zwar, die Nacht zu einer besonderen Nacht zu machen, aber irgendwie ist es der Charakter dieser Nacht-Club-Routinen, das genau das nicht zu haben ist.

Kein Zwang zur Verallgemeinerung

Simona Kostova begleitet ihre Figuren durchaus mit Empathie, aber sie drängt sie nicht in eine Dramaturgie, über die sich etwas Verallgemeinerbares einstellte. Selbst die vorgebliche Hipness des gewählten Spielortes und Milieus verliert sich im Laufe der zwei Stunden. Und auch der sagenumwobene 30. Geburtstag taugt nicht oder nicht mehr für einen „rite de passage“. Wenn 30 das neue 20 ist, hat man einfach etwas mehr Zeit für die Suche nach einem passenden Lebensentwurf. Was bleibt ist der Gedanke, dass das, was „Dreissig“ atmosphärisch einfängt, durch die Corona-Pandemie beendet worden ist. Erinnert sich noch jemand daran, dass zu Jahresanfang ein raunender Vergleich mit den „roaring twenties“ des vergangenen Jahrhunderts ein heißes Feuilletonthema war? Und dann kam die Vollbremsung, die man nicht umhin kann beim Sehen von „Dreissig“ mitzudenken. In gewisser Weise eine Lektion.

Kommentar verfassen

Kommentieren